"Wir sind objektiv, aber nicht unparteiisch"1 – so beschrieb Jorge Masetti, Gründer der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina, deren journalistischen Anspruch. Die Agentur war mehr als ein Medienprojekt: Sie war ein Angriff auf die ideologische Vorherrschaft der USA in Lateinamerika. Während die New York Times, die Washington Post und andere westliche Leitmedien die politische Realität des Subkontinents im Sinne imperialer Interessen rahmten, versuchte Prensa Latina, eine Gegenöffentlichkeit zu etablieren – aus lateinamerikanischer Perspektive, mit revolutionärem Selbstverständnis. Doch dieses Vorhaben blieb nicht unbeantwortet: Seit ihrer Gründung steht die Agentur im Fadenkreuz der US-Außenpolitik – wirtschaftlich, diplomatisch und digital. Davon berichtet auch Luisa María González, ehemalige Vizepräsidentin der Agentur, im Gespräch.
"Mit Auslandskorrespondenten in über 35 Ländern ermöglicht die Prensa Latina eine lateinamerikanische Perspektive auf die internationale Politik und versteht sich als ein Gegengewicht zur westlich dominierten Medienlandschaft", betonte María González. Doch gerade in den vergangenen Jahren hat sich der Druck auf die Agentur massiv verschärft. Die US-Blockade gegen Kuba trifft nicht nur die Wirtschaft, sondern zielt zunehmend auf die Informationsinfrastruktur. Server werden blockiert, Finanzflüsse unterbrochen, Inhalte zensiert. Die Strategie dahinter ist klar: Kritische kubanische Stimmen sollen zum Verstummen gebracht werden – auch außerhalb Kubas.
Besonders im finanziellen Bereich zeigt die US-Blockade ihre lähmende Wirkung. "Auslandskorrespondenten warten teils monatelang auf ihr Gehalt, weil internationale Überweisungen blockiert oder verzögert werden, Visa-Anträge werden systematisch abgelehnt, und das Eröffnen von Bankkonten im Ausland ist für die Agentur inzwischen fast unmöglich", erklärt González. Sie schildert, wie die Sanktionen auf verschiedenen Ebenen greifen: nicht spektakulär, aber effektiv: durch bürokratische Sabotage, wirtschaftliche Isolation und gezielte Erschwernisse im operativen Alltag.
Seitdem die USA Kuba wieder auf die Liste der "terrorunterstützenden Staaten" gesetzt haben, geraten zunehmend auch Drittstaaten unter Druck. Aus Angst vor möglichen Sanktionen verweigern französische Banken der Prensa Latina die Eröffnung offizieller Konten. Die Agentur ist gezwungen, auf private Konten ihrer Korrespondent:innen auszuweichen – doch auch diese stehen unter Druck.
Fragebögen zu Beschäftigungsverhältnissen, Forderungen nach persönlichen Daten - und trotzdem kommen viele Überweisungen nie an. "Die Blockade verhindert, dass wir wie jede andere Nachrichtenagentur der Welt agieren können", so Luisa María González.
Auch die Zentrale in Havanna leidet unter den Folgen. Stromausfälle, Transportprobleme, mangelhafte technische Ausstattung. Die materiellen Auswirkungen der Blockade treffen die tägliche Arbeit ebenso wie die strukturellen Einschränkungen im Ausland.
Wessen Interessen dienen die Sanktionen gegen Prensa Latina?
Sie interessieren sich für das Geschehen im Globalen Süden?
Wir versorgen Sie mit Nachrichten und Hintergründen aus Lateinamerika. Unterstützen Sie uns mit einer Spende.
Seit dem Sieg der kubanischen Revolution 1959 befindet sich das Land im Fadenkreuz der US-Außenpolitik – wirtschaftlich, diplomatisch, militärisch und medial. Prensa Latina, gegründet noch im selben Jahr, war von Anfang an mehr als eine Nachrichtenagentur: Sie war Teil eines internationalen Projekts zur Gegenöffentlichkeit, zur Dekolonisierung des Informationsflusses und zur Sichtbarmachung revolutionärer Prozesse aus lateinamerikanischer Perspektive.
Der Kalte Krieg erreichte bereits Mitte des 20. Jahrhunderts den Subkontinent. Mit dem Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz in Guatemala 1954, gestützt von CIA und United Fruit Company, wurde deutlich: Die USA waren bereit, jede soziale Reformbewegung in Lateinamerika mit allen Mitteln zu bekämpfen – militärisch, wirtschaftlich und ideologisch. Dominierende US-Medien wie New York Times oder Washington Post legitimierten die Interventionen mit Berichten aus imperialer Sicht, während unabhängige Stimmen zum Schweigen gebracht wurden.
Genau hier setzte Prensa Latina an. Jorge Ricardo Masetti, argentinischer Journalist und einstiger Guerillero, war 1958 in die Sierra Maestra gereist, um mit Fidel Castro ein Interview zu führen – gesendet im argentinischen Radio.2 Aus dieser Begegnung entstand die Idee: eine Nachrichtenagentur, die nicht aus New York, sondern aus Havanna berichtet. Eine eigene Stimme für den Globalen Süden.
Die Gründung war Teil der Operación Verdad, bei der über 400 internationale Journalist:innen nach Kuba eingeladen wurden, um sich ein eigenes Bild der Revolution zu machen.3 Doch während sich linke Medien und Bewegungen solidarisierten, reagierten westliche Regierungen mit Repression: Sanktionen, Arbeitsplatzverluste, internationale Isolierung. Die USA betrachteten die Agentur als ideologischen Störfaktor und gingen entsprechend gegen sie vor.
Im Laufe der Jahrzehnte wurden Büros von Prensa Latina in verschiedenen Ländern geschlossen, Mitarbeiter:innen verfolgt, einzelne Journalist:innen wie Luis Nelson Martirena sogar ermordet.4 Während des Putsches gegen Allende in Chile wurde das Büro der Agentur von Pinochets Truppen gestürmt – eine gezielte Attacke auf die kritische Berichterstattung.
Die Geschichte der Prensa Latina ist damit auch eine Geschichte imperialer Medienkontrolle. Sanktionen gegen die Agentur zielen nicht nur auf ihre Finanzierung, sondern auf ihre Existenz. Heute muss sie auf private Konten von Korrespondent:innen zurückgreifen, weil offizielle Konten blockiert werden. Zahlungen verzögern sich oder kommen nicht an. Visa werden verweigert, Mitarbeitende unter Druck gesetzt. Wie González es formuliert: "Die Blockade verhindert, dass wir wie jede andere Nachrichtenagentur der Welt agieren können."
Und doch sendet Prensa Latina weiter. In sieben Sprachen, mit eigenen Printpublikationen und Korrespondent:innen in über 35 Ländern. Trotz Isolation, trotz Sabotage, trotz Sanktionen. Weil Information, wie Masetti einst sagte, eine Waffe sein kann.
- 1. Vaca Narvaja, H. (2016). Jorge Ricardo Masetti, de la crónica de la revolución cubana a la fundación de Prensa Latina (Doktorarbeit, Universidad Nacional de La Plata). S. 6
- 2. Masetti, J.R. (2006) Los que luchan y los que lloran. Nuestra America. Buenos Aires. S. 36 f.
- 3. Prensa Latina (2019) Prensa Latina, La agencia que hacía falta. Ocean Press & Ocean sur. S. 5
- 4. González, M. & Melián, L. (2014) Periodismo: Riesgos y Peligros. La Habana. S. 35


