Chile / Soziales

Jahrestag des Erdbebens: Wiederaufbau in Chile geht nur langsam voran

Probleme bei der Beantragung staatlicher Zuschüsse und Überzahlungen bei provisorischen Wohnungen prägen den Wiederaufbau

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Mediaguas in Chile
"Mediaguas" genannte Hütten, die nach dem Erdbeben als Notunterkünfte dienen (März 2010)

Am 27. Februar jährt sich das schwere Erdbeben in Chile, das in Regionen Zentral- und Südchiles hunderte Tote und verheerende Zerstörungen von Wohnhäusern und Infrastruktur verursachte. Die kurz darauf ins Amt gewählte rechtsgerichtete Regierung unter Staatspräsident Sebastian Piñera signalisierte deutlich, die Katastrophe aus eigenen Kräften und ohne internationale Hilfe  bewältigen zu wollen.Sie präsentierte einen Wiederaufbauplan für die kommenden drei Jahre. Dieser beinhaltet unter anderem die Bereitstellung von 135.000 Zuschüssen für den Wiederaufbau von Wohnhäusern in den nächsten 2 Jahren sowie 65.000 Zuschüsse für Reparaturen an Wohnhäusern in einer Gesamthöhe von 2,3 Mrd. US-Dollar.

Als Notunterkünfte ließen Regierung sowie Nicht-Regierungsorganisationen tausende sogenannte "Mediaguas" bauen, einfache Holzhäuser, die aus einem 16 Quadratmeter großen Raum mit billiger Dämmung und Zinkdach bestehen. Der Aufbau der Häuser vor Ort geschah durch die Arbeit von Freiwilligen.

Die Regierung verkündet nun Erfolgsmeldungen: Der Plan für das Jahr 2010 sei mehr als erfüllt und es seien sogar mehr Zuschüsse (ca. 124.000) vergeben worden, als ursprünglich für das Jahr geplant. Das Wohnungsministerium wartet auf seiner Homepage stets mit neuen Meldungen über den Bau und die Fertigstellung von Reihenhäusern auf.

Fährt man allerdings durch die Erdbeben-Regionen zeigt sich nach wie vor ein Bild weitgehender Zerstörung, wenig erscheint wieder aufgebaut. Die Menschen leben in reparaturbedürftigen Häusern oder haben sich in den Mediaguas so gut es geht eingerichtet. In den Dörfern fehlt vielfach noch immer Infrastruktur wie zum Beispiel fließendes Wasser.

Die Betroffenen fühlen sich vielfach im Stich gelassen, weil sie entweder gar keine Hilfe erhalten oder die Behörden extrem langsam arbeiten. Es gab auch bereits kleinere Proteste im Süden des Landes sowie den Aufruf, am Jahrestag des Erdbebens schwarze Fahnen aus dem Fenster zu hängen, um auf die Misere aufmerksam zu machen.

Die staatlichen Zuschüsse sind für viele nicht einfach zu bekommen, weil sie die Voraussetzungen nicht erfüllen, schon einmal staatliche Zuschüsse bekommen haben oder schlicht und einfach ein einzelner Eigentümer eines Hauses nicht auszumachen ist. Letzteres ist ein großes Problem, vor allem in dörflichen Regionen. So erzählt Angélica Cárcamo, Präsidentin des Nachbarschaftsrates "El Estero" in einem Dorf nahe Talca: "Fast alle hier haben die ausgefüllten Anträge zu Hause liegen. Aber das Problem ist, dass es nicht einen Eigentümer gibt, sondern viele. Denn die Häuser gehören der ganzen Familie. Und das heißt, dass die Anträge nicht bearbeitet werden."

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Auf den Dörfern sind die Eigentumsverhältnisse oft nicht klar geregelt, etwa durch ein Testament oder Ähnliches. In der Regel haben also viele Familienmitglieder Eigentumsansprüche. Eine Chance auf Reparatur mithilfe von Zuschüssen besteht nach den derzeitigen Vorgaben kaum. Durch Spendengelder aus Deutschland war es in "El Estero" immerhin möglich, einige der Mediaguas regen- und wintertauglich umzubauen, so dass wenigstens ein ansatzweise würdiges Leben möglich ist.

Das Erdbeben hat viele Menschen nicht nur obdachlos, sondern auch mittellos werden lassen. Aus einer offiziellen Befragung zu den sozialen Auswirkungen des Erdbebens geht hervor, dass die Armutsrate durch das Erdbeben von 16 auf 19 Prozent gestiegen ist. Heute gelten 500.000 Menschen in Chile als arm. Diejenigen, die vor dem Erdbeben schon zu den Ärmsten zählten, trifft es am härtesten: Etwa 12 Prozent von ihnen erlitten schwere Zerstörungen an ihren Häusern oder verloren diese komplett. Unter den Menschen im oberen Fünftel der Gesellschaft, also jenen mit höheren Einkommen, betrifft dies hingegen 4,6 Prozent.

Die Erfolgsmeldungen der Regierung werden darüber hinaus von "Überzahlungen" für die Mediaguas überschattet. Kürzlich hatte ein Untersuchungsbericht aufgedeckt, dass den beauftragten Unternehmen für den Bau der Notunterkünfte einiges über Wert gezahlt wurde. Während der Preis im April 2010 bei 480.000 Peso (ca. 740 Euro) lag, zahlte die Regierung 25.000 Peso (ca. 38 Euro) mehr, um die Produktion zu beschleunigen. Hochgerechnet auf mehr als 10.000 dieser Fertighäuser ergibt sich daraus eine nicht unbedeutende Summe. Dies trifft umso mehr angesichts der Tatsache zu, dass viele Menschen nicht einmal notdürftige Reparaturen an ihren Häusern bezahlen können. Den Nicht-Regierungsorganisationen sowie kirchlichen Organisationen wurde von den Unternehmen zum Teil sogar fast das Doppelte des Preises (über 800.000 Peso, ca. 1200 Euro) berechnet.

Die Hintergründe der "Überbezahlungen" werden derzeit von Regierungsseite untersucht. Die Hauptursache scheint allerdings offensichtlich: Im neoliberalen Wirtschaftssystem Chiles wird vom Staat so gut wie nichts reguliert - abgesehen von den Zuschüssen, die auch wieder der Wirtschaft zugute kommen. Einzig der Markt bestimmt die Preise. Steigt die Nachfrage, so steigt auch der Preis. Bei einer Katastrophe wie dem Erdbeben, wo solche Notunterkünfte überlebenswichtig sind, zeigt sich die brutale Realität dieser Logik. Dass damit auch Formen der Korruption befördert werden, verwundert nicht.

Lokale Basisorganisationen berichten, dass durch Immobilienspekulationen auch die Grundstückspreise nach dem Erdbeben enorm anstiegen. Eine Entwicklung, die aus anderen Katastrophenregionen bekannt ist, aber für Chile bisher noch wenig untersucht wurde.

Gegen diese Missstände sowie für den Aufbau mit Partizipation der Menschen vor Ort wurde am vergangenen Wochenende auf einem Treffen sozialer Organisationen in Talca die "Nationale Bewegung für einen gerechten Wiederaufbau" initiiert. Diese will sich für die schnelle Schaffung würdigen Wohnraums mit Bürgerbeteiligung sowie den schnellen Wiederaufbau der sozialen Infrastruktur einsetzen.

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