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05.09.2010 Costa Rica / Wirtschaft

Die Ananasproduktion in Costa Rica

Industrielle Landwirtschaft enteignet Kleinbauern und zerstört die Umwelt. Ein Fallbeispiel aus Costa Rica
Del Monte-Werbung: "Engagiert für die Umwelt - Wir sind Grüne"

Del Monte-Werbung: "Engagiert für die Umwelt - Wir sind Grüne"

Quelle: Anton Maurer
Lizenz: CC

Del Monte war der erste Konzern, der in Costa Rica im großen Stil Ananas anbaute. Anfang der 1980er Jahre begann das Unternehmen die Ananasproduktion mit einer 300 ha großen Plantage im südlich gelegenen Provinzstädtchen Buenos Aires. Heute kultivieren 31 verschiedene Firmen die Früchte. Teilweise sind die Besitzverhältnisse ungeklärt, aber eine Anbaufläche von rund 45.000 ha der tropischen Frucht macht Costa Rica zum weltweit führenden Ananasexporteur. Die prominentesten Unternehmen sind die US–Giganten Chiquita, Dole und Del Monte.

Einer, der die Entwicklung von Anfang an mitverfolgt hat, ist José*. Er erzählt mir von der Subsistenzwirtschaft, von den kleinen Grundstücken, auf denen vorher hauptsächlich für den Eigenbedarf produziert worden war, und von der systematischen Vertreibung der Kleinbauern, die mit dem Ananasanbau einsetzte. Einige verkauften freiwillig, vielen blieb keine andere Wahl, sie verkauften ihre Grundstücke an Del Monte, als sie von Ananasfeldern eingeschlossen und ohne Wasser waren, oder weil der Konzern die Zufahrtsstraße gekauft hatte. Auf den abgeernteten Feldern kam es zur Bildung eines Substrats, das ideale Brutbedingungen für die „chupa sangre“, eine blutsaugende Fliege, schaffte. Der anschließenden Fliegenplage fiel rund die Hälfte der lokalen Viehbestände zum Opfer. Die costaricanische Regierung verschärfte die Situation, indem sie sich weigerte, die Produkte der Kleinbauern abzunehmen. Banken vergaben plötzlich keine Kredite mehr. José selbst musste seine Kaffeepflanzungen aufgeben, als das Internationale Kaffeeabkommen, das Produzenten jahrzehntelang stabile Preise garantiert hatte, war 1989 durch die USA aufgekündigt worden. Weltweit kam es zu einem starken Verfall der Kaffeepreise.

Die Unterstützung für die Ananaskonzerne von staatlicher Seite kam nicht von ungefähr. Als die FED den US–Leitzins von 4,5  im Jahr 1977 auf mehr als 20 Prozent im Jahr 1981 anhob, stürzten zahlreiche in US–Dollar verschuldete Entwicklungsländer auf der ganzen Welt in eine tiefe Schuldenkrise. In Costa Rica kam es im Jahr 1981 außerdem zu einer massiven Abwertung des Colon gegenüber dem Dollar. Die Zinsen lagen nun nicht mehr unter der wirtschaftlichen Wachstumsrate, sondern deutlich darüber und mussten aus der Substanz beglichen werden. In der Folge wurden die in Washington ansässigen Institutionen Weltbank und IWF damit betraut, die überschuldeten Länder durch radikale neoliberale Reformen, so genannte Strukturanpassungsprogramme, wieder zahlungsfähig zu machen.

Unter den neoliberalen costaricanischen Präsidenten Monge und Arias wurden 1985 und 1989 zwei derartige Strukturanpassungsgesetze verabschiedet. Das zweite Strukturanpassungsgesetz legte die Schwerpunkte auf die Neustrukturierung des Außenhandels sowie auf die Agrarmarktpolitik. Es beinhaltete u.a. den „Abbau von bürokratischen Hürden für die Abwicklung von internationalen Transaktionen“, das „In–Kraft–Setzen eines wirksamen Anreizsystems für Exportaktivitäten“ sowie die „Vollständige Beseitigung direkter Preissubventionen für die Konsumenten von Bohnen, Reis und Mais“ – also für die wichtigsten Grundnahrungsmittel in der Region – , die „Anpassung der intern gezahlten Produzentenpreise an das internationale Preisniveau“ und die „Zulassung der freien Einfuhr dieser Güter“. Damit war der Weg für die ausländischen Konzerne frei. Tatsächlich zahlt etwa PINDECO, ein Tochterunternehmen Del Montes, geringe bis gar keine Steuern und erhält gleichzeitig Exportförderungen in Millionenhöhe.

José arbeitete von Anfang an sieben Tage die Woche zwölf Stunden täglich, zeitweise kam es vor, dass er sein Haus um drei Uhr morgens verließ und erst um acht Uhr abends zurückkehrte. Dort, wo ihm bei der Feldarbeit kontaminiertes Wasser in den Stiefel schwappte, hat er heute eine große Narbe. Der in der Ananas–Industrie extrem starke Einsatz von Chemikalien führt bei vielen Arbeitern zunächst zu Hautausschlägen, Juckreiz und Übelkeit. Langfristig kann der Kontakt mit hochpotenten Pestiziden wie Paraquat, einem vom schweizerischen Konzern Syngenta hergestellten Herbizid, das vom PAN (Pesticide Action Network) zum „Dirty Dozen“ gezählt wird und dessen Verkauf in zahlreichen Ländern verboten ist, zu Atemwegserkrankungen, Krebs, Unfruchtbarkeit, Lähmung, Koma und Tod führen. Die Schutzkleidung der Arbeiter ist in der Regel unzureichend, Informationen zu den verwendeten Giften gibt es kaum. Del–Monte–eigene Ärzte bescheinigen kranken Arbeitern oft beste Gesundheit. Wechselwirkungen der Gifte untereinander sowie deren Abbauprodukte sind weitgehend unerforscht und stellen auch für den Endverbraucher ein Risiko dar.

In Buenos Aires treffe ich Dinia (25) und ihre Tochter Francela. Die heute Vierjährige wurde ohne Arme geboren. Dinia arbeitete vier Jahre in einer Ananas–Verpackungsanlage (empacadora). Sie brauchte einen stabilen Job, und der Lohn war mit umgerechnet rund 250 Euro pro Monat vergleichsweise hoch. Während der ersten achteinhalb Monate ihrer Schwangerschaft war es ihre Aufgabe, Stammreste an den Früchten zu entfernen und die betreffenden Stellen mit einer Chemikalie zu versiegeln. Auch sie arbeitete häufig an sieben Tagen die Woche, zwölf Stunden täglich. Von Seiten Del Montes gab es bezüglich der verwendeten Chemikalie keine Auskünfte, es hieß nur, sie sei von „geringer Gefährlichkeit“. Die firmeneigenen Ärzte versicherten ihr während der Schwangerschaft wiederholt, dass alles in Ordnung sei.

Die Wochen nach der Geburt waren von peinlichen Begegnungen mit Nachbarn geprägt, die Frage nach der Ursache der Behinderung ist bis heute nicht eindeutig geklärt – nach der Geburt ist es schwierig, diese zweifelsfrei nachzuweisen. Gesichert ist, dass es im Kanton Buenos Aires, in dem sich rund ein Viertel der costaricanischen Ananaspflanzungen befinden (derzeit ca. 12.000 ha) und der zugleich der zweitärmste Kanton des Landes ist, in den letzten Jahrzehnten zu einer Häufung derartiger Vorfälle gekommen ist. So kam es in Santa Marta, einem Dorf nahe der Kantonshauptstadt, im Jahr 1998 bei 18 schwangeren Frauen zu 15 Fehlgeburten. Im Falle Francelas trat zwei Wochen nach ihrer Geburt ein heftiger Juckreiz auf, der bis heute andauert. Ihr Körper ist fast vollständig von Ausschlag bedeckt und auf Sonneneinstrahlung reagiert sie überempfindlich. Wegen Haltungsproblemen (Sie isst, malt und spielt mit den Füssen) hat sie Schwierigkeiten mit der Wirbelsäule.

Durch den aggressiven Einsatz von Chemikalien in der Ananas–Industrie wird der Boden in ein weitgehend steriles Medium umgewandelt, was es ermöglicht, Arbeitsschritte für hunderte Hektare genau vorauszuplanen. Die Folgen des Gifteinsatzes für die Umwelt sind Kontamination und Erosion. Wasserschutzzonen werden systematisch ignoriert, was zu großflächigem Fischsterben führt. Trinkwasser wird verseucht, in der Trockenzeit kommt es in einigen Regionen Costa Ricas zu Wasserknappheit, weil ein überproportionaler Anteil des Flusswassers für die Bewässerung der Ananasfelder benötigt wird. Um Platz für immer ausgedehntere Pflanzungen zu schaffen, wird mittlerweile auch in Höhenlagen wertvoller Regenwald abgeholzt.

Der Protest vonseiten der Bevölkerung ist vielfach gering. Ein Beispiel für dieses Phänomen liefert Trino, der, seit er für Del Monte gearbeitet hat, arbeitsunfähig ist. Nach einer ausführlichen Schilderung seiner Leiden, die er mit direktem Kontakt zu den Pestiziden begründet, schreibt er, dass er sich „Gottes Gerechtigkeit“ erwarte und dass er, im Grunde genommen, „nichts gegen die Firma habe“.

Trotzdem gab es von Anfang an Widerstand. So wurde im Kanton Buenos Aires zunächst die Umweltschutzorganisation UNAPROA gegründet, aus der sich dann die FRENTE (Front) formierte, eine Organisation, die auf gezielte Anzeigen und Aufklärungsarbeit setzte, teilweise mit Erfolg. Beispielsweise führte der Druck der FRENTE dazu, dass in Santa Marta, wo Schulkinder tagtäglich den Chemikalien ausgesetzt waren, die Schule abseits der Ananasfelder neu aufgebaut wurde. Erfolglos blieb dagegen eine Anzeige, die eingebracht wurde, als Del Monte im Zuge der Erschließung neuer Anbauflächen in der Nähe des Dorfes Longo Mai auf einen antiken indigenen Friedhof stieß und fünf Grabhügel einebnete, sowie 200 Gräber plündern ließ.

Die FRENTE löste sich auf, als ihre Mitglieder misshandelt bzw. deren Familien bedroht wurden. José erzählt von einem schwarzen Auto, das eines Tages vor seinem Haus stand. Er wurde gezwungen, einzusteigen, woraufhin zwei Sicherheitsbedienstete des Konzerns versuchten, ihn einzuschüchtern und die Namen möglichst vieler weiterer Mitglieder der FRENTE zu erfahren. Von staatlicher Seite gibt es in solchen Fällen keinerlei Unterstützung, die Identität der Schläger ist nicht nachweisbar.

Das Prinzip der „Gewerkschaft“ wird von Del Monte so ausgelegt, dass sich unter dem Titel solidarismo („Solidarität“) einige firmengetreue Arbeitnehmer treffen, deren Sitzungen streng überwacht werden. Aquiles Rivera, Mitbegründer der durch gezielte Entlassungen an den Rand gedrängten tatsächlichen Gewerkschaft, wurde im Mai 2009 auf offener Straße mit dem Tode bedroht.

Was kann man gegen eine Industrie, die Arbeitnehmerrechte und Umweltschutz mit den Füssen tritt, unternehmen? José betont, dass die Macht bei den Konsumenten liegt. Ananas und Bananen – die Kultivierung der Banane ist kaum weniger problematisch als die der Ananas – die in Costa Rica und anderen Entwicklungsländern angebaut werden, werden beinahe zur Gänze in die EU–Länder und die USA exportiert, denen folglich auch die Verantwortung für diese menschlichen und ökologischen Desaster zuzuschreiben ist. Es liegt in den Händen der Konsumenten in Europa und Nordamerika, für Veränderung zu sorgen.

Die in Europa weit verbreitete Meinung, dass der Boykott eines Produktes keinen Sinn macht, weil dadurch Arbeitsplätze verloren gehen, lässt José nicht gelten. Der Konsument kann – in erster Linie, indem er auf der höchsten demokratischen Ebene Druck auf bestehende Gesetze und Normen macht –, aber auch durch Öffentlichkeitsarbeit und bewusste Kaufentscheidungen, z.B. für fair gehandelte Bio–Bananen, den Produzenten zum Umdenken zwingen. Durch eine geringere Produktion frei werdende Böden könnten, obschon zunächst noch verseucht, anderweitig bewirtschaftet werden.

* Name geändert

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