Rückkehr zur alten Ordnung in Bolivien

Rassismus, Symbolpolitik und die neue Präsenz der alten Eliten in Bolivien

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Die Regierung von Rodrigo Paz ver­körpert vor allem die alte Ordnung: Fast alle Schlüs­­sel­posten gingen an Vertreter:innen der weißen städtischen Elite
Die Regierung von Rodrigo Paz ver­körpert vor allem die alte Ordnung: Fast alle Schlüs­­sel­posten gingen an Vertreter:innen der weißen städtischen Elite

Nach den Präsidentschaftswahlen im August scheint der politische Wandel vollzogen – doch in der Gesellschaft brechen alte Spannungen auf. In sozialen Netzwerken und Medien entlädt sich offener Rassismus gegen Indigene, auch genährt von Politik und der Medienlandschaft. Während Präsident Rodrigo Paz Pereira den Neuanfang verspricht, droht das Land in koloniale Denk­muster zurückzufallen.

Als die ehemalige Interimspräsidentin Jeanine Áñez Ende August 2025 das Gefängnis von Miraflores verlässt, jubeln in Santa Cruz ihre Anhänger:innen. In El Alto und Cochabamba dagegen werden Kerzen angezündet – für die Toten von Senkata und Sacaba, wo im November 2019 über 30 Demonstrierende, fast alle vom Volk der Aymara, erschossen wurden.

Zu Beginn ihrer Amtszeit, die von November 2019 bis November 2020 ging, ließ die Übergangsregierung unter Áñez Symbole Indigener Selbstbestimmung – allen voran die Wiphala, das Banner der Hochlandindigenen Südamerikas – aus den Regie­rungsgebäuden entfernen. Bei Protesten gegen ihren Machtantritt ließ sie das Militär auf Demonstrierende schießen. Sechs Jahre später verließ sie das Gefängnis als freie Frau. Verurteilt worden war sie jedoch nicht für die Toten von Senkata und Sacaba, sondern für den mutmaßlichen Staatsstreich von 2019 – ein Verfahren, das ihr zu­­gleich das Profil einer politischen Gefangenen verlieh. Für die Angehörigen der Opfer bedeutet ihre Freilassung aber vor allem eines: Es gibt keine Gerechtigkeit.

Für viele Bolivianer:innen ist ihre Freilassung ein moralischer Freispruch – ein Sieg jener, die den Staat als ihr Eigentum begreifen. Denn die Freilassung war keine juristische Notwendigkeit, sondern Ergebnis eines politischen Verfahrens. Die Überprüfung des Falls ging zwar formal vom Obersten Gerichtshof aus, doch der Zeitpunkt der Freilassung unmittelbar zum Amtsantritt von Rodrigo Paz machte daraus ein politisches Signal, dessen Wirkung kaum zufällig wirkt.

Paz, Sohn des früheren Präsidenten Jaime Paz Zamora, trat sein Amt mit dem Versprechen nationaler Erneuerung an. Doch seine Regierung ver­körpert vor allem die alte Ordnung: Fast alle Schlüs­­sel­posten gingen an Vertreter:innen der weißen städtischen Elite. Medien feiern das als Zei­chen der "Normalität". Für die Überlebenden von Senkata und Sacaba ist es ein Schlag ins Gesicht.

Die Übergangsregierung von Áñez hatte die politische Krise nach der Kontroverse um Evo Morales genutzt, um Institutionen zu schwächen, Ressour­cen zu verschieben, Gegner:innen zu verfolgen und Geschenke an ihr Umfeld zu verteilen. Damit bereitete sie jenen Boden, auf dem die MAS im Jahr 2020 unter Luis Arce noch einmal an die Macht zurückkehren konnte – ein kurzes, fatales Intermezzo, das die Polarisierung weiter vertiefte und den Hass auf Indigene weiter befeuerte.

MAS scheiterte an sich selbst

Nach fast zwei Jahrzehnten an der Macht kollabierte das Movimiento al Socialismo (MAS) bei den Wahlen im August 2025 (siehe LN 618). Die Partei kam nur noch auf rund drei Prozent. Drei konkurrierende Flügel – um Evo Morales, Luis Arce und Andrónico Rodríguez – machten ein gemeinsames Antreten unmöglich und zerfaserten das einst revolutionäre Projekt.

Die MAS scheiterte nicht an der Opposition, sondern an sich selbst. Was einst als Instrument kollektiver Organisierung begann, verkrustete zu einer vertikalisierten Parteimaschine. Das plurinationale Projekt – geboren aus den Kämpfen gegen Wasserprivatisierung, Landraub und koloniale Hierarchien – war zum technokratisch-extraktivistischen Staatsapparat verkommen. Was einst den Staat verändern sollte, wurde selbst zum Staat. Aus den sozialen Bewegungen, die den "Prozess des Wandels" getragen hatten, wurden Klientelstrukturen. Der Diskurs der Befreiung war der Logik des Machterhalts gewichen. Während sich die Parteispitzen um Einfluss und Posten stritten, verloren die Basisorganisationen ihre Stimme.

Für viele Indigene bedeutete das: Sie werden nicht länger repräsentiert – weder politisch noch symbolisch. Die MAS, die einst die Wiphala, die für alle Indigenen Völker stehen soll, zur Staatsflagge erhoben hatte, setzte in der Praxis auf dieselben Mechanismen der Ausgrenzung, die sie zu überwinden versprach. Korruption, Intransparenz und Machtmissbrauch entwerteten das plurinationale Versprechen.

Als sich die Partei schließlich in internen Kämpfen aufrieb, füllten jene das Vakuum, die schon vor 2005 über das Land herrschten – die alten Familien aus La Paz, Cochabamba und Santa Cruz. Sie kehrten nicht zurück, weil sie neue Antworten haben, sondern weil die Bewegungen, aus denen die MAS einst hervorgegangen war, ihre kollektive Kraft verloren hatten.

Der Sieg von Paz wäre ohne seinen Vizepräsidenten, den ehemaligen Polizisten Edmand Lara Montaño, undenkbar gewesen. Lara mobilisierte vordergründig Wähler:innen in den ländlichen Regionen und urbanen Peripherien – Menschen, die Paz’ technokratischer Liberalismus nie erreicht hätte. Er wurde bekannt für seinen Kampf gegen die Korruption und seinen anti-elitären Diskurs. Lara verlieh Paz die Glaubwürdigkeit, den von der Bevölkerung herbeigesehnten Wandel tatsächlich durchzusetzen – etwas, das den Gegenkandidaten Dorian Medina und Jorge "Tuto" Quiroga fehlte. Doch kurz nach der Wahl wurde klar: Lara sollte dekorativ bleiben.

Einigkeit bröckelte

In einem seiner zahlreichen Videos auf TikTok, der Plattform, wo Lara den Großteil seines Wahlkampfes führte, erklärte er trotzig: "Ich werde kein fünftes Rad am Wagen sein – die Verfassung gibt auch mir Befugnisse." Die Antwort des Präsidenten: "Er solle sich um die Vizepräsidentschaft kümmern, sonst nichts." Damit war der Bruch öffentlich. Lara klagte, von Kabinettssitzungen ausgeschlossen zu werden; fast täglich trägt er den Konflikt über seine sozialen Kanäle aus. Paz stellte ihn als unberechenbar dar – ein bekanntes Muster, wenn Indigen gelesene Politiker:innen oder Menschen aus anderen gesellschaftlichen Stratosphären Macht beanspruchen.

Ohne Moos nix los

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Die Sozialwissenschaftlerin und Bucha­utorin Quya Reyna beschreibt dieses Ungleich­ge­wicht als Regierung der Klassenzugehörigkeit: "Rodrigo Paz wird für seine Klasse regieren. Die Stimmen gehören Lara – aber die Macht gehört Paz."

Der im spanischen Exil geborene Paz, Sohn eines Ex-Präsidenten und somit Erbe einer politischen Dynastie, verkörpert den urbanen Liberalismus – hellhäutig, europäisch, technokratisch. Lara hingegen spricht jene an, die sich in der etablierten Politik kaum wiederfinden: Er wuchs in Armut auf, verkaufte zeitweise gebrauchte Kleidung auf Märkten und bewegt sich selbstverständlich sowohl im digitalen Raum als auch unter jenen, die von der politischen Klasse meist nur als Wahlvolk adressiert werden. In dieser Spannung verdichtet sich die koloniale Struktur Boliviens: eine Macht, die repräsentiert, indem sie ausschließt.

Während Präsident Rodrigo Paz das Bild der "Normalisierung" pflegt, entfesseln die sozialen Netzwerke den offenen Hass auf Indigene und Menschen aus anderen Gesellschaftsschichten. Schon im Wahlkampf trieben führende Politiker:innen diesen Diskurs voran. Der Vizepräsidentschaftskandidat von Tuto Quiroga, José Pablo Velasco, sprach von "Barbarei" in den Hochebenen und bezeichnete El Alto als "verlorene Zone". In seinen Botschaften verband sich die Sprache kolonialer Abwertung mit dem Gestus bürgerlicher Überlegenheit – ein Muster, das der aymarische In­­­­tellek­tuelle Carlos Macusaya als "kolonialen Realismus" beschreibt: eine Haltung, die Ungleichheit nicht leugnet, sondern als naturgegeben akzeptiert.

Die feministische Plattform Revuelta Malcriada dokumentierte am Tag nach den Wahlen zahlreiche Kommentare und Memes, in denen Indigene und ländliche Wähler:innen beschimpft wurden – mit Begriffen, die entmenschlichende, herabwürdigende, rassistische Motive bedienen. Wie tief dieser Hass reicht, zeigt ein Tweet, der am Abend der Stichwahl viral ging. Auf dem inzwischen gelöschten Account "DonBloomnista" wurde der Tod "aller Collas" (eine oftmals rassistische Fremd­bezeichnung für die Indigene Bevölkerung des Hochlands) herbeigewünscht, begleitet von der zynischen Frage, warum "Senkata damals nicht explodiert" sei. Der Satz verweist auf das bereits erwähnte Massaker von Senkata, das sich in der Nähe eines Gaslagers ereignete, dessen Explosion damals eine Katastrophe ausgelöst hätte. Diese digitale Gewalt ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck einer tiefen sozialen Spaltung. Der Gewaltdiskurs, der einst auf den Straßen von Senkata und Sacaba tötete, hat heute ein digitales Zuhause gefunden. Revuelta Malcriada spricht von einer "normalisierten Grausamkeit", in der Rassismus und Sexismus Hand in Hand gehen.

Offener Hass gegen Indigene

Für die Verfasser der Beiträge hat ihr Handeln in der Regel keine rechtlichen Konsequenzen. So verdichtet sich eine Normalität der Entmenschlichung, in der Rassismus als Witz, Zynismus oder Meinungsfreiheit getarnt wird. Carlos Macusaya nennt dies den "sichtbaren Teil des Eisbergs des strukturellen Rassismus" – eine Ordnung, in der Sprache, Hautfarbe und Zugehörigkeiten über Legitimität entscheiden. Er verweist darauf, dass der neue Rassismus nicht mehr biologistisch, sondern kulturell funktioniert: Wer Wiphala trägt, Aymara spricht oder die Regierung offen kritisiert, gilt schnell als "rückständig". Dieses blanqueamiento simbólico ("kulturelle Weißwaschung") ist, so Macusaya, die eigentliche Kontinuität der kolonialen Ordnung. Er beschreibt, wie die "öffentliche Sphäre gebleicht" wurde: Indigene Stimmen dürfen sprechen, solange sie sich "zivilisiert" artikulieren – wer wütend oder im Kollektiv spricht, wird diffamiert.

Der digitale Hass bleibt nicht folgenlos. Er schafft ein Klima, in dem politische Entscheidungen, wie Kürzungen, Entlassungen und Umweltauflagen, wieder entlang ethnischer und sozialer Linien legitimiert werden. In dieser Atmosphäre kann eine Regierung, die sich "modern" nennt, alte Ungleichheiten als Sachzwang verkaufen.

Mit der Amtsübernahme von Paz verschwanden immer wieder Symbole der Indigenen Selbstbestimmung aus den Regierungsgebäuden, dem Militär oder auf öffentlichen Schreiben – die Wiphala, der Patujú, die Kantuta, das Axt-und-Pfeil-Emblem. Seit Evo Morales’ Amtszeit galten sie als Zeichen des plurinationalen Staates. Heute werden sie als Bedrohung der "Normalität" verunglimpft. Offiziell spricht die Regierung von "Neutralität", in Wahrheit markiert das die Rückkehr eines Staates, der Indigenität bestenfalls folklorisiert, sie aber systematisch politisch unsichtbar macht.

Auch auf institutioneller Ebene wird das plurinational gedachte Staatsprojekt rückabgewickelt. Der umstrittene Unternehmer Branko Marinkovic, der 2008 die Abspaltung des Tieflands befürwortete und sein Geld mit exzessiver Landwirtschaft verdient, leitet nun den Ausschuss für Land und Territorium, natürliche Ressourcen und Umwelt. Für Indigene Angelegenheiten berief die Regierung José Manuel Ormachea, einen Funktionär ohne Bezug zu Indigenen Organisationen.

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in der Umweltpolitik. Im November 2025 löste Paz das Ministerium für Umwelt und Wasser per Dekret auf. Dessen Aufgaben wurden auf das Planungsministerium und das Ministerium für Produktion verteilt. Er übergab die Kontrolle damit direkt an agroindustrielle Vertreter: Fernando Romero, früher Präsident des Soja-Verbands ANAPO, verantwortet nun die staatliche Entwicklungs- und Umweltplanung; Óscar Justiniano, ehemaliger Chef der Agrarkammer CAO, soll Wirtschafts- und Umweltpolitik in einem Amt vereinen.

Zahlreiche Umweltorganisationen reagierten alarmiert. Das bolivianische Naturschutz-Netzwerk MEB erklärte sogar den "nationalen Umweltnotstand" und forderte die Absetzung von Umweltminister Justiniano, einem der Repräsentanten der Agrarlobby, eine Rückabwicklung der Fusion der Ministerien und ein Ende des extraktiven Wirtschaftsmodells – ein Schritt, der auch von mehreren Indigenen Gemeinschaften unterstützt wurde. Viele sehen darin die Übergabe zentraler Umweltkompetenzen an jene Sektoren, die maßgeblich an Entwaldung, Brandrodungen und Landkonflikten beteiligt sind.

Quya Reyna formuliert es so: "Noch kann Paz begreifen, dass Legitimität nicht in den Palästen wohnt, sondern auf den Straßen, den Märkten und in den Dörfern. Wenn er das nicht versteht, wird auch er nur ein Übergangspräsident bleiben – zwischen zwei Krisen." Doch auch Lara ist keine Heldenfigur. In einem Land, das Institutionen miss­traut, werden Retter immer wieder neu erfunden. Lara ist das Symptom eines Staates, der Personalismus belohnt und Strukturen vernachlässigt. Die Freilassung von Jeanine Áñez erscheint als Antithese, die ein erster symbolischer Akt dieser neuen Ära sein soll. Doch sie zeigt, wem in Bolivien vergeben wird – und wer vernachlässigt wird.

Dieser Beitrag ist in den Lateinamerika Nachrichten 619 erschienen.