Systemwechsel statt Klimawandel

Gespräch mit dem bolivianischen Außenminister David Choquehuanca

choquehuanca-227x300.jpg

Boliviens Außenminister David Choquehuanca
Boliviens Außenminister David Choquehuanca

Mit Teilnehmern aus aller Welt wurde in Cochabamba die Weltkonferenz der Völker über den Klimawandel und die Rechte von Mutter Erde abgehalten. Uns interessieren nun die Ergebnisse, die das Initiator- und Gastgeberland aus diesem historischen Ereignis zieht.

Als wir mit Präsident Morales und weiteren Präsidenten am Klimagipfel in Kopenhagen teilgenommen haben, hatten wir bestimmte Erwartungen. Wir dachten, die Präsidenten würden ihre Verantwortung wahrnehmen. Doch bedauerlicherweise hatten wir, die Völker, in Kopenhagen nicht die Möglichkeit, unsere Vorschläge, unsere Positionen, unser Denken und unser Fühlen einzubringen. Es ging viel mehr darum, ein Dokument durchzusetzen, das nicht Ergebnis eines Konsens war, sondern das viele Länder abgelehnt haben. Deshalb ist Kopenhagen ohne Ergebnis geblieben. Später dann hat man ein Dokument, das „Kopenhagener Abkommen“, in Umlauf gebracht, dem sich einige Länder angeschlossen haben.

Präsident Morales hat Kopenhagen kritisiert, aber wir können uns nicht aufs Kritisieren beschränken. Wir müssen lernen, dass wir nicht einfach nur Kritik üben können, wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind, sondern einen alternativen Weg aufzeigen müssen. Und nach Rücksprache und Beratung mit sozialen Organisationen, nicht nur aus Bolivien, sondern mit Organisationen aus der ganzen Welt, mit denen der Präsident enge Beziehungen hat, entschloss er sich eine Weltkonferenz einzuberufen, um dieses Thema zu diskutieren, das ja zudem aktuell für uns das wichtigste Thema ist: der Klimawandel.

In dem Aufruf heißt es „.ruft die sozialen Organisationen und Bewegungen auf“ und „lädt die Regierungen ein“. Es gab große Überraschungen. Wir hätten nie mit so vielen Teilnehmern gerechnet. Dieses Thema ist sehr wichtig. Wir hatten Teilnehmer aus 150 Ländern und fast 50 Länder haben offiziell Delegierte entsendet, darunter die USA, Mexiko, Spanien und Frankreich.

Wir waren darauf vorbereitet, zwischen 1000 und 5000 Personen zu empfangen. Es kamen mehr als 35 000 Menschen aus allen fünf Kontinenten, einschließlich internationaler Organismen. Noch nie hatten wir eine Veranstaltung dieser Größe. Aber Dank einer - man könnte sagen – militanten Teilnahme, haben wir es gemeistert. Für einige Themen hatten wir Säle mit Kapazitäten bis zu 500 Personen vorbereitet, zu denen 5000 gekommen sind.

Aber die Teilnehmer haben Verständnis gezeigt und wir haben die Schwierigkeiten zusammen gelöst. Ich habe schon an vielen Veranstaltungen teilgenommen. Wenn eine Räumlichkeit nicht angemessen ist, beschuldigen wir uns für  gewöhnlich, wir protestieren, regen uns auf und wollen die Organisation darauf aufmerksam machen. Aber hier gab es nichts dergleichen, für alles gab es eine Lösung. Die Teilnehmer in Cochabamba waren wirklich militant. Es waren Personen, die ein verbindliches Engagement für das Leben, ihre Familien und ihre Völker haben.

Und wir sollten auch das Verhalten des Bürgermeisters und der Bevölkerung von Tiquipaya hervorheben. Alle, die dabei waren, sind Zeugen einer Atmosphäre der Mitarbeit, des Zusammenwirkens, der Partnerschaft.

Die Teilnahme der Wissenschaftler war überaus wichtig. Im Hinblick auf die Ergebnisse haben die meisten gesagt, dass der wahre Grund für die Klimakrise im System liegt. Das wurde von den Wissenschaftlern bestätigt, die an einem runden Tisch über die strukturellen Gründe des Klimawandels teilgenommen haben.

Das Engagement und die Überzeugung der Teilnehmer in Cochabamba wurden gestärkt. Dabei handelt sich nicht um politische oder ideologische Positionen, sondern um wissenschaftlich fundierte Aussagen. Die Wissenschaftler sind zu dem Schluss gekommen, dass der Grund im kapitalistischen System liegt. Es gab Beteiligung von Universitätsprofessoren und vom europäischen Parlament, die den beiden Jugendlichen, die auf einmal in Kopenhagen aufgetaucht waren, voll und ganz zustimmen. Als dort in Kopenhagen alle Präsidenten versammelt waren, erschien auf einmal ein junges Pärchen. Sie führten das Wachpersonal an der Nase herum und gelangten nach vorne. Die Polizei war nicht schnell genug, um sie aufzuhalten. Und die Jugendlichen riefen: „Ändert nicht das Klima, sondern das System!“

Die beiden Jugendlichen aus Kopenhagen, die den Präsidenten diese Botschaft zuriefen, finden hier in Cochabamba Zustimmung von Wissenschaftlern, sozialen Bewegungen und Organisationen.

Ein weiteres Resultat von Cochabamba ist die Kenntnis des Kyoto-Protokolls. Vorher wurde es zwar immer in den Mund genommen, aber nicht verstanden. Beim Lesen der Zeitung verstand man nicht, warum immer gesagt wurde, in Kopenhagen wolle man das Kyoto-Protokoll begraben. Wir hingegen möchten das Kyoto Protokoll verbessern, vertiefen und ergänzen. Das ist eines der Ergebnisse von Cochabamba.

Aufgrund verschiedener Themen wurden die Ergebnisse von Cochabamba von den Vereinten Nationen, sozialen Organisationen und Regierungen begrüßt. Heute ist in allen Veranstaltungen zum Klimawandel von den Ergebnissen von Cochabamba die Rede.

Wie sieht der Wechsel aus, dem wir nach Cochabamba folgen sollen?

Am Anfang wurde die Debatte nur auf Ebene der Präsidenten geführt. In Cochabamba haben die Organisationen beschlossen, eine weltweite Bewegung für die Verteidigung von Mutter Erde zu gründen, um zu Themen wie dem Klimawandel zu arbeiten. An dieser weltweiten Bewegung nehmen ganze Länder teil. Es gibt Länder, die das entschieden unterstützen, darunter natürlich Bolivien und die anderen Länder der ALBA. Wir haben unsere Ergebnisse aus Cochabamba rechtzeitig in Deutschland präsentiert, damit die zuständige UN-Komission sie berücksichtigen kann. Wir haben das Dokument in ein geeignetes Format gebracht.

Für die Ausarbeitung des Dokuments von Cancún ist Zimbabwe verantwortlich, den Vizevorsitz haben die USA. Es kamen weltweit 13 Vorschläge für dieses Dokument, wobei einer dieser Vorschläge die von Bolivien eingebrachten Ergebnisse aus Cochabamba sind. Wenn wir auf eine demokratische Ausarbeitung hoffen, die die 13 eingetroffenen Vorschläge berücksichtigt, sollten die Ergebnisse aus Cochabamba in Cancún, Mexiko, aufgenommen werden, und in dem dort diskutierten Dokument vorkommen.

Leider war im ersten Entwurf keine demokratische Vorgehensweise erkennbar. Wir waren in Deutschland und haben unseren Ärger und unsere Besorgnis zum Ausdruck gebracht. Das Dokument in Cancún wird gerade ausgearbeitet. Und wir hoffen, dass der von Zimbabwe geführte Vorsitz diese Anliegen berücksichtigen kann. Wir haben das Dokument den Vereinten Nationen vorgestellt und es wird gerade auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Organisationen diskutiert.

Ein paar Institutionen haben es in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Es herrscht großes Interesse am Inhalt dieses Dokuments. Wenn wir reisen, fragt man uns stets nach der Weltkonferenz. Der Text wurde editiert und wir werden ihn bald vorstellen. Wir müssen ihn bekannt machen und in allen Sprachen veröffentlichen, denn die Nachfrage nach dem Dokument ist groß.

Welche Perspektive hat diese weltweite Bewegung sozialer Organisationen zur Verteidigung von Mutter Erde, die sich gerade bildet, nach dem Gipfel von Cochabamba?

Es war an der Zeit, dass diejenigen, die die Parolen „eine andere Welt ist möglich“ und „ein anderes Amerika ist möglich“ proklamieren und wir Indigenas, die wir sagen, dass wir eines Tages zum Weg des Gleichgewichts zurückkehren, und dass es dafür Anzeichen gibt, diese auch wirklich anstoßen. Dazu gehört eine weltweite Bewegung, die das System in Frage stellt und sich dessen bewusst ist, wer diese Krise ausgelöst hat.

Wir sind in einer Zeit der Krise, und diese Krise soll eine Chance für uns sein. Wir brauchen einen Ort, einen Raum, in dem wir alle zusammen diskutieren können, in dem wir Gedanken austauschen können, in dem wir Antworten ausarbeiten können, und in dem wir auf gemeinschaftliche Art und Weise neues Wissen erwerben können. Wir brauchten diese Räume. In der Vergangenheit gab es sie für politische Parteien, teilweise gibt es sie auch weiterhin, wie das Forum von Sao Paulo, aber wir brauchten diese Räume für uns. Die Völker brauchen sie.

Ich glaube es ist kein Zufall, dass der Aufruf zu dieser Weltkonferenz so viel Akzeptanz von Seiten der Regierungsvertreter, internationalen Organismen, Fachleute, Abgeordneten und sozialen Führungspersonen erfahren hat. Wir waren alle in Cochabamba und haben die Entscheidung getroffen, diese Bewegung ins Leben zu rufen und ein weltweites Referendum über die Rechte von Mutter Erde und den Klimawandel durchzuführen. Es soll uns Menschen ein harmonisches Leben mit uns selbst, mit unserer Umwelt und mit der Mutter Erde ermöglichen.

Ebenso ist es kein Zufall, dass dabei die Bewegung der Indígenas, die Urvölker, eine führende Rolle spielen.

Das Ministerium für Kultur hat ein Buch über die Präsidentschaft von Evo Morales herausgegeben mit dem Titel „Wie es geschrieben stand“. Im Jahr 1992 haben wir zusammen mit Ecuadorianern, Kolumbianern und Peruanern an der Kampagne „500 Jahre Widerstand“ gearbeitet, denn nach 500 Jahren halten wir weiter unsere eigenen Organisationsformen, indigenen Autoritäten und Symbole aufrecht. Wir sprechen weiter unsere Sprachen, trotz alledem. Also haben wir uns organisiert, um gemeinsam unseren Widerstand zu feiern, nach 500 Jahren der Ausbeutung, des Ausgestoßenseins, der sozialen Ausgrenzung und der Schläge. Im Jahr 1992 haben wir uns in Tiwanaku versammelt und von verschiedenen Stammesoberhäuptern aus aller Welt Besuch erhalten, darunter vom Volk der Lakota aus den USA.

Sie brachten eine Botschaft mit. Wir alle brachten diese Botschaft mit. Wir wissen, dass unsere Zeit kommen wird, wir haben nie die Hoffnung darauf verloren und sind überzeugt, dass eines Tages wir regieren werden. Dieses pachakutik wird kommen. Pachakutik ist die Rückkehr zum Gleichgewicht. Wir werden nicht ewig in der macha sein. Macha heißt Ungleichgewicht. Wir werden zur  pacha zurückkehren. Die Mayas sagen, wir befinden uns momentan in der „Nicht Zeit“.  2012 werden wir in ein neues Zeitalter eintreten, denn der Mayakalender endet 2012. Unsere Steine in dem Tiahuanaco sagen uns, dass 2010 schon die Zeit der Besinnung angebrochen ist, der amuki, der Stille der Besinnung. Denn die Steine des Tiahuanaco sagen uns, dass der große Wandel bald kommt, im Jahr 2012. Und unsere Brüder vom Volk der Lakota aus den USA brachten uns eine Botschaft von ihren Vorfahren mit, die ihnen vor mehr als 100 Jahren weitergegeben wurde.

Diese Botschaft besagt, dass wenn sich die Welt am Rande des Abgrunds befindet, wenn auf der Welt Chaos herrscht, dann steigen aus dem Süden starke Krieger des Regenbogens auf um der Erde ihre Harmonie zurückzugeben. Die Lakota waren gekommen, um uns auf unsere Verantwortung hinzuweisen. Krieger des Regenbogens - die Wiphala ist nichts weiter als eine Materialisierung des Regenbogens- und wer hat diese Fahne erhoben? Wir. Nichts ist Zufall.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr