Unbefristeter Streik der Kaffeebauern in Kolumbien

In Kolumbien finden derzeit große Arbeitskämpfe statt. Neben dem Streik im Kohle-Bergbau kommt es seit einer Woche zu Auseinandersetzungen um das wichtigste kolumbianische Agrar-Erzeugnis: den Kaffee

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Auseinandersetzungen an einer Blockade in Garzón, Provinz Huila. Hier starb ein Demonstrant
Auseinandersetzungen an einer Blockade in Garzón, Provinz Huila. Hier starb ein Demonstrant

Seit dem 25. Februar befinden sich die in der "Bewegung für die Würde des Kaffeebauers" zusammengeschlossen Kleinbauern in einem unbefristeten Streik. In einer landesweiten Mobilisierung fordern sie unter anderem einen gerechten und stabilen Abnahmepreis, einen Importstopp für Kaffee, die Herabsetzung von Schulden bei der kolumbianischen Agrarbank sowie das Verbot von Mega-Bergbauprojekten. Letztere wurden in den Forderungskatalog aufgenommen, da diese in der Regel von transnationalen Unternehmen durchgeführten Projekte sowohl die Verfügbarkeit von Wasser einschränken als auch zu dessen Kontamination führen.

Ein weiterer Grund für den Streik ist zudem eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit der kolumbianischen Kaffeeförderation, einer nationalen Organisation zur Interessenvertretung. Viele der Kleinbauern fühlen sich von ihr nicht repräsentiert und haben das Gefühl, dass die Föderation zu stark auf Seiten der Regierung steht. So bezeichnete der Präsident der Föderation, Mariano Ospina, den Streik am Vortag des Beginns im Fernsehsender Coracol als ungerecht gegenüber der Regierung, da diese massive Anstrengung unternommen habe, um den Kaffeebauern zu helfen. Damit bezieht er sich auf eine Äußerung von Präsident Manuel Santos, wonach diese in seiner Amtszeit seit August 2010 finanzielle Hilfen von rund 800 Millionen kolumbianischer Peso (etwa 340.000 Euro) erhielten. Umgerechnet auf zwei Jahre und rund 500.000 Kleinbauern macht dies aber gerade mal 67 Pesos (0,2 Euro) pro Familie aus – monatlich.

Aktueller Anlass für die Mobilisierung ist ein historisches Tief beim Preis, den Kaffeebauern für ihr Produkt erhalten. "Es kostet mich 5.200 Pesos (2,17 Euro), ein Kilo Kaffee zu produzieren. Aber zur Zeit verkaufe ich ihn für 3.500 Pesos (1,46 Euro). Es reicht also noch nicht mal um die Produktionskosten zu decken, geschweige denn, um davon zu leben", berichtet Jorge Martínez, ein Kaffeebauer aus der Gemeine San Pablo in der Provinz Nariño. Die Gründe für den stark gesunkenen Kaffeepreis sind vielfältig. Zum einen kam es seit Ausbruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu einer Zunahme der Nahrungsmittelspekulation an den internationalen Börsen, da Banken und Investoren auf der Suche nach neuen Profitmöglichkeiten sind. Dies führt international zu starken Preisschwankungen.

Ein weiterer Grund sind Wetterveränderungen in Kolumbien, die durch den Klimawandel verursacht werden. Während sich beispielsweise die Bauern in Nariño darauf verlassen konnten, dass es in den Monaten Dezember und Januar zu häufigen und starken Regenfällen kommt und es zwischen Juni und August kräftigen Sonnenschein gibt, hat sich dies in den letzten Jahren verändert und ist unberechenbar geworden. "Es regnet dann, wenn es regnet. Ich kann mich heutzutage nicht mehr darauf einstellen, wann es regnen wird. Das hat dazu geführt, dass die Qualität meines Kaffees abgenommen hat. Außerdem produziere ich weniger davon, weil zum Beispiel ein Teil der Ernte durch den starken Sonnenschein im Winter verbrannt ist", beklagt sich Margot Muñoz, die zur Blockade in Pilon, im Norden Nariños, gekommen ist.

Schließlich hat auch die Aufwertung des kolumbianischen Peso gegenüber dem US-amerikanischen Dollar dazu geführt, dass die Cafeteros weniger für ihr Produkt bekommen. Erhielten sie im Jahr 2002 für einen US-Dollar durchschnittlich 2.850 Pesos, waren es im Jahr 2012 nur noch 1.834. Da der kolumbianische Kaffee fast vollständig für den internationalen Export bestimmt ist, bekommen die Bauern heute nur noch rund zwei Drittel dessen, was sie vor zehn Jahren erhalten haben. Dies hat auch mit der Wachstumsstrategie der kolumbianischen Regierung zu tun. Diese setzt in ihrem nationalen Entwicklungsplan stark auf den Export von Rohstoffen, wie z.B. Öl, Kohle und Gold. Gemäß den Vorstellungen der Regierung sollen diese als so genannte "Wachstumslokomotiven" zu den zentralen Exportprodukten Kolumbiens werden. Da dem Export dieser Naturprodukte keine ausreichenden Importe gegenüberstehen, steigt der Zufluss von US-Dollar und es kommt zu einem Außenhandelsüberschuss, welcher durch Wechselkursveränderungen schließlich die nationale Währung aufwertet – auch bekannt als "holländische Krankheit".

Laut dem Vorsitzenden der Gesellschaft der Landwirte Kolumbiens, Rafael Mejía, sind die Preissenkungen eine erste Folge des im Mai 2012 in Kraft getretenen Freihandelsabkommens zwischen Kolumbien und den USA. Auf Grund der relativ kurzen Dauer der Gültigkeit des Abkommens mangelt es bisher an belastbaren Zahlen, um diese Einschätzung zu untermauern. Sie entspricht jedoch den Befürchtungen vieler Kleinbauern und den Kritiken verschiedener Basisorganisationen.

Um auf ihre Situation hinzuweisen und ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen begannen die Cafeteros am vergangenen Montagmorgen mit der Blockade der Panamericana, der wichtigsten Verbindungsstraße Kolumbiens. Betroffen sind insgesamt 21 strategische Verkehrspunkte in den Provinzen Antioquia, Cauca, Caldas, Cundinamarca, Huila, Quindío, Nariño, Risaralda, Norte de Santander und Valle del Cauca. Die größte Blockade befindet sich in der Provinz Huila, dorthin reisten am Montag seit den frühen Morgenstunden mehrere Tausende Menschen und besetzten schließlich mit rund 20.000 Personen an sechs unterschiedlichen Punkten die Panamericana.

Hier wie auch an anderen Stellen des Landes kam es zu Zusammenstößen zwischen den Spezialeinheiten der Polizei (ESMAD) und Aktivisten, in deren Verlauf mehrere Personen durch den Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken verletzt wurden. Landesweit kam es innerhalb der ersten 24 Stunden laut Presseberichten zu 54 Verletzten. In El Pilón, einem der Blockadepunkte in Nariño, werden zudem seit Montagabend zwei Frauen vermisst.

Insgesamt beteiligen sich laut Presseberichten bisher 140.000 Menschen an den Blockaden. Und an allen Blockadepunkten versichern die Protestierenden, dass sie nicht ans Aufhören denken, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Entsprechend erteilen sie auch der Ansage des Innenministers Fernando Carrillo, dass Verhandlungen fortgesetzt würden, sobald der Streik beendet wird, eine Absage.


Anmerkung der Redaktion: Am Samstag, dem 2. März, gab die kolumbianische Regierung bekannt, sie habe bei den Gesprächen mit den Vertretern der Kaffee-Bauern eine Einigung erzielt. In Zukunft sollen die Bauern eine höhere "Entschädigung" für den verkauften Kaffee erhalten. Nur wenige Minuten später erklärten Vertreter der Streikenden in mehreren Provinzen, dass sie den ausgehandelten Kompromiss nicht mittragen.

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