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Die Wiederentdeckung des deutschen Exils (1)

Interview mit Paco Ignacio Taibo II zur Literatur deutscher Emigranten

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Paco Ignacio Taibo II in Mexiko
Paco Ignacio Taibo II in Mexiko

Paco Ignacio Taibo II wurde über Mexiko hinaus vor allem durch seine Biografien von Ernesto "Che" Guevara und Pancho Villa bekannt. Gemeinsam mit dem Mexiko-Büro der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung hat er eine Mini-Anthologie mit fünf Texten deutscher Exilliteraten in Mexiko veröffentlicht. Das Projekt für soll nun ausgeweitet und vertieft werden.

Paco, Sie haben auf der Buchmesse in Havanna einen Band deutscher Exilliteraten in Mexiko vorgestellt: Egon Erwin Kisch, Gustav Regler, Ludwig Renn, Anna Seghers und Bodo Uhse. Welche Rolle spielen diese Schriftsteller in Mexiko?

Ich denke, dass an sie nur eine vage Erinnerung besteht, weil ihre Werke damals auf Deutsch geschrieben und nie systematisch übersetzt wurden. Deswegen weiß man in Mexiko nur wenig über ihre politische Geschichte und, wichtiger noch, über ihr literarisches Schaffen.

Was lohnt sich zu erinnern?

Ihr literarisches Schaffen. Die Gründung der Gruppe Freies Deutschland und die gleichnamige Zeitschrift. Die Bücher. Wir kennen sie kaum als literarische Persönlichkeiten. Die deutschen Exilanten sind vor allem als Protagonisten des republikanischen Widerstandes in Spanien bekannt, als Vertreter der Internationalen Brigaden. Das Tragische daran ist, dass die etwa fünf Jahre dieser Literaten in Mexiko zugleich ihre kreativste Zeit waren. Anna Seghers schreibt in dieser Zeit einige ihrer wichtigsten Werke, ebenso Ludwig Renn. Bei Kisch ist das etwas anders, er hat seine großen Reportagen vor und nach der Zeit im lateinamerikanischen Exil geschrieben, auch wenn er später ein Buch über Mexiko veröffentlichte. Der Punkt ist, dass diese Arbeiten bei uns kaum bekannt sind. In der, sagen wir mal, kulturellen Linken wussten wir zwar von der Exilzeit der deutschen Schriftsteller, aber die Werke waren nicht erhältlich. Wir machten uns also daran, diese Texte der Versenkung zu entreißen. Von Kisch fanden wir Texte auf Englisch, von Seghers gab es schon spanischsprachige Ausgaben. Von Renns "Auf den Trümmern des Kaiserreichs" gab es eine uralte kubanische Ausgabe, die jemand in der hintersten Ecke eines verstaubten Antiquariats ausgrub.

Wie kam es überhaupt zu der Idee, die deutschen Exilschriftsteller in Mexiko wieder aufzulegen?

Mich hatten gerade diese Fünf schon vorher fasziniert und ich bin auf sie über den Umweg über den Spanischen Bürgerkrieg gestoßen. Als ich dann verstand, dass sie eine zeitlang in Mexiko gelebt haben und dass während dieser Jahre wichtige Werke entstanden sind oder begonnen wurden, drängte sich natürlich die Frage auf, weshalb sie dann nicht verlegt werden. Eine große Hilfe bei der Wiederentdeckung war Carlos Fortea, der Dekan der Fremdsprachenfakultät der Universität Salamanca, der uns für unsere Anthologie vier Übersetzungen gratis zur Verfügung stellte. Das Gute an diesem Projekt mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist, dass wir das Interesse an den Exiltexten geweckt haben.

Gab es entsprechende Reaktionen mexikanischer Verlage? Die kleine Anthologie, die Sie gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgebracht haben, wurde ja gerade einmal mit eintausend Exemplaren aufgelegt.

Und diese tausend Bücher waren in drei Wochen unter die Leute gebracht, zumal wir sie umsonst abgegeben haben. Es ist uns wirklich aus den Händen gerissen worden. Die indirekte Folge aber war, dass Verlage auf unsere Lesebrigaden zugekommen sind ...

... die Sie vor zwei Jahren mitgegründet haben, um als Teil der politischen Arbeit die Lesekultur im Mexiko über Veranstaltungen, Lesungen und Büchermärkte zu fördern.

Und das ist eine spannende Erfahrung, weil diese "Brigaden zum Lesen in Freiheit" ein ausgesprochenes Basisprojekt sind und wir gleichzeitig hervorragende Kontakte zum Verlagswesen entwickeln konnten. Das mag daran liegen, dass wir uns darum kümmern, ihre kostspieligen alten Lagerbestände unter die Leute zu bringen. Das nützt beiden Seiten. Und diese in den vergangenen zwei Jahren gewachsenen Kontakte haben wir genutzt, um Verlagen eine umfassendere Anthologie der deutschen Schriftsteller im mexikanischen Exil vorzuschlagen. Und wir sind auf Interesse gestoßen.

Das europäische, nicht nur das deutsche Exil hat Einfluss auf Mexiko gehabt. Spanische Bürgerkriegsflüchtlinge haben zu einem nachhaltigen Aufschwung des Verlagswesens beigetragen. Wie steht es um das literarische Erbe?

Es sind von deutscher Seite Verbände geschaffen worden, darunter die Gruppe Freies Deutschland, die auf Spanisch und Deutsch verlegerisch tätig war. Aber kurioserweise haben sie nichts von den Schriftstellern veröffentlich, über die wir hier sprechen. Es sind zwar einige Texte in Zeitschriften entstanden, aber keine Bücher. Das hat die Sprachbarriere verhindert. Bei englisch- oder französischsprachiger Literatur war diese Hürde nie so groß. Es gab wohl einfach zu wenige Übersetzer, die der deutschen Sprache mächtig waren.

Welcher der fünf Autoren in der nun erschienenen Minianthologie hat Ihnen eigentlich am besten gefallen?

Die von Kisch, ohne Zweifel, zu dessen Werk ich eine große Affinität habe. Kisch interessiert mich vor allem wegen seiner Neigung zum literarischen Journalismus. Seine Chronik-gleichen Reportagen haben Geschichte geschrieben und zugleich haben sie einen hohen narrativen Wert. Reglers Das Ohr des Malchus habe ich in Englisch gelesen, auch Renns Romane. Ludwig Renn interessiert mich auch von der menschlichen Seite, weil er sich als homosexueller Funktionär in der DDR behauptete. Er hatte unzählige Konflikte und es macht mir Spaß, mir heute vorzustellen, wie er sich als historische Persönlichkeit mit stalinistischen Bürokraten anlegte sie wissen ließ: "Klar bin ich schwul, und was verdammt wollt ihr jetzt machen?!" Ich halte diese Position Renns im Rückblick für äußerst würdevoll. Stellen Sie sich vor: Einer der führenden Veteranen der Internationalen Brigaden, der aus seiner Homosexualität in der konservativen und machistischen Nachkriegszeit keinen Hehl macht.

Diese fünf Persönlichkeiten sind allesamt beeindruckend. Wegen ihrer humanistischen Werte, ihrer Widerstandskraft, wegen des Unrechts, das ihnen widerfahren ist. Als Mitglieder der radikalen Linken wurden sie vom Antikommunismus der Bundesrepublik von Beginn an abgelehnt, fast negiert. Ihre Werke litten also nicht nur unter dem Nazismus, der ihre Bücher verbrannte, sondern auch durch den westdeutschen Antikommunismus, der ihr Werk leugnete. Es sind deswegen Autoren, die wir im 21. Jahrhundert wiederentdecken müssen.

Bertold Brecht war der einzige, der sich vor den Bücherbränden und der folgenden Hexenjagd rettete. Ebenso Erich Maria Remarque. Die übrigen Exilanten haben nachhaltig gelitten.

Und wie beurteilen Sie die Politik Mexikos? Auf der einen Seite hat die Regierung von Lázaro Cárdenas (1934-1940) tausenden Flüchtlingen vor dem europäischen Faschismus Zuflucht geboten. Nach dem Krieg dann wurden Guerillabewegungen in Mittelamerika unterstützt. Zur gleichen Zeit führte Mexikos Oligarchie gegen Linke im eigenen Land Krieg: das Massaker an Studierenden 1968, der Krieg gegen die Guerilla in den Bergen des mexikanischen Südens ...

Im Jahr 1960 hatten wir Linke in Mexiko einen Slogan, der lautete: "Señor Präsident, lasen sie uns Mexikaner auch in den Genuss Ihrer Außenpolitik kommen." Natürlich war das paradox. Auf der einen Seite präsentierte sich Mexiko nach außen als progressiv, um nach innen repressiv zu herrschen.

Weshalb konnte diese Repression in Mexiko so still stattfinden? Weshalb wurde sie erst so spät von Schriftstellern wie Elena Poniatowska oder Carlos Montemayor thematisiert?

Weil Mexiko eine bewegungspolitische Flaute erlebte. Zwischen den großen Bahnarbeiterstreiks Ende der 1950er Jahre und der massiven Protestbewegung der Studierenden ab 1968 gab es nur wenig Bewegung. Just in dieser Zeit begannen die Guerillabewegungen im Süden Mexikos, die Partei der Armen von Lucio Cabañas etwa. Es gab in dieser Zeit eine fast 100-prozentige Medienkontrolle durch den Staat.

So dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis diese eigene Geschichte sozialer Kämpfe und Unterdrückung auch in Mexiko literarisch verarbeitet wurde.

Ja, diese Beschäftigung ist relativ neu. Gerade erst vor zehn Jahren hat der 2010 verstorbene Carlos Montemayor mit dem auch auf Deutsch erschienenen Roman Krieg im Paradies diese Geschichte der Bauernaufstände aufgegriffen.

Was kann man in Mexiko also heute, rückblickend von den deutschen und europäischen Exilanten lernen, die sich ja intensiv mit politischer Gewalt und Unterdrückung auseinandersetzen mussten?

Zunächst einmal müssen wir sie lesen, worauf ich große Lust habe. Jeder Intellektuelle und Aktivist, dem die nun erschienene Anthologie in die Hände gekommen ist, fragte: "Und wo sind ihre Bücher?" Diese Nachfrage neu geschaffen zu haben, ist sehr positiv. Die Frage nach den Büchern von Kisch, Regler, Renn, Seghers, Uhse und anderen sollte aber auch in Deutschland wieder gestellt werden.

In dem Vorwort zur nun erschienenen Anthologie erwähnen sie den Remington, den Anna Seghers in Mexiko kaufte und nach Deutschland mitnahm ...

Ja, das war ein mexikanisches Auto. Aber auch die anderen Exilanten haben Erinnerungen an Mexiko mit nach Deutschland genommen, oft Kunstwerke. Renn hatte in einer Kiste eine Sammlung mit Tolteken-Masken mitgenommen. Mexiko hat sie also weiter begleitet.

El Exilio Rojo  - 5 autores de lengua alemana en México. Fundación Rosa Luxemburgo/ Para Leer en LIbertad A.C., Mexiko 2011.

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