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Klimakrise und Kapitalismus

Einen Internationalen Gerichtshof für Klimagerechtigkeit schaffen. Rede von Präsident Evo Morales Ayma in Cancún
Präsident Evo Morales Ayma

Präsident Evo Morales Ayma

Quelle: www.bolpress.com

Vielen Dank, Schwester, Compañera Kanzlerin und Außenministerin Mexikos, Präsidentin der Konferenz der Teilnehmerstaaten über den Klimawandel.

Ich grüße die Präsidenten, die Leiter der Delegationen der Länder der Welt, internationaler Institutionen, die sozialen Kräfte und die Menschheit in ihrer Gesamtheit.

Von neuem sind wir vereint, jetzt in Cancún, Mexiko, um zu debattieren, Dokumente und Vorschläge zu analysieren und zu beschließen, die es ermöglichen, das Leben und die Menschheit zu retten. Und deshalb möchte ich für die große Gastfreundschaft des mexikanischen Volkes und seiner Regierung danken, die die Teilnahme aller Regierungen und der Völker der Welt in Cancún garantiert hat.

Aber ich will die Kanzlerin fragen: Frau Präsidentin, wozu sind wir nach Cancún in Mexiko gekommen? Ich meine und denke, dass wir alle, die wir nach Cancún gekommen sind, überzeugt sind, den Völkern der Welt Hoffnung zu geben, wir sind hierher gekommen, um den Völkern dieses Vertrauen in ihre Präsidenten, in ihre Regierungen zu geben.

Wir sind hierher gekommen, um uns darüber auszutauschen, wie man den Planeten Erde abkühlen kann, wir sind davon überzeugt, dass unser Planet erhöhte Temperatur hat, der Planet ist verletzt, und wir fühlen in den letzten Jahren, wie der Planet Erde krampfhaft zuckt, und als Präsidenten, als Regierungen, als Delegationschefs, als internationale Organismen haben wir eine enorme Verantwortung gegenüber dem Leben und gegenüber der Menschheit.
Welche Antwort ist es, die wir den Völkern geben werden, die hoffnungsvoll eine Lösung erwarten? Nachdem wir einige Informationen über die Medien gehört haben, sehen wir, dass wir noch einmal das wiederholen wollen, was in Kopenhagen geschehen ist. Für mich ist Kopenhagen kein Scheitern gewesen; wenn es in bestimmter Hinsicht ein Scheitern gegeben hat, dann für die Mächte der Welt, aber nicht für die Völker der Welt.

Also welches ist unsere Verantwortung, wenn wir den Völkern der Welt diese Hoffnung geben wollen: es heißt den Planeten abkühlen, die Temperatur senken; aber jeder von uns, besonders die Präsidenten, die Chefs der Delegationen, die Regierungen, wir müssen uns in die Lage von Millionen und Abermillionen Familien versetzen, die Opfer der globalen Erwärmung sind.

Denken wir als Präsidenten an jene Familien, die Opfer der globalen Erwärmung, an jene Familien, die dem Wassermangel ausgesetzt sind, die jeden Tag sehen, wie ihr Vieh stirbt, ihre Kühe, ihre Schafe, ihre Lamas, weil es in ihrer Gemeinde, in ihrer Region kein Wasser gibt, und sich ohnmächtig fühlen, dieses für ihre Familie dramatische Problem zu lösen. Oder denken wir an eine Familie, die ihr Land verloren hat, weil es diese Insel nicht mehr gibt – die Inseln werden von der Erde verschwinden, jene kleinen Staaten oder Familien, die auf den Inseln lebten, was werden sie tun schon in nächster Zeit?

Was ist das strukturelle Thema – es ist der Kapitalismus, wir diskutieren manchmal nur die Wirkungen der globalen Erwärmung und nicht ihre Ursachen und müssen die Verantwortung aufbringen, die Ursachen der globalen Erwärmung zur Diskussion zu stellen.

Seit zwei oder drei Jahren wird in der öffentlichen Meinung weltweit die Krise des Kapitalismus diskutiert, und die Krise des Kapitalismus äußert sich in vier zentralen Aspekten: die Finanzkrise, die Klimakrise, die Energiekrise und als die wichtigste die Nahrungsmittelkrise.

Hierher sind wir gekommen, um eines der zentralen Themen zu diskutieren, die Klimakrise, die Umwelt, die Natur, und wenn das unsere Verantwortung ist, müssen wir tiefgründig die Krise des Kapitalismus diskutieren, die zur Klimakrise führt.

Deshalb fühle ich, dass wir eine enorme Verantwortung haben, nicht nur gegenüber denen, die gegenwärtig leben, sondern auch gegenüber den zukünftigen Generationen, und wenn wir uns gegenüber den zukünftigen Generationen verantwortlich erweisen wollen, sind wir verpflichtet, diese Politik zu ändern, bei den Ursachen der globalen Erwärmung anzusetzen.
Natürlich sind die Wirkungen wichtig, eine Verpflichtung von Regierungen, Mächten, Regionen ist die Bezahlung der ökologischen Schuld, aber wichtiger ist, bei den Ursachen der globalen Erwärmung etwas zu verändern.

Wir haben dieAufgabe, die Erfüllung der zweiten Periode von eingegangenen Verpflichtungen zu garantieren. Deshalb, Präsidentinnen und Präsidenten, Delegationen aus aller Welt, wenn wir hier das Kyoto-Protokoll auf den Müll werfen, werden wir die Verantwortlichen sein für ein Ökozid, damit auch für ein Genozid und gegen die Menschheit als Ganzes freveln.

Das zweite Thema: Wenn wir Präsidenten sind, wenn wir von unsern Völkern demokratisch gewählt worden sind, haben wir die Verpflichtung, die lautstarke Bitte der Völker der Welt zu hören, wir haben die Verpflichtung, den Beschlüssen der Völker der Welt nachzukommen und sie anzunehmen und wir können hier nicht hinter verschlossenen Türen Dokumente aufzudrängen versuchen, die nicht die Meinung und das Denken der Völker ausdrücken, das aus ihren Leiden hervorgeht.

Sie wissen, dass es eine große Debatte in den Vereinten Nationen gibt, um die extreme Armut zu verringern oder zu beseitigen; die beste Form, die Armut zu beseitigen oder zu verringern, ist den Planeten Erde abzukühlen.
Deshalb nutze ich diese Gelegenheit, um in kurzer Form die Beschlüsse der ersten Weltkonferenz der Völker über den Klimawandel und die Rechte der Mutter Erde zur Kenntnis zu bringen.

Einer der konkreten Vorschläge beinhaltet, den Temperaturanstieg auf dem Planeten bei 1 Grad C zu halten, für mich ist das der wichtigste, aber nach den Vorstellungen, die von einigen Mächten stammen, soll er bei 2 Grad stabilisiert werden, sogar bis zu 4 Grad gelangen - man stelle sich vor, wie sich unser Planet bei 4 Grad oder auch 2 Grad mehr befinden würde. Gegenwärtig haben wir bei 0,8 Grad C Anstieg schon sehr ernste Probleme in der Welt.

Ich habe eine Information der Vereinten Nationen gelesen, von Experten und Wissenschaftlern, die besagt, dass jedes Jahr 300.000 Menschen durch den Klimawandel sterben, und man rechnet, dass es in den nächsten Jahren eine Million Todesfälle pro Jahr als Wirkung des Klimawandels geben wird.
Ein zweiter Vorschlag: Wir müssen begreifen, dass die Natur unsere Heimstatt ist, dass die Erde unser Leben ist. Ebenso wie wir Rechte haben, hat auch die Mutter Erde Rechte. Ich bin überzeugt, liebe Präsidenten und Präsidentinnen, Delegationen aus aller Welt, dass der Mensch ohne die Mutter Erde und ohne unseren Planeten nicht leben kann, aber der Planet kann ohne den Menschen existieren.

Wir befinden uns jetzt nicht in einem Zeitabschnitt, wo über den Klassenkampf zu diskutieren ist, der Klassenkampf hat sich erschöpft; jetzt sind wir in der Etappe, wo das Zusammenleben in Harmonie mit der Mutter Erde zu diskutieren ist, und die Mutter Erde, der Planet, die Natur, wie wir es auch nennen mögen, hat ihre Rechte. So wie vor Jahrzehnten die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beschlossen, danach bürgerliche Rechte, ökonomische Rechte, politische Rechte annahmen, und in den letzten Jahren haben wir die Rechte der indigenen Völker der Welt erklärt, so ist dieses neue Jahrtausend berufen, seitens der Vereinten Nationen die Rechte der Mutter Erde zu diskutieren und zu beschließen.

Rechte zur Regeneration ihrer Biokapazität, Rechte auf ein sauberes Leben ohne Kontaminierung der Mutter Erde, das Recht der Mutter Erde auf die Erhaltung des Gleichgewichts, und wenn wir als Menschen, als Regierungen nicht das Gleichgewicht der Mutter Erde, ihr Recht auf Regeneration ihrer Biokapazität garantieren, werden wir alle für den Genozid verantwortlich sein.

Andererseits wissen wir alle als Präsidenten, wie wichtig einige Maßnahmen sind, um die Achtung der Normen durchzusetzen, die koerzitive Seite ist sehr wichtig, wenn wir das Leben verteidigen wollen, und deshalb schlagen die Völker der Welt mit großer Weisheit vor, einen Internationalen Gerichtshof für Klimagerechtigkeit zu schaffen, zu gründen; alle, die nicht die Rechte der Mutter Erde respektieren, sollten vor Gericht gestellt werden. Ein Internationales Tribunal, um die Erfüllung des Kyoto-Protokolls oder andere Normen durchzusetzen, die, dessen bin ich sicher, wenn nicht die Regierungen, dann die Völker ausarbeiten werden, um unseren Planeten zu verteidigen.

Aber wir hören auch mit großer Besorgnis von der grünen Wirtschaft. Wir sind hier nach Cancún in Mexiko gekommen, um die Natur zu retten, um den Wald zu retten, damit auch den Planeten Erde zu retten. Wir sind nicht hierher gekommen, um die Natur in eine Ware zu verwandeln, wir sind nicht hierher gekommen, um das Überleben des Kapitalismus mittels Kohlenstoffbons zu erleben. Der Wald, die Natur ist etwas Heiliges für die Völker der Welt, und wir können nicht zulassen, dass neue Politiken für das Überleben des Kapitalismus eingeschlagen werden.

Liebe Präsidenten und Präsidentinnen, wenn wir uns nicht darüber klar sind, dass die tiefen Ursachen für die globale Erwärmung im Kapitalismus liegen, wird es viele und immer neue Zusammenkünfte von Präsidenten, Regierungen, internationalen Organismen geben und niemals werden wir dieses Problem, bei dem es um das Leben und die Menschheit geht, einer Lösung zuführen. Aber ich will Ihnen auch sagen, dass ich überzeugt bin, dass es die Völker sein werden, die das tun, was die Regierungen machen müssten, und sie werden es mit den Präsidenten und Regierungen tun, die an der Seite ihrer Völker stehen.
Deshalb rufe ich die Präsidenten und Regierungen von heute auf, von Cancún aus, von Mexiko aus Geschichte zu machen für das Wohl der zukünftigen Generationen.

Die sozialen Kräfte der Welt sind immer die Triebkräfte gewesen, die Politik verändert haben, die Imperien gestürzt haben, die mit Mächten Schluss gemacht haben, und die sozialen Kräfte der Welt werden die Schlacht für das Leben, für die Menschheit im Streben nach Gleichheit und Würde aller Völker der Welt weiterführen.

Deshalb, statt dass die Völker, die sozialen Kräfte der Welt uns überholen, werden wir, die Regierungen, oder müssen wir als Regierungen die Verbündeten der Völker der Welt sein, die die Hoffnung und das Leben der zukünftigen Generationen garantieren.

Präsidenten, wir sind davon überzeugt, dass unsere Präsidenten, unsere Regierungen der Welt ihre Verantwortung wahrnehmen werden, nicht nur gegenüber bestimmten Mächten, gegenüber bestimmten transnationalen Unternehmen, sondern gegenüber den Völkern der Welt, denn die Völker, die sozialen Bewegungen sind wichtiger als die Unternehmen und die transnationalen Gesellschaften, deren Präsenz zwar auch wichtig ist, aber heute, in diesem neuen Jahrtausend haben wir die enorme Verantwortung, das Leben zu garantieren, der Menschheit Sicherheit zu geben, und das heißt das Überleben des Planeten Erde zu garantieren.

Frau Präsidentin, vielen Dank dafür, dass Sie meine Teilnahme gestattet haben, und wir hoffen, dass wir alle hier den Völkern der Welt Hoffnung geben.

Vielen Dank!

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