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Kohleabbau und sozialer Konflikt in Kolumbien

Der Energie-Konzern Vattenfall will in Hamburg-Moorburg Steinkohle aus dem kolumbianischen Tagebau El Cerrejón verbrennen. Eine transnationale Produktionskette auf Kosten der lokalen wie der globalen Umwelt
Verladehafen für Steinkohle aus dem kolumbianischen Tagebau El Cerrejón

Verladehafen für Steinkohle aus dem kolumbianischen Tagebau El Cerrejón

Eine wesentliche Ursache des nun schon über 60 Jahre andauernden Bürgerkrieges in Kolumbien ist der Kampf um die Bodenschätze des Landes, ebenso wie der Konflikt um Land. Im Hintergrund stehen internationale Konzerne und streichen milliardenschwere Profite ein. Die Schmutzarbeit vor Ort lassen sie dabei rechtsgerichtete Paramilitärs erledigen. Die Übergänge zum staatlichen Polizei- und Militär sind fließend und undurchsichtig.

Für den Kohleabbau in Kolumbien werden schwerste Verletzungen der Menschenrechte begangen. Die in dem Gebiet lebende Bevölkerung wird systematisch und gewaltsam vertrieben. Der Tagebau schlägt kilometerbreite Schneisen in die Urwälder Kolumbiens. Das für die Reinigung der Kohle verwendete Grundwasser und lebenswichtige Flüsse werden verseucht. Das alles hat in Kolumbien bereits zu heftigen Protesten und Widerstand geführt.

Im Jahr 2012, fanden in der Region, wo die meiste Kohle abgebaut wird, mehrere unbefristete Streiks statt. Minenarbeiter und Bevölkerung blockieren dabei die Gleise der Hauptstrecken für die Kohle. Ebenfalls gemeinsam demonstrieren sie gegen die geplante 26 km lange Umverlegung des Flusses Rio Ranchería. Dieser ist elementare Lebensgrundlage und soll dem Kohleabbau weichen.

Insbesondere Gewerkschafter werden dabei zunehmend bedroht - wobei in Kolumbien in der letzten Zeit jährlich ca. 40 Gewerkschafter ermordet wurden, mehr als in irgendeinem anderen Land.

Die kolumbianische Regierung tut alles, um Meldungen über Vertreibungen, Umweltzerstörungen oder Proteste nach Möglichkeit nicht in die internationale Öffentlichkeit kommen zu lassen. Dabei wird das gesamte Register gezogen: Youtube -Videos werden systematisch nach wenigen Stunden gelöscht. Die internationale Presse kann sich dort nicht frei bewegen. Kritische einheimische Journalisten werden drastisch eingeschränkt und bedroht.

Struktur und Abläufe des Kohlehandels

Die zum Teil katastrophalen Folgen des Kohlebergbaus in den Lieferländern gelangen selten an das Licht der deutschen Öffentlichkeit. Zudem ist kaum bekannt, woher genau die Energieunternehmen die Kohle für ihre Kraftwerke beziehen. Eine Informationspflicht seitens der Unternehmen existiert bisher nicht.

Bedeckt hält sich auch Vattenfall. Man habe zumindest in der Vergangenheit Kohle aus dem Tagebau El Cerrejón in Kolumbien bezogen, sagt Pressesprecher Steffen Herrmann. "Aus Wettbewerbsgründen können wir nicht veröffentlichen, aus welchen Abbaugebieten die Kohle für bestimmte Kraftwerke, also auch für Moorburg stammt bzw. stammen wird."

Vor Ort in Moorburg bekommt man aber bei der Baustellenbesichtigung konkret die Antwort: "Ein Großteil der Kohle wird aus Kolumbien kommen", die sei "gut und günstig, genau das Richtige für Moorburg". Außerdem würde es ein cleveres System von beladenen Standby-Kohle-Frachtern auf dem Atlantik geben, um "just in time" die Kohle nach Moorburg zu disponieren. Der Reeder kauft dabei zunächst beim Bergbaumulti in Kolumbien ein, meldet dann seine Bereitschaft für eine Lieferung an Abnehmer, wie Vattenfall.

Erst beim Disponieren des bereits im Atlantik wartenden Frachters wird dann der eigentliche Handel von Vattenfall abgewickelt, was zu einer zusätzlichen Verschleierung der Herkunft beiträgt.

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Dann würde es bis zu neun Millionen Tonnen CO2 im Jahr ausstoßen, und damit mehr als z.B. das lateinamerikanische Land Bolivien insgesamt. Vattenfall hat Moorburg immer als Kraftwerk "von und für Hamburg" dargestellt. Angesichts des zügigen Ausbaus der Windkraft kann von einer Notwendigkeit für die Stromversorgung Hamburgs keine Rede mehr sein. Das Gleiche gilt erst Recht bei der Fernwärme. Hier konnte die sogenannte Moorburgtrasse durch den massiven Protest von Anwohnern und Aktivisten verhindert werden.

Die Konsequenzen für Vattenfall sind dabei erheblich: Ohne die Wärmeproduktion verliert Moorburg den Rang der "Vorzugsproduktion". Der Meiler muss nun bei ausreichender Stromproduktion der Erneuerbaren ständig runter gefahren werden. Deswegen kann Vattenfall heute nur noch mit weniger als der Hälfte der eigentlich mal geplanten Produktionsmenge rechnen. Ebenso konnte dadurch die so geplante direkte Wärme-Abhängigkeit der Stadt vom Kohlekraftwerk verhindert werden.

Vattenfall selber gibt inzwischen öffentlich zu, dass "Moorburg aus heutiger Sicht sicherlich ein Fehler war". Aber nun gäbe es "leider kein Zurück mehr". Vattenfall kann sich dabei in der Stadt auf eine starke politische Lobby stützen. Allen voran der mächtige Wirtschaftssenator Horch, aber auch Bürgermeister Scholz, Umweltsenatorin Blankau und sogar die Gewerkschaften stützen das völlig unverantwortliche und obendrein sinnlose und unzeitgemäße Projekt.

Tatsache ist, dass bei einer Inbetriebnahme ganze Stadtteile, wie Wilhelmsburg oder Moorburg von Stickoxid- und Feinstaubemissionen erheblich belastet werden. Hinzu kommen fatale ökologische Folgen für den ohnehin hoch belasteten Bereich Süderelbe und natürlich riesige Mengen CO2, die der Klimakiller emittieren würde.

Gegen Moorburg hat es eine Vielzahl von Protest- und Widerstandsaktionen in den vergangenen Jahren gegeben. Die bisher spektakulärste Aktion dabei war die versuchte Bauplatzbesetzung von rund 800 Aktivisten, die von einem massiven Polizeiaufgebot durch den Einsatz von Wasserwerfern verhindert wurde. Ganz davon abgesehen waren und sind eine sehr deutliche Mehrheit der Hamburger sowieso und grundsätzlich gegen das Kohlekraftwerk aus wirklich guten Gründen. "Allerdings wurden wir nie gefragt."

Klimawandel. Kolumbien. Moorburg. Protest.

Am schlimmsten treffen die Folgen des Klimawandels die ärmsten der Armen. Im letzten halben Jahr haben sich die Weltmarktpreise für Weizen um 50 Prozent und für Mais sogar um 70 Prozent erhöht. Hauptursache sind die riesigen Ernteausfälle aufgrund von gravierenden Hitzewellen und Dürren in vielen Anbaugebieten. Extremwetterlagen nehmen insgesamt deutlich zu. Auch das Polareis schmilzt wesentlich schneller als bisher erwartet, ebenso schmelzen Gletscher im Himalaya und in den Anden, von denen die Wasserversorgung von Milliarden von Menschen abhängt, u.a. in Kolumbien. Dort und in vielen anderen Küstengebieten der Welt drohen auch Überschwemmungen ganzer Regionen durch den steigenden Meeresspiegel.

Auch hier in Hamburg wird die die Wahrscheinlichkeit einer verheerenden Sturmflut erhöht. Deswegen werden schon heute Neubaugebiete in elbnahen Stadtteilen um ganze 10 Meter höher gebaut. Und: Keine Hochgebirgsregion schmilzt weltweit schneller, als die der Hochanden, von deren Flüssen groteskerweise bisher die Stromversorgung des Landes mit Wasserkraft abhängt – die Kohleproduktion geht zu über 90 Prozent in den Export. Demnächst dann auch nach Hamburg - und zwar mit den gigantischen Frachtern der sog. Panamax-Klasse. Dabei wird das Kohlekraftwerk das Klima weiter aufheizen, einzig und allein um Vattenfall zu bereichern.

Kein anderes Kohlekraftwerksprojekt, kein Energiekonzern war in den vergangenen Jahren umstrittener. Wegen der beharrlichen Arbeit von den Bürgerinitiativen vor Ort, aber auch, weil Moorburg so umstritten bleibt sind aktuell 11 von 15 einmal projektierten Kohlekraftwerken in Norddeutschland aufgegeben bzw. verhindert worden.

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28.01.2013 Nachricht von Malte Daniljuk
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