Der 17. Oktober 1945 in Argentinien: Die Geburt des Peronismus

Trotz der inneren Zerrissenheit des Peronismus werden auch dieses Jahr wieder zahlreiche Menschen an die Geburtsstunde dieses Phänomens erinnern.

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Graffito in Argentinien: "Ohne Perón gibt es weder Heimat noch Gott"
Graffito in Argentinien: "Ohne Perón gibt es weder Heimat noch Gott"

Der 17. Oktober 1945 veränderte die argentinische Geschichte nachhaltig. Nach diesem Tag war eine bestimmte politische Kraft nicht mehr aus der Politik des Landes wegzudenken: der Peronismus, benannt nach dem damaligen Oberst und späterem General Juan Domingo Perón. Auch heute noch sind Perón und seine Frau Eva, genannt Evita, in Argentinien und darüber hinaus äußerst bekannte Figuren. In aktuellen Debatten über Populismus wird der Peronismus immer wieder als Musterbeispiel für dieses politische Phänomen angeführt.1 Im Folgenden wird auf die Ereignisse vor 73 Jahren sowie dessen Vor- und Nachgeschichte eingegangen.

Die Vorgeschichte

Am 4. Juni 1943 stürzte das argentinische Militär den konservativen Präsidenten des Landes, Ramón Castillo. Wenngleich die ideologischen Anschauungen innerhalb des Militärs heterogen waren, so waren sie doch durch den Wunsch vereint, die seit den 1930er Jahren vorherrschenden politischen Praktiken, die durch Korruption und Wahlfälschungen geprägt waren, zu beenden.2 Der damalige Oberst Juan Domingo Perón spielte beim eigentlichen Umsturz durch das Militär keine herausragende Rolle. Im Verlaufe der darauf folgenden dreijährigen Herrschaft des Militärs entwickelte er sich jedoch zu der zentralen politischen Figur Argentiniens. Dies geschah in erster Linie durch seine sozialpolitischen Initiativen.

Im November 1943 übernahm Perón das "Sekretariat für Arbeit und Vorsorge" der Militärregierung. Perón war davon überzeugt, dass die Situation der Arbeiterschaft verbessert werden muss, um zukünftig eine Revolution kommunistischen Typs in Argentinien zu verhindern.3 Besonders seit der Übernahme der Präsidentschaft durch seinen Verbündeten Edelmiro Farrel im Februar 1944 konnte Perón bedeutende Reformen durchsetzen, die ihm eine große Beliebtheit bei der Arbeiterschaft bescherten. Bei dem von ihm ergriffenen Maßnahmen sind u.a. Mindestlohn, garantierte Rente, bezahlter Urlaub, Vorsorge für Arbeitsunfälle und die Unterstützung für die Aushandlung von Tarifverträgen zu erwähnen.4

Zwar war Perón bei großen Teilen der Arbeiterschaft beliebt, aber die Mittel- und Oberschicht sowie einige Teile des Militärs standen ihm feindselig gegenüber. Am 9. Oktober 1945 wurde Perón durch andere Militärs zum Rückzug von seinen Ämtern gezwungen, wozu neben dem Posten im Arbeitssekretariat inzwischen auch die Vizepräsidentschaft zählte. Am 12. Oktober wurde er dann sogar verhaftet. Dies war nicht nur ein Schachzug gegen Perón durch seine militärischen Kontrahenten, sondern auch der Versuch, die stärker werdenden Proteste gegen die Herrschaft des Militärs im Lande zu beruhigen. Die Regimekritiker nahmen Perón inzwischen als die zentrale Figur des Regimes war und betrachteten ihn aufgrund seines Einsatzes für die argentinische Neutralität im Zweiten Weltkrieg sowie seiner politischen Selbstinszenierung als Faschisten.

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Während der Demonstration für Juan Perón am 17. Oktober 1945 auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires
Während der Demonstration für Juan Perón am 17. Oktober 1945 auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires

Der 17. Oktober 1945

Wer nun das Ende des Aufstiegs Peróns vermutete, lag falsch. Einige Tage nach oben genannten Ereignissen kursierten bereits Gerüchte über einen möglichen Generalstreik. Am 16. Oktober entschied die Mehrheit im Gewerkschaftsdachverband für einen Generalstreik am 18. Oktober – ohne jedoch explizit die Freilassung Peróns zu fordern.5 Der Widerstand gegen die Verhaftung Peróns wurde dann aber von denjenigen vorangetrieben, die am stärksten durch Peróns soziale Reformen profitiert hatten. Es waren in erster Linie die Menschen aus den armen Randgebieten von Buenos Aires, die die Arbeit bereits am 17. Oktober niederlegten und sich in großen Mengen vor dem Regierungssitz im Zentrum der Metropole versammelten, um die sofortige Freilassung Peróns zu fordern.

Am frühen Morgen hatten sich die Menschenmengen aus dem Großraum Buenos Aires Richtung Stadtzentrum in Bewegung gesetzt, wobei die größte Menge aus dem südlichen Teil des Großraums kam (v.a. aus Avellaneda, Lanús, Berisso und Ensenada). Trotz mehrerer Konfrontationen mit den Polizeikräften gelang es vielen Demonstranten, ihren Weg bis zum Platz vor dem Regierungssitz (Plaza de Mayo) fortzusetzen, wo viele von ihnen am späten Nachmittag ankamen. Am späten Abend wurde die Forderung der inzwischen weiter gewachsenen Menschenmenge erfüllt. Die Militärregierung gab unter dem Druck nach und ließ Perón auf schnellstem Wege zum Regierungssitz bringen. Perón sprach vom Balkon des Regierungssitzes zu den Menschen, um diese zu beruhigen. Der darauffolgende Tag wurde von Perón zum Feiertag erklärt.6

Diese Ereignisse ebneten den Weg für die Präsidentschaftskandidatur Peróns bei der Rückkehr zur Demokratie, die durch die Wahlen am 24. Februar 1946 vollzogen wurden. In den Wahlen setzte sich Perón mit 55,85 Prozent der Stimmen gegen José Tamborini durch, der der Kandidat eines Bündnisses aus Radikaler, Sozialistischer und Kommunistischer Partei war.

Der 17. Oktober 1945 war nicht nur einschneidend, da er den Weg für Peróns weitere politische Karriere ebneten, sondern weil sie von großem symbolischem Wert für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Argentinien waren. Die Menschen aus den armen Randgebieten von Buenos Aires existierten bis dato in der Vorstellungswelt vieler Stadtbewohner gar nicht. Das Selbstbild von Buenos Aires war das einer weißen, europäischen Stadt.7 Doch nun drängten plötzlich Menschen in das Stadtinnere, die das verdrängte, nicht-weiße Argentinien repräsentierten: Mestizen, Indigene und Schwarze. Sie bildeten nur einen Teil der Menschenmenge, doch für die städtischen Eliten und die Gegner Peróns baten sie die Projektionsfläche für rassistisches Denken. Wenngleich dieser Rassismus bis heute fortexistiert, so waren es doch diese Ereignisse aus dem Oktober 1945, die den Mythos des weißen Argentiniens ins Wanken brachten.

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Inaugurationsfeier zur Präsidentschaft Peróns (links im Bild) vom 4. Juni 1946
Inaugurationsfeier zur Präsidentschaft Peróns (links im Bild) vom 4. Juni 1946

Diese Thematik spielte bei der offiziellen Erinnerungskultur, die die Regierung Peróns um den 17. Oktober herum erschuf, keine Rolle. Vielmehr wurde der 17. Oktober als Tag einer friedlichen Revolution gefeiert (er erhielt den Namen "Tag der Loyalität"). Speziell Eva Perón hob später die Unterschiede zwischen den Ereignissen in Buenos Aires und der französischen und russischen Revolution hervor. Die Gewalt dieser Revolutionen ebnete laut Evita den Weg für den Terror Robespierres und der Bolschewiki.8 Der Historiker Daniel James betont, dass das Bild eines vollkommen gewaltfreien 17. Oktober allerdings überzeichnet ist. Gerade außerhalb der Stadt Buenos Aires kam es an diesem Tag auch zu gewaltsamen Ausschreitungen. Diese wurden jedoch aus dem offiziellen Narrativ ausgeklammert.9 Auf der Seite der Gegner Peróns wurde hingegen immer wieder der Vorwurf erhoben, dass der 17. Oktober 1945 eine einzige große Inszenierung Peróns und seiner Verbündeten gewesen sei, was jedoch durch die wissenschaftliche Forschung widerlegt ist.10

Peróns Regierung und das peronistische Erbe

Perón war von 1946 bis 1955 Präsident. Speziell die erste Phase seiner Regierung war von Erfolgen gekrönt. Durch die während des Zweiten Weltkrieges angehäuften Goldreserven und das Bedürfnis des zerstörten Europas nach argentinischen Agrarexporten ging es dem Land am Río de la Plata wirtschaftlich gut und Perón nutzte das vorhandene Geld für Umverteilungsprogramme, die der Arbeiterschaft zugutekamen. Doch in den Jahren 1949 und 1950 verschlechterte sich die ökonomische Situation Argentiniens langsam und in den Jahren 1951 bis 1953 kann von einer wirtschaftlichen Krise gesprochen werden. Trotzdem wurde Perón in den Wahlen von 1951 mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt. Doch der Präsident geriet zunehmend in Konflikt mit der katholischen Kirche und Teilen des Militärs, die Perón im September 1955 stürzten. Er flüchtete ins Exil, aus dem er erst 1973 zurückkehren sollte.

Das Ende der Regierung Peróns war jedoch keineswegs gleichbedeutend mit dem Ende des Peronismus, der zu einer politischen Bewegung wurde. Da Peróns politische Haltung nie ganz eindeutig war und sich im Laufe der Zeit änderte, hinterließ er viel Interpretationsspielraum: Er war inspiriert von den politischen Organisationsformen des Faschismus, zudem war er Sozialreformer und  seine Umverteilungspolitik bescherte großen Teilen der Arbeiterschaft materielle Verbesserungen. In seiner zweiten Amtszeit setzte er jedoch stärker auf eine liberale Wirtschaftspolitik. Es ist diese Uneindeutigkeit, die dazu führt, dass viele Analytiker das Label des Populismus als passendste Beschreibung des Peronismus erachten.

Entsprechend der verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten entwickelte die peronistische Bewegung verschiedene Flügel: von revolutionär links, über moderat-reformerisch bis hin zu rechtsradikal beriefen sich alle auf Perón. Verschiedene antiperonistische politische Kräfte versuchten vergebens zum vorperonistischen Zustand Argentiniens zurückzukehren. Das Militär unterdrückte jegliche als subversiv angesehen politischen Akteure mit Gewalt. Als die Streitkräfte merkten, dass sie die peronistische Bewegung nicht eliminieren konnten, wurde Juan Perón die Rückkehr aus dem Exil gewährt, um mäßigenden Einfluss auf die Bewegung auszuüben. Er wurde 1973 erneut zum Präsidenten gewählt. Perón brachte die Bewegung jedoch nicht wieder zusammen, sondern stellte sich massiv gegen die linken Kräfte innerhalb des Peronismus. Als er 1974 im Alter von 78 Jahren verstarb, übernahm seine zweite Frau Isabel sein Amt. Weniger als zwei Jahre danach stürzte das Militär ihre Regierung und errichtete die brutalste Diktatur der argentinischen Geschichte.

Bis heute ist der Peronismus ein wichtiger Faktor in Argentinien. Unter seinem Banner agierten verschiedene Regierungen wie die des neoliberalen Carlos Menem (1989-1999) oder das Mitte-Links-Bündnis unter Nestor und Cristina Kirchner (2003-2015). Der Sieg des konservativen Mauricio Macri bei den Präsidentschaftswahlen 2015 beendete die zwölfjährige Kirchner-Ära. Nicht zuletzt war der Sieg Macris in der Stichwahl (gegen den von Cristina Kirchner unterstützten Daniel Scioli) durch die Unterstützung der konservativen Teile des Peronismus um Sergio Massa möglich.11 Mal wieder, wie schon häufiger in der Geschichte, zeigte sich die Zerstrittenheit der verschiedenen Vertreter des Peronismus. Es scheint auch unwahrscheinlich, dass es eine gemeinsame peronistische Strategie für die Präsidentschaftswahlen 2019 geben wird.12

Trotz der inneren Zerrissenheit des Peronismus in der gegenwärtigen Situation werden auch dieses Jahr wieder zahlreiche Menschen an die Geburtsstunde dieses Phänomens erinnern. Sie werden in vielen verschiedenen Erinnerungen schwelgen, sich über die Deutungen dieses komplexen Gegenstandes streiten und zukünftige politische Strategien erörtern.

  • 1. Der Historiker Federico Finchelstein sieht den Peronismus als Meilenstein für den heutigen Populismus an. Er behauptet: "Wenn die Demokratie in Athen begonnen hat, dann beginnt der moderne demokratische Populismus in Buenos Aires" (Finchelstein, Federico: Returning Populism to History, in: Constellations, Jg. 21, Nr. 4, 2014, S. 467-482, hier: S. 471).
  • 2. Vgl.: Potash, Robert A.: The Army and Politics in Argentina: Yrigoyen to Perón. Stanford: Stanford University Press, 1969, S. 183.
  • 3. Vgl.: Petersen, Mirko: Geopolitische Imaginarien. Diskursive Konstruktionen der Sowjetunion im peronistischen Argentinien (1943-1955). Bielefeld: Transcript, 2018, Kapitel 3.
  • 4. Vgl.: Rajland, Beatriz: El pacto populista en la Argentina (1945-1955). Proyección teórico-política hasta la actualidad. Buenos Aires: Ediciones del CCC, 2008, S. 94-95.
  • 5. Vgl.: Galasso, Norberto: Perón. Formación, ascenso y caída. Buenos Aires: Colihue, 2005, S. 320-322.
  • 6. Vgl.: Grimson, Alejandro: Versiones del 17 (Revista Anfibia, 2015).
  • 7. Vgl.: Damin, Nicolás/Dawyd, Dario/Aldao, Joaquín: Imaginarios geopolíticos de la Confederación General de Trabajo argentina, in: Forum for InterAmerican Research, Jg. 9, Nr. 1, 2016, S. 64-88, hier: S. 72.
  • 8. Vgl.: Petersen: Geopolitische Imaginarien, s.o., S. 274-276.
  • 9. Vgl.: James, Daniel: October 17th and 18th, 1945: Mass Protest, Peronism, and the Argentine Working Class, in: Journal of Social History, Jg. 21, Nr. 3, 1988, S. 441-461, hier: S. 449-450.
  • 10. Vgl.: Grimson: Versiones del 17, s.o.
  • 11. Vgl.: Vgl.: Consolo, Marco: Tango nach rechts in Argentinien (amerika21.de, 11.12.2015)
  • 12. Vgl. dazu u.a.: Piqué, Martín: En el kirchnerismo descartan la posibilidad de una PASO de todo el peronismo (tiempoar.com.ar, 30.09.2018).
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