Ecuador: Ölpipelinebruch verursacht Umweltkatastrophe im Amazonas

2,5 Millionen Liter Rohöl haben mehrere Flüsse verseucht. Regierung und verantwortliche Unternehmen weisen Schuld von sich

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Kundgebung von Delegierten der betroffenen Gemeinden in Coca am 10. Juli. Sie fordern, dass im verseuchten Gebiet sofort die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt und die Umweltschäden beseitigt werden
Kundgebung von Delegierten der betroffenen Gemeinden in Coca am 10. Juli. Sie fordern, dass im verseuchten Gebiet sofort die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt und die Umweltschäden beseitigt werden

Quito. Anfang April ereignete sich im ecuadorianischen Amazonasgebiet eine der verheerendsten Ölkatastrophen des Landes der letzten 15 Jahre. Ein Erdbeben löste einen Erdrutsch in den Provinzen Sucumbíos und Napo aus, was zum Bruch von zwei Pipelines führte. In der Folge traten mindestens 2,5 Millionen Liter Öl aus und verseuchten die Flüsse Coca und Napo ‒ Nahrungsquellen für die dort lebenden Indigenen und Flussanwohner.

Im Zuge der Corona-Krise blieb die Katastrophe in den Medien weitgehend unbeachtet. Zehntausende Bewohner des Gebietes haben mitten in der Pandemie ihre Lebensgrundlage verloren. Die Erdölindustrie und die Regierung weisen jede Schuld von sich.

Ursache dieser Katastrophe ist der Bruch am transecuadorianischen Ölpipelinesystem (SOTE) und dem Shushufindi-Quito-Polydukt, die Bohrlöcher im Osten des Landes und die Hauptstadt Quito verbinden. Aufgrund des Schadens sind am 7. April 2020 mindestens 15.800 Barrel Erdöl in den Coca-Fluss geströmt – rund 2,5 Millionen Liter. Geologen warnten bereits nach einer Erosion am Wasserfall San Rafael im Februar, dass das Gelände weiter abrutschen und die umliegenden Infrastrukturen wie Pipelines der staatlichen Erdölfirma Petroecuador sowie des Privatunternehmens OCP beeinträchtigen könnte. Obwohl die lokalen Behörden und die Regierung somit vor einer möglichen Katastrophe gewarnt waren, sprechen sie hinterher von "höherer Gewalt".

Während nationale und internationale Medien im April und Mai nur noch über die Corona-Krise berichteten, konnte die Regierung das öffentliche Interesse an der Umweltkatastrophe kleinhalten und versuchte, sich schnell jeder juristischen Verantwortung zu entziehen. Dabei betrifft die Ölkatastrophe mehr als 2.000 Familien indigener und am Fluss lebender Gemeinden. Mindestens 120.000 Menschen sind im Zugang zu sauberem Trinkwasser beeinträchtigt. Mitten in der Pandemie können die dort lebenden Familien das Flusswasser nicht mehr nutzen, ihre dort angebauten Nahrungsmittel nicht mehr verzehren, mussten den Fischfang einstellen und können weder im Fluss baden, noch ihre Kleider waschen.

Die betroffenen Bewohner der Region sehen sich einer multiplen Katastrophe ausgesetzt: Neben der ungenügenden Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser, der Covid-19-Pandemie, einem Ausbruch des Dengue-Fiebers sowie Überschwemmungen auf Grund der starken Regenfälle in den letzten Monaten sind die Gemeinden nun auch noch von der massiven Verschmutzung durch ausgelaufenes Erdöl betroffen.

Am 29. April zogen die Flussanwohner und indigenen Gemeinden vor Gericht und verlangten eine einstweilige Verfügung. Damit sollten die Regierung und die verantwortlichen Unternehmen, Petroecuador und OCP Ecuador, verpflichtet werden, im verseuchten Gebiet die Versorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln sicherzustellen und die Umweltschäden zu beseitigen. Zudem fordern sie eine angemessene Gesundheitsversorgung. Die Anhörung wurde jedoch am 1. Juni 2020 ausgesetzt und nicht wieder aufgenommen. Seither warten die Betroffenen auf eine Antwort der Justiz.

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Die Anwältin der Kläger, Lina María Espinosa, erklärte, dass "die bisherigen Maßnahmen unzureichend und wirkungslos" waren und beklagte "einen Mangel an Transparenz bei der Offenlegung von Daten. Und die Unternehmen treffen Entscheidungen, ohne die Gemeinden zu konsultieren".

Das SOTE-Pipelinesystem, von dem eine Pipeline gebrochen ist, ist seit 1972 in Betrieb. Die fast 500 Kilometer lange Anlage überquert die Anden und transportiert Rohöl zum Pazifik, das dann in Raffinerien auf der ganzen Welt landet. Auf dem Weg dorthin durchquert die Pipeline gefährliches Gelände: "Dies ist eine kritische Region mit seismischen Aktivitäten. Es gibt eine Straße und ein Wasserkraftwerk am Coca-Fluss, und die Ölpipelines liegen sehr nahe beieinander. Es war vorhersehbar, dass es Schäden am Coca-Fluss geben könnte, wenn den Pipelines etwas passiert", erklärte Andrea Encalada, Forscher an der Universität San Francisco de Quito.

Da der Coca-Fluss in den Napo mündet, kam die Verschmutzung schnell flussabwärts. "Es handelt sich wirklich um einen wirtschaftlichen, gesundheitlichen und ökologischen Notstand", fügt Encalada hinzu.

Gegenwärtig stehen etwa 68 Prozent des ecuadorianischen Amazonasgebiets, das zwölf Millionen Hektar umfasst, unter Konzession für die Ölindustrie. Es wird geschätzt, dass es in der Region mehr als 4.000 Ölquellen gibt. "Am Anfang gab es keine Umwelt- oder Sozialvorschriften, um mit der einheimischen Bevölkerung umzugehen. Die indigenen Völker sind während dieser Jahrzehnte vollständig verschwunden", sagte Carlos Mazabanda von der Nichtregierungsorganisation Amazon Watch.

Für Mitch Anderson, den Gründer von Amazon Frontlines, wird das derzeitige Leck inmitten der Pandemie nicht das letzte sein. Daten des Umweltministeriums, die von Amazon Frontines analysiert wurden, weisen auf 1.169 offiziell gemeldete Lecks zwischen 2005 und 2015 in Ecuador hin. Davon befanden sich 81 Prozent im Amazonasgebiet.

Das Unternehmen OCP habe nach Abschluss einer technischen Bewertung nach dem Erdrutsch den Ölpumpbetrieb wieder aufgenommen, sagte der Betreiber vergangene Woche.

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