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26.12.2013 Mexiko / Menschenrechte / Militär

Vertrieben in Oaxaca

Im Süden von Mexiko protestieren Binnenflüchtlinge für eine Lösung der schweren sozialen Probleme
Kinder der Vertriebenenfamilien verarbeiten ihre Erlebnisse in Bildern

Kinder der Vertriebenenfamilien verarbeiten ihre Erlebnisse in Bildern

Oaxaca de Juárez, die Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Oaxaca, ist ein beliebtes Ziel für Mexikourlauber. Dank seines Status als Weltkulturerbe hat sich der Stadtkern seinen kolonialen Charme bewahrt und so zieht es jedes Jahr tausende Reisende aus aller Welt in die Stadt, in der man, der Werbung von Tourismusagenturen und Reisebüros zufolge, das Aufeinandertreffen vorkolumbianischer Traditionen und des modernen Mexikos hautnah erleben kann. Und tatsächlich erleben die Besucher eine lebendige Stadt, deren Bild von Werbungen am Straßenrand und moderner Technologie genauso geprägt ist wie von indigenen Straßenhändlern, die aus dem Umland kommend versuchen, ihre "Artesanía" (handgemachte Kleidung und Kunst) zu verkaufen.

Und so tummeln sich auf dem "Plaza de la Constitución" Familien aus Europa und Nordamerika neben Rucksackreisenden, Einheimischen und fliegenden Händlern auf den bunten Märkten und genießen die Sonne in den Cafes und auf den Bänken mit Blick auf die im 16. Jahrhundert erbaute prunkvolle Kathedrale. Während auf der einen Seite des Platzes eine Hochzeit gefeiert wird, singt ein alter Mann auf der anderen Seite Weihnachtslieder und liest dazwischen Gedichte aus einem vergilbten Buch vor. Dazwischen herrscht ein buntes Gewirr aus gestressten Eltern, die kurz vor Weihnachten noch die letzten Einkäufe erledigen, Straßenmusikern und Eis essenden Touristen.

Nur eine Ecke des Platzes will sich nicht in dieses bunte und fröhliche Bild einfügen. Vor dem Eingang des  "Antiguo Palacio de Gobierno" hängen zwei große Transparente. Auf weißem Grund steht dort in rot und schwarz geschrieben: "Vertriebene durch Paramilitärs, San Juan Copala" und "Nach drei Jahren Vertreibung machen wir weiter, ohne Lösung, friedlich und mit Würde". Davor verkaufen indigene Frauen handgemachte Handschuhe, Schals und Ketten. Zwischen den beiden Transparenten befindet sich der Eingang zu einem Camp. Plastikplanen, die an den Säulen des kolonialen Gebäudes befestigt sind, schützen den Zufluchtsort vor Wind und Wetter und neugierigen Blicken. Nach kurzem Gespräch mit einer Gruppe von Männern folgt schnell eine freundliche Einladung durch den Sprecher der Gruppe, Jesús Martínez Flores.

Gemeinsam betreten wir die Behausung. Einige Kinder spielen auf dem Boden des ungefähr 25 Quadratmeter großen Zufluchtsorts. Zu unseren Rechten stehen zwei kleine einfache Zelte. Auf Plastikstühlen sitzen drei Frauen in bunten Kleidern und bereiten Tortillas. Der Lärm des Treibens auf dem Platz bleibt als ständiges Hintergrundgeräusch. Schnell bildet sich eine kleine Menschentraube um mich. Die Frauen geben mir zu essen und die Kinder blicken mich skeptisch und neugierig an. Jesús stellt mich zwei anderen Männern vor, die als Vertreter der Organisation "Brigadas Indígenas/94" anonym bleiben wollen. Ich erkläre ihnen mein Interesse für die Situation von Vertreibung und "Desplazamiento interno y forzoso" (Unfreiwillige, interne Vertreibung; auch Binnenvertreibung) und gebe zu, von der Situation in Oaxaca keine weiteren Kenntnisse zu haben. In der folgenden Stunde erzählen Jesus und die beiden Vertreter der solidarischen Organisation ihre Geschichte; die Geschichte von San Juan Copala.

Sie beginnt 2006 mit den Streiks der Lehrergewerkschaft in Oaxaca, heute bekannt als "Conflicto magistral de Oaxaca". Tausende Lehrer und Aktivisten protestieren damals für die Verbesserung des Erziehungswesens im zweitärmsten Staat der Republik. Inspiriert von der Aufbruchsstimmung und empört durch die Repression und Ignoranz der Regierung von Oaxaca unter Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz (Partido Revolucionario Institucional, PRI) gründeten die Bürger der Gemeinde San Juan Copala eine autonome Gemeinde als alternatives Projekt. Dabei beriefen sie sich auf ihre indigenen Wurzeln als Zugehörige des Volkes der Triquis, auf linke und anarchistische Traditionen und die autonomen Zapatistengemeinden in Chiapas. Das Ziel war eine Gemeinschaft zu gründen, die für den Erhalt indigener Wurzeln, organischer Landwirtschaft und eine Wirtschaft im Sinne der Allgemeinheit und Gemeinschaft eintritt. Diese sollte sich gegen den Neoliberalismus, die weitverbreitete Korruption und den gängigen Klientelismus stellen sowie gegen das kaum repräsentative Parteiensystem Mexikos.

Doch das Projekt blieb nicht ohne Widerstand. Die Regierung unter Ulises Ruiz Ortiz fürchtete den Kontrollverlust und eine Art Dominoeffekt. Daher entschied sich der Politiker für die Repression. Jesús erzählt, dass es besonders ab Anfang 2009 verstärkte Attacken auf San Juan Copala gab. Durchgeführt wurden diese von Paramilitärs, die laut den Repräsentanten der autonomen Verwaltungsbezirke von der Regierung Oaxacas finanziert wurden. Im Laufe der nächsten zwei Jahre kam es zu Brandanschlägen, Vergewaltigungen und gezielten Ermordungen von autonomen Aktivisten. Die Paramilitärs schrecken auch vor Gewalt gegen Kinder nicht zurück und schnell verwandelte sich die Gemeinde in einen Ort des Chaos und der ständigen Angst. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die Gewalt am 27. April 2010, als einem Hilfskonvoi aus ausländischen und mexikanischen Aktivisten der Zugang zur Gemeinde gewaltsam verwehrt wurde. Jesús erzählt, dass bei dieser Attacke zwei Aktivisten getötet wurden und mehrere schwere Verletzungen erlitten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich San Juan Copala in eine Kriegszone verwandelt. Immer mehr Familien flohen vor der eskalierenden Gewalt. Sie zogen die knapp 240 Kilometer nach Oaxaca de Juárez. Von dort zogen viele weiter: in die Hauptstadt oder in die USA. Am 15.September 2010 schließlich wurde die Situation so unerträglich, dass die letzten Einwohner von Juan San Copala flohen. So verloren die Triquis San Juan Copalas nicht nur Obdach, sondern auch Arbeit, Einkommen und die Möglichkeit, ihren Kindern eine ordentliche Bildung zukommen zu lassen. Denn die Flucht endete für viele auf der Strasse.

Jesús beschreibt die Zerstreuung der Gemeinde. Die etwa 1.000 Einwohner verloren sich aus den Augen. Jesús zog mit seiner und etwa 40 weiteren Familien auf den Zócalo in Oaxaca, wo bis heute zehn von ihnen ausharren und für ihr Recht auf Rückkehr, Entschädigung und ein Leben in Würde und Autonomie protestieren. Und tatsächlich erregte ihre Situation kurzfristig nationale und sogar internationale Aufmerksamkeit. So sah sich der amtierende Regierungschef Gabino Cué Monteagudo sogar gezwungen, das Thema in seinem Wahlkampf 2010 aufzugreifen und er versprach den Betroffenen Unterstützung. Doch wie so häufig war der Atem der Ungerechtigkeit länger als der der Berichterstattung. Nach seiner Wahl kam Monteagudo seinen großen Worten nicht nach. "Die Politiker haben riesige Zungen, sie reden viel, aber halten ihr Wort nicht", sagt mir einer der anarchistischen Aktivisten mit einem verzweifelten Lächeln. Sogar die interamerikanische Menschenrechtskommission hat sich des Falles schon angenommen und die mexikanischen Behörden zum Handeln aufgefordert, doch gefolgt ist wieder nichts.

Die Situation auf dem Zócalo ist kritisch, die Dezembernächte sind kalt, die hygienischen Bedingungen sind vor allem für die Kinder alles andere als vorteilhaft. Und die staatliche Repression geht weiter. Eine Demonstration im August beendete die Polizei mit dem Knüppel. Zudem steht "Nacht der Rettiche" an, ein jährliches Fest, bei dem Figuren aus Rettich hergestellt und dann auf einem Markt am Zócalo verkauft werden. Die Stadt will dafür den Platz herausputzen und dies beinhaltet zynischerweise eine erneute Vertreibung der Vertriebenen.

Doch sie wollen weiterkämpfen. Für ihr Recht auf kulturelle und politische Selbstbestimmung, für Entschädigungen für das erlittene Unrecht und eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Aber vor allem wollen sie zurückkehren zu ihrer Erde. "Die sogenannte Modernität und der Neoliberalismus rauben uns die Menschlichkeit. Die Städte quellen über vor Dreck. Wir wollen ein Leben in Einklang mit der Natur und mit unserer eigenen Menschlichkeit. Dafür kämpfen wir. Der Kampf geht weiter." Mit diesen Worten verabschieden sich Jesús und die Aktivisten.

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