Chile / Soziales

Brand in Valparaíso hinterlässt Asche und Elend

22 Prozent der 253.000 Einwohner von Valparaíso leben unter der Armutsgrenze

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Zerstörungen durch das Feuer auf dem Hügel La Cruz
Zerstörungen durch das Feuer auf dem Hügel La Cruz

Der jüngste Brand im chilenischen Valparaíso zeigt für einmal das Elend und die Vernachlässigung, die in den Siedlungen auf den Hügeln der bekannten und touristischen Hafenstadt vorherrschen. Das Feuer Mitte April forderte Dutzende Todesopfer und hinterließ 2.000 zerstörte Häuser sowie 10.000 Geschädigte. Die Flammen ergriffen wenigstens sechs der 42 Hügel dieser so besonderen Stadt, welche sich wie ein natürliches Amphitheater zum Pazifischen Ozean hin öffnet.

Der 60-jährige Jorge Llanos lebte auf dem Hügel El Litre. Er machte sich am Samstag frühmorgens auf den Weg zum Markt in Qulipué, einem kleinen Ort in der Nähe, wo er an einem Stand Gemüse verkauft. "Ich war im Bus nach Hause als ich das Feuer sah. Ich stieg aus und von der Strasse aus schaute ich den Hügel hinauf: 'Mein Haus!', schrie ich. Als ich da ankam, war es bereits zu spät", sagte er IPS. Seither übernachtet Llanos in einer Notunterkunft, die in einer Schule errichtet wurde. Zwei Tage nach dem Brand erstieg er den Hügel, um nach seinem Haus zu sehen. "Da ist nichts mehr. Ich habe alles verloren", sagte er schluchzend, nachdem er seine Wohngegend besucht hatte.

Valparaíso, 140 Kilometer nordwestlich von Santiago gelegen, ist der zweitwichtigste Hafen des Landes. In den Bergen und Hügeln, welche die Bucht umgeben, lebt der größte Teil der Einwohner. Nur gerade ein Kilometer trennt das Meer von den Hügeln, auf welchen die vielen farbigen Häuser stehen, die im Jahre 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Es ist auch ein Zentrum der chilenischen Kultur, denn hier erbaute der Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904-1973) eines seiner berühmten Häuser und der Nationale Rat für Kultur und Kunst hat seinen Sitz in Valparaíso. Außerdem befindet sich hier auch der Nationalkongress, Chiles Legislative, welcher 1990 während der Rückkehr zur Demokratie in Valparaíso angesiedelt wurde, um damit die staatliche Macht zu dezentralisieren.

Trotzdem leben 22 Prozent der 253.000 Einwohner unter der Armutsgrenze, der nationale Durchschnitt liegt bei 14 Prozent. Es ist auch die Gegend mit der größten Anzahl Familien, die in "Campamentos" leben. So werden in Chile die Armenviertel genannt, die weder über fließendes Wasser noch über Kanalisation oder Elektrizität verfügen. Gemäß "Techo Chile", einer Nichtregierungsorganisation, ist Valparaíso die Stadt in Chile mit den meisten solcher Armutsvierteln. In der gleichnamigen Region leben ein Drittel aller in diesen Campamentos lebenden Familien. Auch in Sachen Ungleichheit hält Valparaíso den Rekord: Das monatliche Durchschnittseinkommen pro Person liegt bei den ärmsten zehn Prozent gerade einmal bei 270 US-Dollar, bei den reichsten zehn Prozent liegt es bei über 7.200 US-Dollar. "Dieser riesige Brand, der die Stadt verwüstet hat, bringt die unglaubliche Verletzlichkeit der Familien in den Armenvierteln ans Licht. Sie hat es am härtesten getroffen", sagte Alejandro Muñoz, der Leiter von "Techo Chile". Vier dieser Viertel wurden komplett zerstört durch das Feuer, welches sich untypischerweise von oben nach unten ausbreitete, wie Muñoz erklärte. Hinsichtlich der betroffenen Fläche von über 900 Hektaren ist der Brand der größte Stadtbrand Chiles, nicht jedoch hinsichtlich der Opfer. Im Jahr 1953 zum Beispiel starben 50 Personen und im Jahr 1960 traf das Feuer die flachen Gebiete der Stadt, welche durch ihre Lage und durch die typischen Holzhäuser so anfällig ist. Muñoz erinnert daran, dass Valparaíso zum Weltkulturerbe gehört und dass das benachbarte Viña del Mar auch "die schöne Stadt" genannt wird. Aber zwischen den Hügeln der beiden Städte versteckt sich eine harte und manchmal unverständliche Realität: diejenige der Familien in den Armenvierteln.

Lorena Carraja und ihre 80-jährigen Eltern übernachten seit dem 12. April in einer Notunterkunft auf einem Tennisplatz. Inmitten der Kälte und Trostlosigkeit erinnert sie sich daran, wie die Flammen ihr Haus ergriffen. "Es war eine Hölle, eingekreist von Feuer, das in Sekundenschnelle von einer Seite zur anderen schoss und vom Wind von einem Hügel zum nächsten gejagt wurde. Es war schrecklich, sehr eindrücklich, ich habe nie etwas so großes gesehen, das wünsche ich niemandem", berichtet die 50-jährige. Trotz allem verlor Carraja ihr Haus nicht, sehr wohl jedoch zahlreiche Habseligkeiten. "Das macht nichts, das kann man alles wiedererlangen, Gott sei dank sind wir am Leben", fügt sie hinzu. Dann seufzt sie und erzählt mit gebrochener Stimme, was sie an jenem Samstag erlebte. Während das Feuer in den Hügeln brannte, hörte man Menschen schreien, Kinder weinen, man sah Bewusstlose.

Laut Experten wurden Chiles Städte mit wenig oder keiner Planung erbaut und in den Randgebieten der Metropolen wie Valparaíso begannen sich Menschen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen anzusiedeln. "Aber die Zentralregierung wie auch die lokalen Regierungen interessieren sich nicht für die Ankunft dieser Menschen. In diesem Land hat man sich nie systematisch um die Ankommenden gekümmert", bestätigt der Anthropologe Leonardo Piña von der Universität Alberto Hurtado. "Valparaíso ist keine Ausnahme", fügt er hinzu. Piña führt aus, dass die Häuser eines über dem anderen erbaut wurden. "Sie erscheinen uns so exotisch und schön, dass sie sogar zu Weltkulturerbe ernannt wurden; darüber vergisst man jedoch die tatsächliche Sorge, die weiter geht als diese Auszeichnung." "Das Unglück zeigt die Vernachlässigung", urteilt der Anthropologe. Tatsächlich hat die Auszeichnung der UNESCO Valparaíso hohe Investitionen der Interamerikanischen Entwicklungsbank und die Umsetzung eines ehrgeizigen Plans für städtischen Wiederaufbau und Entwicklung eingebracht, welche bei den Bewohnern der Hafenstadt viele Hoffnungen weckten. Dennoch haben es die zwischen 2006 und 2012 investierten 73 Million Dollar nicht geschafft, die Armut und die Vernachlässigung zu mindern. Für Piña liegt der entscheidende Mangel im Fehlen einer Politik und Rechtsnormen, die der Bevölkerung die notwendigen Voraussetzungen für ein würdiges Leben garantieren.

Eine lang anhaltende Trockenheit, starke Winde und unüblich hohe Temperaturen für die Jahreszeit haben zusammen für dieses "perfekte Inferno" gesorgt, versucht der Verwaltungschef der Region, Ricardo Bravo, zu rechtfertigen. Die Experten sind sich einig, dass es nun unerlässlich ist, das Leid zu lindern. Danach jedoch bedarf es des politischen Willens, um die Unsicherheit des "Verrückten Hafens", wie Neruda ihn in seiner "Ode an Valparaíso" nannte, zu überwinden. Die Stadt solle, so der Poet, die Tränen vergessen, um die Türen wieder grün und die Fenster gelb zu bemalen.

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