Kommunitäre Medien in Guatemala: "Wir berichten über das, was in den Gemeinden geschieht"

Interview mit dem Journalisten Carlos Ernesto Choc von Prensa Comunitaria

guatemala_carlos_choc_prensa_comunitaria.jpg

Wird wegen seiner Arbeit bei Prensa Comunitaria verfolgt: Der Journalist Carlos Ernesto Choc
Wird wegen seiner Arbeit bei Prensa Comunitaria verfolgt: Der Journalist Carlos Ernesto Choc

Carlos Ernesto Choc, Maya Q'eqchi', ist Journalist aus El Estor im Departamento Izabal in Guatemala. Er arbeitet für das investigative und weit über das Land hinaus bekannte kommunitäre Medium Prensa Comunitaria. Nachdem er 2017 bei einem Protest von Fischern gegen das Minenunternehmen Compañia Guatemalteca de Niquel de Izabal S.A. (CGN/Pronico)1 in El Estor die Ermordung eines Protestierenden durch einen Polizisten fotografiert und gefilmt hat, wurde er nicht nur kriminalisiert und rechtlich verfolgt, sondern auch wiederholt attackiert und bedroht.

In Guatemala, so wie in vielen anderen Ländern, geht die Umsetzung von extraktiven und anderen Groß- und Megaprojekten (Minenabbau, Monokultur) regelmäßig mit Verstößen gegen international geltende Gesetze und Abkommen2, der Zerstörung der Umwelt und der Existenzgrundlagen der lokalen, meist kleinbäuerlichen Gemeinden einher. Ebenso wie ein Anstieg der Proteste gegen diese Projekte zu beobachten ist, nimmt auch die Kriminalisierung von Aktivist:innen, Journalist:innen und Anwält:innen zu, die gegen diese Unternehmen vorgehen oder sich allgemein für die Umwelt und für Land- und Menschenrechte einsetzen3.

In diesem Kontext stellen kommunitäre Medien eine Form der Ermächtigung von Menschen dar, die von diesen und weiteren Problemen oft in besonderem Maße betroffen sind. Ob Online-Zeitung oder Radio dienen sie der Selbstorganisierung und der Sichtbarmachung von gesellschaftlichen Problemen und Forderungen, die in den gängigen nationalen Medien und politischen Diskursen nur selten thematisiert werden.

Das Interview mit Carlos Ernesto Choc führte Tamara Candela am 11. April 2021.

Welche Bedeutung hat die Arbeit von Prensa Comunitaria in einem Kontext wie dem guatemaltekischen, in dem die Medien von den wirtschaftlichen und politischen Eliten kontrolliert werden und die soziale Organisierung kriminalisiert wird, wenn sie sich gegen transnationale Unternehmen, gegen korrupte Politiker:innen etc. richtet?

Prensa Comunitaria ist ein alternatives Medium, das vor allem von Indigenen organisiert wird. Es ist ein sehr wichtiges Medium, da es ein Gegengewicht zu den Staats- und Privatmedien in Guatemala darstellt. Wir berichten über das, was in den Gemeinden geschieht, über Politik, Kultur, Kunst und auch über Feminismus. Ich arbeite seit 2016 für Prensa Comunitaria und ich bin sehr stolz darauf.

Ein Thema, das mir sehr wichtig ist, ist die Pressefreiheit. Wir sehen jedoch, dass die Kriminalisierung von Journalisten in Guatemala in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Dies betrifft auch und vor allem diejenigen von kommunitären Medien. Ein jüngeres Beispiel ist der Fall von Anastasia Mejía, Direktorin des kommunitären Mediums Xol Abaj, der meinem Fall sehr ähnelt4.

Ein Problem ist, dass wir kommunitäre und indigene Journalisten nicht ernst genommen und diskriminiert werden, auch von anderen Journalisten. Die Diskriminierung geht so weit, dass selbst ein akademischer Abschluss nicht zählt, wenn du nicht weiß oder mestizisch bist. Hinzu kommt die Diskriminierung von indigenen Frauen. Noch stärker als indigene Journalisten sind indigene kommunitäre Journalistinnen von Diskriminierung betroffen.

Welche Bedeutung hat generell die kommunitäre Organisierung in einem Kontext, in dem der Staat seinen Verpflichtungen, wie zum Beispiel die Gewährleistung des Zugangs zu Bildung und Gesundheitsversorgung, nicht nachkommt?

In vielen Regionen in Guatemala ist der Staat abwesend. Das zeigt sich jetzt besonders im Bereich der Schulen. In einigen Gemeinden gibt es weder eine Schule noch Zugang zum Internet. Das bedeutet, dass das Schulwesen, das vor der Corona-Pndemie bereits schlecht war, jetzt noch schlechter ist. In El Estor haben zum Beispiel die Bewohner der Gemeinde San Luis Chacpoela ihre Schule aus ihren eigenen Ersparnissen ganz allein wiederaufgebaut. Weder die Stadtverwaltung noch der Staat haben auf die Forderungen der kommunitären Autoritäten nach Unterstützung im Bereich der Bildung reagiert5.

Neben den Problemen, die sich durch die Pandemie verschärft haben, kämpfen wir zudem noch immer mit den Folgen der Hurrikane Eta und Iota, die einige Gemeinden sehr stark getroffen oder vernichtet haben.

Auch bekommen in der aktuellen Situation mehr Frauen ihre Kinder zu Hause, sie gehen nicht ins Krankenhaus. In vielen Gemeinden sind es die Hebammen, die die Gesundheitsversorgung übernommen haben. Viele von ihnen waren selbst an Covid-19 erkrankt. Sie haben sich mit medizinischen anzestralen Pflanzen behandelt und haben es überlebt.

Ihnen gefällt, was Sie lesen?

Das freut uns. Unterstützen Sie unsere Arbeit, regelmäßige Spenden helfen uns, das Projekt amerika21 nachhaltig aufzustellen.

Ihr amerika21-Team

Wir berichten über die Situation vor Ort. Ich konnte einige der Gemeinden besuchen und habe darüber geschrieben. Es ist sehr wichtig für uns, dass wir unseren indigenen Brüdern und Schwestern mit unserer Arbeit helfen können.

Die Beschreibung deiner Person auf der Website von Prensa Comunitaria lautet: "Kommunitärer Journalist, kriminalisiert aufgrund seiner journalistischen Arbeit in El Estor Izabal". Was war geschehen?

Im Jahr 2017 zeigten sich im Izabal-See in El Estor rote Verfärbungen. Die Fischer und Bewohner fragten sich, was passiert ist. Und da in der Nähe eine Mine6 ist, waren sie um den See, um ihre Gesundheit und um ihre Existenz besorgt. Deswegen wandten sie sich an das örtliche Umweltministerium. Nachdem dieses keine angemessenen Antworten gab und auch keine Nachforschungen einleitete, beschlossen die Fischer Anzeige gegen den Bergbaukonzern, der die dortige Mine betreibt, zu erstatten. Und weil Reaktionen seitens des Ministeriums weiterhin ausblieben, blockierten die Fischer eines Tages die örtliche Hauptzufahrtsstraße, auf der auch die Transporter des Bergbaukonzerns fuhren.

Ich war vor Ort. Auch als es zu Unruhen kam und wenige Meter von mir entfernt ein Protestierender von einem Polizisten erschossen wurde. Ich habe das Geschehen mit dem Handy fotografiert und gefilmt.

Danach wurden die Fischer und ich kriminalisiert und uns wurden alle möglichen Vergehen angehängt. Als mir gesagt wurde, dass Anzeige gegen einige Fischer erstattet worden war und dass auch mein Name auf der Liste stand, dachte ich zunächst, das sei ein Witz. Und dann habe ich meinen Namen auf der Liste gesehen und verstand, dass es wahr ist.

Wir wurden wegen verschiedener Punkte angeklagt, unter anderem wegen Bedrohung, Anstiftung zu einer Straftat, Gründung einer kriminellen Vereinigung, illegaler Demonstrationen und so weiter.

Im Januar 2019 ließ der Richter, Edgar Aníbal Arteaga López, zwar einige Anklagepunkte fallen, aber nicht alle. Seitdem muss ich mich alle 30 Tage bei der Staatsanwaltschaft melden. Seit 2017 werde ich bedroht und ich musste mich verstecken. Es wurde bei mir eingebrochen und meine Arbeitsutensilien wie zum Beispiel meine Kamera gestohlen. Und zwar während ich schlief. Ich verlor auch meine Arbeit in der Stadtverwaltung. Das war eine sehr schwierige Zeit, die mich zudem psychisch sehr belastet hat.

Inwiefern hast du Unterstützung bekommen?

Von guatemaltekischen Journalisten habe ich keine Unterstützung bekommen. Wie gesagt, kommunitäre Journalisten werden nicht als Journalisten betrachtet. Auch Menschenrechtsorganisationen haben mich aufgrund der Anzeige, die gegen mich lief, nicht unterstützt. Sie hätten sich in Augen des Staates zu Komplizen gemacht.

Als ich Unterstützung von einem internationalen Journalistenteam bekam, das sich für kriminalisierte Journalisten einsetzt, konnten wir die Pressezensur durchbrechen und die Geschehnisse rund um die Mine in El Estor und meinen Fall bekannt machen7.

Vielen Dank für das Interview.

  • 1. Das nationale Unternehmen Compañia Guatemalteca de Niquel de Izabal S.A. (CGN-Pronico) wurde 2013 durch das russisch-schweizerische Unternehmen Solway Investment Group (SIG) gegründet, nachdem dieses im Jahr 2011 die Konzession für das Minenprojekt Fénix gekauft hat
  • 2. So halten sich Wiederholt weder Regierungen noch Unternehmen an das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (das Guatemala unterzeichnet hat). Dieses schreibt fest, dass die von den entsprechenden Projekten betroffenen Gemeinden vor deren Umsetzung in Kenntnis der Sachlage gesetzt und konsultiert werden müssen
  • 3. Global Witness 2020; Front Line Defenders 2021
  • 4. Anastasia Mejía, Maya K’iche’, Journalistin und Direktorin des kommunitären Radios und Fernsehsenders Xol Abaj, wurde im September 2020 in Joyabaj (Departement Quiché) festgenommen. In der Zeit, in der sie in der Stadtverwaltung von Joyabaj tätig war (2015-2019), war sie auf Unregelmäßigkeiten gestoßen. Im Jahr 2015 zeigte sie den damaligen Bürgermeister wegen Korruption an, doch die Staatsanwaltschaft reagierte nicht. Anders verhielt es sich, als dieser im September 2020 Anzeige gegen Mejía erstattete, woraufhin sie erst verhaftet und dann wieder freigelassen wurde. Mejía hat nun erneut Anzeige gegen den Bürgermeister von Joyabaj erstattet
  • 5. Carlos Ernesto Choc berichtete in Prensa Comunitaria „El Estor: 17 familias maya Q'eqchi' reconstruyen escuela sin apoyo del Estado“ (27. März 2021)
  • 6. Es handelt sich um die Fénix-Mine des Unternehmens CGN-Pronico, die in El Estor Nickel abbaut
  • 7. Das Projekt Green Blood/Forbidden Stories unterstützt Journalist:innen, die über Umweltzerstörung im Zusammenhang mit Minenprojekten berichten und aufgrund ihrer Arbeit kriminalisiert werden
Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr