Dumb Talk im Deutschlandfunk

Sendung "Eine Welt" tut sich schwer mit der Situation venezolanischer Medien

Es gibt wenige Themen, die so verzerrt wiedergegeben werden, wie die Situation der Medien in Venezuela. Jüngstes Beispiel nach den Fehltritten in Frankfurter Rundschau und der Berliner taz ist der Deutschlandfunk. Im Beitrag "Unter der Kuratel. Der schwierige Alltag für Journalisten in Venezuela" stellt die Redakteurin Nicole Kohnert ihr Unwissen zur Schau.

Zunächst wird eine Journalistin mit dem Namen "Mariella", Mitarbeiterin der am ehesten als "ausgewogen" zu bezeichnenden Tageszeitung Últimas Noticias zitiert, um die vermeintliche Bedrohung von Journalisten durch den Staat zu bestätigen. Sie traue sich nicht "etwas Falsches" zu schreiben, weil sie dann in der Fernsehshow des Präsidenten erwähnt würde. Um das Bedrohungsszenario zu untermauern wird ihr Nachname weggelassen, als würde eine Nennung sie gefährden.

Abgesehen davon, dass der Präsident angesichts der Fülle an Lügen, Beleidigungen und Propaganda in den Medien wohl kaum allein in der Lage wäre, jede Falschaussage zu korrigieren: Eine Journalistin, die fürchtet, wegen Falschaussagen kritisiert zu werden, taugt doch herzlich wenig um die Einschränkung der Pressefreiheit durch den Staat zu belegen.

Wer auch nur ansatzweise die venezolanische Medienlandschaft kennt, den dürfte auch die Aussage stutzig machen, die Journalistin wolle nicht "gegen den Präsidenten" berichten, um sich nicht in Gefahr zu bringen oder "eingesperrt" zu werden. Nur wird dabei vergessen, dass es keinen einzigen Fall von Journalisten in Venezuela gibt, die aufgrund von Berichterstattung gegen den Präsidenten verurteilt worden wären.

Auch der Fall des Chefs des Oppositionssenders Globovisión wird erwähnt. Von Guillermo Zuloaga fehle "jede Spur" und er sei kurzzeitig festgenommen worden, "weil er angeblich falsche Informationen und Beleidigungen über den Präsidenten veröffentlicht hatte". Nicht erwähnt wird dann jedoch, dass die Festnahme stattfand, weil er der Spekulation mit Neuwagen beschuldigt wird, die durch die hohe Inflation äußerst lukrativ ist. Dass er sich ins Auand abgesetzt hat, um der venezolanischen Justiz zu entgehen, kann da ruhig verschwiegen werden.

Der Höhepunkt aber ist der zuletzt angeführte "Beleg" für Venezuelas vermeintlichen Weg in die Diktatur. Um zu zeigen, dass Chávez keine Kritik zulässt, wird sein Interview mit BBC-Reporter Stephen Sackur im Juni herangezogen. In dessen Sendung Hard Talk habe folgende Konversation stattgefunden:

Sackur: Aber viele können Sie gar nicht mehr kritisieren, weil sie im Gefängnis sind. Zum Beispiel Raúl Isaías Baduel, er war ein Vertrauter von Ihnen, das war Ihr Verteidigungsminister. Als er Sie kritisierte, haben Sie ihn eingesperrt.

Sie schätzen unsere Berichterstattung?

Dann spenden Sie für amerika21 und unterstützen unsere aktuellen, hintergründigen und professionellen Beiträge über das Geschehen in Lateinamerika und der Karibik.

Damit alle Inhalte von amerika21.de weiterhin für Alle kostenlos verfügbar sind.

Ihr amerika21-Team

Chávez: Ich glaube, Du weißt gar nichts! Ich glaube, Du weißt nichts über die Situation hier, Du bist schlecht vorbereitet. Du redest über einen Korrupten! Du bist hierher gekommen, um die alle zu verteidigen. Du weißt überhaupt nicht, was Du das sagst! Du wirst doch nur von denen benutzt!

Wer sich aber den Originaltext des Interviews ansieht, dürfte schnell merken, dass Nicole Kohnert nicht allein den Namen den BBC-Journalisten falsch wiedergibt. Dort heiß es:

Stephen Sackur, BBC: Aber viele können Sie gar nicht mehr kritisieren, weil sie im Gefängnis sind. Zum Beispiel Raúl Baduel. Er war ein guter Kollege von Ihnen, er war ihr Verteidigungsminister, aber als er zu einem ihrer Kritiker wurde und zur Opposition ging, haben sie ihn eingesperrt.

Hugo Chávez: Ich glaube, du weißt gar nichts. Ich glaube, du hast dir die Situation, in der wir hier leben, nicht gut angesehen. Entschuldige Steven, du redest über einen Korrupten. Er ist ein Ex-Verteidigungsminister.

Stephen Sackur, BBC: Das weiß ich, aber sie haben erst beschlossen, dass er ein Korrupter ist, nachdem er zu ihrer Opposition zählte.

Hugo Chávez: Nein, nein nein. Du weißt nicht, was du da sagst. Du ignorierst die Wahrheit. Ich als Präsident habe den Verteidigungsminister abgesetzt, ich habe ihn in den Ruhestand geschickt, weil er eine Reihe von Unregelmäßigkeiten nicht mehr erklären konnte. Und die Ermittlungen gegen ihn begannen, als er noch Minister war. Ich selbst habe ihn angerufen und mich mit ihm zusammengesetzt, weil er ein Freund war, ein guter Freund. Eines Tages sagte ich zu ihm: "Erklär mir das hier, erklär mir dies und jenes." Er konnte es nicht erklären. Nach wenigen Tagen habe ich ihn abgesetzt. Daraufhin hat er, als Verteidigung, die Position vertreten, ein politisch Verfolgter zu sein. Jetzt komm' mir nicht damit, einen Korrupten zu verteidigen. Gibt mir ein beliebiges anderes Beispiel, aber nicht dieses. Er ist ein Korrupter und sitzt deshalb im Gefängnis, das ist erwiesen. Also, kommst du hierher, um einen Korrupten zu verteidigen?

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr