Kolumbien ‒ Wenn Homosexualität zur Bedrohung wird

Kontroverse um Leitfaden gegen Diskriminierung in Schulen. Konservative Kräfte wittern Gefahr für traditionelle Kleinfamilie

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Titelblatt des Leitfadens "Ambientes Escolares Libres de Discriminación"
Titelblatt des Leitfadens "Ambientes Escolares Libres de Discriminación"

In Kolumbien sind tausende Menschen auf die Straßen gegangen, um die traditionelle Kleinfamilie zu verteidigen. Bedroht werde die Familie ihres Erachtens von einem Leitfaden, der Lehrkräfte in Schulen zum Thema Diskriminierung sensibilisieren soll. Eigentliches Ziel der Broschüre sei die Förderung der Homosexualität. Die Bildungsministerin Gina Parody, von deren Behörde die Broschüre erstellt wurde, müsse zurücktreten. Diese hatte sich erst kürzlich öffentlich als Lesbe bekannt.

Der Aufruhr begann in sozialen Netzwerken und sprang bald ins reale Leben über. Schon protestierten Tausende auf den Straßen diverser Städte Kolumbiens, um die Werte der Familie hochzuhalten. Zuvor hatten sexuell verfängliche Bilder die Runden gemacht, die angeblich dem Leitfaden gegen Diskriminierung in Schulen "Ambientes Escolares Libres de Discriminación", entstammten. Der Ruf nach dem Rücktritt der Bildungsministerin, die das Projekt verantwortete, wurde laut.

Tatsächlich wurden die Bilder zweckentfremdet und stammten aus einer anderen Quelle. Der wirkliche Leitfaden wurde vom Bildungsministerium zusammen mit sozialen Organisationen, namentlich Colombia Diversa entwickelt und von den Vereinten Nationen unterstützt. Darin geht es in erster Linie darum, den Respekt gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen und intersexuellen (LGBTI) Menschen zu fördern. Das Verfassungsgericht hatte 2015 das Bildungsministerium dazu verpflichtet, die "Manuales de Convivencia" (Handbücher für das Zusammenleben) zu überarbeiten, um einen respektvollen Umgang im Sinne der Menschenrechte für alle zu garantieren und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und sexueller Orientierung zu vermeiden. Dem Entscheid des Verfassungsgerichts liegt der traurige Tod eines Teenagers zugrunde. Sergio Urrego hatte sich im August 2014 in Bogotá das Leben genommen. Er hatte die Diskriminierung an seinem Gymnasium aufgrund seiner Homosexualität nicht länger ertragen.

Zu viel des Fortschrittes

Mitten in die Kontroverse geraten ist die Bildungsministerin Gina Parody. Dass sie anfänglich die Existenz des Leitfadens verneinte, war keinesfalls förderlich. Dass sie einst treue Anhängerin Álvaro Uribes war und sich dann von den ultra-rechten Kreisen distanziert hatte, erst recht nicht. Vor allem aber hat sie es gewagt, sich als Kongressabgeordnete öffentlich zu ihrer Homosexualität zu bekennen. Damit hatte sie endgültig die ultra-konservativen und katholischen Kreise gegen sich, die nur auf eine Gelegenheit gewartet hatten, ihr in den Rücken zu fallen. Allen voran Alejandro Ordóñez, oberster nationaler Staatsanwalt, äußerte laute Kritik. Der Leitfaden werde dazu missbraucht, den Schülerinnen und Schülern die Gender-Ideologie zu indoktrinieren1.

Der öffentliche Aufschrei war abzusehen. Zu viele rechtliche Fortschritte hatte die LGBTI-Gemeinschaft in letzter Zeit erreicht. Im November 2015 ebnete das Verfassungsgericht gleichgeschlechtlichen Paaren den Weg zur Adoption. Seit April 2016 zählt Kolumbien zudem zu jenen Ländern, in denen sich gleichgeschlechtliche Paare das Ja-Wort geben können. Seit 2011 wird dieses Thema immer wieder rechtlich debattiert und umgewälzt. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Weitverbreitete Homophobie

Die Ereignisse erinnern an die Debatte um Genderismus in der Schweiz, die der konservative Churer Bischof Huonder im Dezember 2013 angestoßen hatte. Laut dem Bischof ist Genderismus eine totalitäre Ideologie, der es nur vordergründig um die Gleichstellung der Geschlechter ginge, in Wahrheit aber Ehe und Familie in Frage stellen wolle2

Der Debatte zugrunde liegen dürfte die weitverbreitete Homophobie, die in Kolumbien noch immer Realität ist. Die Gesetze mögen immer fortschrittlicher sein, die Realität hinkt aber nach. Der Leitfaden, welcher schlussendlich nicht gebraucht werden wird, war einzig die Projektionsfläche dieses gesellschaftlichen Problems. Gina Parody ebenfalls. Sie dürfte der Verhandlungsdelegationen auf Kuba dankbar sein, dass die Einigung alle Medienaufmerksamkeit auf sich zog und sie davon befreite. Die homophoben Gesellschaftszüge in Kolumbien müssten aber dringend weiter angegangen werden.

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