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21.02.2012 Deutschland / Kuba / Kultur

Die Wiederentdeckung des deutschen Exils (2)

Paco Ignacio Taibo II stellte in Kuba einen Sammelband über deutsche Literaten in Mexiko vor
Anzeige der Veranstaltung auf der Buchmesse in Havanna

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Quelle: Harald Neuber
Lizenz: cc-by-sa-2.0

Mexiko war für einige der größten deutschsprachigen Schriftsteller der 1930er und 1940er Jahre das letzte Refugium nach einer mitunter jahrelangen Flucht vor dem Hitlerregime. Egon Erwin Kisch, Gustav Regler, Ludwig Renn, Anna Seghers und Bodo Uhse fanden sich nach Zwischenstationen in Frankreich und den USA Ende der 1930er Jahre in Mexiko-Stadt wieder. Hier setzen sie gemeinsam den Kampf gegen den inzwischen massenhaft mordenden Faschismus fort, den sie schon 1935 auf dem Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur öffentlich angeklagt hatten. In Mexiko entstand der Heine-Club, gemeinsam gab man als Organ der gleichnamigen Gruppe die Zeitschrift Freies Deutschland heraus. Regler setzte sich im mexikanischen Exil mit dem Stalinismus auseinander, Seghers begann 1945 die Arbeit an ihrem Epos "Die Toten bleiben jung" über die individuellen und gesellschaftlichen Hintergründe des aufkommenden Faschismus im Deutschland, das ihre Familie ermordet hatte. Die mexikanischen Jahre waren für die deutschen Exilanten eine Zeit des Überlebens, der Besinnung und des Schaffens.

Der mexikanische Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II hat nun auf der 21. Internationalen Buchmesse in Havanna einen Sammelband mit Erzählungen und Reportagen von Kisch, Regler, Renn, Seghers und Uhse herausgebracht. Das Taschenbuch "El Exilio Rojo – 5 autores de lengua alemana en México" (Das rote Exil – 5 deutschsprachige Autoren in Mexiko) wurde in einer Auflage von 1.000 Stück vom Mittelamerika-Büro der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziert und wird nun kostenlos ausgegeben. Die ausgewählten Autoren, so Taibo II, dessen Biografien von Ernesto Che Guevara und Pancho Villa sich auch dieses Jahr wieder unter den Bestsellern auf der Havanna-Messe finden, gehören zu den größten Literaten des 20. Jahrhunderts. "Mit diesem Bändchen begleichen wir eine alte Schuld", sagte er bei der Gemeinschaftsveranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Solidaritätsorganisation Cuba Si, "denn, und auch wenn das beschämend ist, die Werke der deutschen Exilanten sind heute in Mexiko kaum erhältlich." Von Seghers kursierten einige antiquarische Bücher, von Renns Auf den Trümmern des Kaiserreiches (1961) finde man in seinem Land noch eine alte kubanische Edition. Doch mit der Publikation des kleinen Sammelbandes habe man das Interesse auch in Mexiko wieder geweckt. "In wenigen Wochen fand gut ein Dutzend Veranstaltungen statt und mehrere Verlage sind auf uns zugekommen", sagte Taibo II gegenüber dem Nachrichtenportal amerika21.de.

Für die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Mexiko ist das eine Bestätigung ihrer Arbeit. "Die Publikation des Buches über deutsche Exilliteraten war das Ergebnis einer Tagung über ‚Exil und Antifaschismus in Mexiko’, die wir im November 2011 organisiert hatten", sagte der Leiter des Stiftungsbüros, Torge Löding. Dabei sei gemeinsam mit Paco Ignacio Taibo II die Idee entstanden, einen Sammelband für die Kulturstiftung "Leer en Libertad" (In Freiheit lesen) aufzulegen. Dieser 2010 auf Initiative des Schriftstellers gegründete Verband hat sich zu Aufgabe gemacht, die Lesekultur in Mexiko zu befördern. Für Löding ist aber auch die Auswahl der Texte bedeutsam. Heute stehe man zwar nicht vor der Gefahr eines dritten Weltkrieges wie zur Entstehungszeit der Schriften. "Aber ähnlich dem Ende der 1920er Jahre erleidet das kapitalistische System heute eine tiefe Krise, die den Wohlstand von weltweit Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern gefährdet." In dieser Situation gewinne die extreme Rechte auf allen Teilen des Globus’ wieder an Stärke. Da das Aufkommen neuer Formen faschistischer Herrschaft eine latente Gefahr sei, "lohnt es sich heute, dass wir uns mit den historischen Erfahrungen auseinandersetzen".

Eine Re-Lektüre der Exilklassiker wäre dabei auch in Deutschland angebracht. Anna Seghers bewusste Rückkehr aus Mexiko in das sozialistische Deutschland im April 1947 wurde ihr in der Bundesrepublik nie verziehen. Diese Ablehnung wirkt bis heute nach. In den antikommunistischen Elaborat "SBZ von A bis Z", das in den 1960er Jahren von dem sogenannten Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen kostenlos an Schulen verteilt wurde, tat man das Werk der jüdischen Kommunistin Seghers als minderwertig ab: "Nach Übersiedlung in die SBZ umfangreiche aber schwache Romane im Stil des sozialistischen Realismus (‚Die Toten bleiben jung’, 1949; ‚Die Entscheidung’, 1959)." Zum 100. Geburtstag der 1983 verstorbenen Schriftstellerin erinnerte die linke Zeitung Analyse & Kritik an diese Attacken und daran, dass der Marburger Faschismus-Forschers Reinhard Kühnl das in Mexiko begonnene Werk "Die Toten bleiben jung" später als "überhaupt die beste literarische Gesamtdarstellung des deutschen Faschismus’" hervorhob.

Diese und auch die späte, vorsichtige Ehrung durch das bürgerliche Feuilleton können nicht die Feindschaft heilen, die Seghers bis zu ihrem Lebensende in Westdeutschland entgegenschlug und die bis heute einer vorbehaltslosen Aufnahme ihres Werks in den bundesdeutschen Literaturkanon im Wege steht. Als der Schriftstellerin 1981, zwei Jahre vor ihrem Tod, die Ehrenbürgerschaft ihrer Geburtsstadt Mainz verliehen wurde, war diesem Akt, der aufgrund der schon schlechten Gesundheit Seghers in ihrer Berliner Wohnung stattfinden musste, eine monatelange antikommunistische Kampagne vorausgegangen. Zu diesem Zeitpunkt war die weltweit geachtete Literatin bereits Ehrenbürgerin von Ost-Berlin und auch die Johannes-Gutenberg-Universität hatte sie geehrt. Die nach 1945 nie gebrochene Frontstellung alter Kameraden änderte zwar nichts an Seghers Liebe zur deutschen Sprache, ließ sie aber mit ihrem Heimatland hadern. "Ich habe das Gefühl, ich bin in die Eiszeit geraten, so kalt kommt mir alles vor", klagte sie schon 1948 gegenüber Georg Lukácz. Stephan Hermlin erinnerte sich Jahre später: "Ich wusste, dass Anna Seghers tief in ihrem Innern unter Bergen von Schweigen Worte und Schreie barg, die niemals laut wurden".

Die Auseinandersetzung mit dem literarischen und politischen Erbe der deutschen Exilanten ist für den mexikanischen Schriftsteller und politischen Aktivisten Paco Ignacio Taibo II wichtig. "Wir überdenken heute die Linke, wir denken sie neu, und zu diesem Prozess gehört auch das erneute Lesen der damaligen Werke von Kisch, Regler, Renn, Seghers, Uhse und vielen anderen", bemerkte er am Rande der Buchmesse in Havanna. Es sei an der Zeit, dass die zeitgenössische Linke ihre literarische und politische Geschichte rekonstruiert und zurückerobert, sagt der Mexikaner, dessen Interesse an progressiven Schriftstellern aus Deutschland geweckt wurde. Was aus Lion Feuchtwanger geworden sei, fragt er, und wie sich der Aufbau-Verlag nach seiner Privatisierung entwickele und wie er mit den Lizenzen umgehe. "Was mich immer wieder erstaunt ist, dass ein geradezu manisch geordnetes Land wie Deutschland zugleich die Wiege der kretaiven, literarischen und politischen Avantgarde eines ganzen Jahrhunderts war", gesteht er. Wenn er heute Kisch oder Renn lese, nähre das in ihm nur ein Gefühl: "Die Achtung vor der Klarheit und dem Ausdruck der Sprache."

El Exilio Rojo  - 5 autores de lengua alemana en México. Fundación Rosa Luxemburgo/ Para Leer en Libertad A.C., Mexiko 2011.

Dem Artikel liegt ein Vortrag von Harald Neuber über die Seghers-Rezeption in Deutschland bei der Präsentation des Bandes auf der Buchmesse in Havanna zugrunde.

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