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09.11.2017 Venezuela / Kultur / Soziales

"Der Hurrikan der Geschichte rauscht durch meine Straße"

Der venezolanische Filmemacher Luis Alberto Lamata über die Geschichte seines Landes, Heldenkulte und die Probleme der Gegenwart
Filmemacher Luis Alberto Lamata aus Venezuela

Filmemacher Luis Alberto Lamata aus Venezuela

Quelle: Juan Lamata y Color3arte/Villa del Cine

Anlässlich des 13. Festivals "Venezuela im Film- ¡Qué chévere!" in Frankfurt am Main unterhielt sich Ute Evers mit dem Filmemacher Luis Alberto Lamata. Mit seinem afro-venezolanischen Film "Azú, alma de princesa" wird das Festival eröffnet. Der Film spielt im Jahr 1780: Eine Sklavengruppe flieht von der Hazienda einer Zuckerrohrplantage, auf der Suche nach einem Versteck. Manuel Aguirre, ein besessener Landbesitzer, ist ihnen bereits auf den Fersen. Auch, weil er ein Auge auf Azú geworfen hat, die rebellische Sklavin, die die Gruppe in Aufruhr gebracht hat.


 

Glauben Sie, dass der Film die geeignete Form ist, um Geschichte vor dem Vergessen zu schützen?

Szene aus "Azú, alma de princesa", der im Venezuela des 18. Jahrhunderts spielt

Quelle: Juan Lamata y Color3arte/Villa del Cine

Um darauf antworten zu können, muss ich erst einmal einige Schritte zurückgehen, eine Orientierung finden: Es ist notwendig, mich erinnern zu können, denn ohne Erinnerung gibt es keine Identität, und ohne Identität kann man weder die Gegenwart angehen, noch es sich wagen, eine mögliche Zukunft aufzubauen. Von diesem Standpunkt muss ich ausgehen, damit es einen Sinn ergibt, mich für die Vergangenheit zu interessieren. Ich denke, dass dies für die Individuen wie auch die Völker gilt. Mit gerade etwas mehr als zweihundert Jahren republikanischen Lebens sind wir Venezolaner gezwungen, uns vielen Fragen zu stellen, um unsere Position in der Welt verstehen zu können, ohne dass die Antworten auf die Vergangenheit zum Ballast werden. Man sollte entscheiden, mit was man bricht und was man annimmt. Und das Kino und das Fernsehen müssen tatsächlich Teil dieser Auseinandersetzung sein. Manchmal als Informationsinstrument, das andere Mal von einem polemischen Autorenblick aus. Beide Extreme sind legitim, wenn es darum geht, eine Geschichte zu überwinden, die in Statuen und in Namen für Plätze eingesperrt ist, und die sehr wenig nützlich ist in einer mangelhaften und ungleichen Erziehung. Eine "Geschichte" mit leeren Gesten und hohlen Zeremonien, deren Sinn mit der Zeit verlorengegangen ist, bringt uns gar nichts.

Was heißt das für die Annäherung von Geschichte an den Film, das Kino?

Ich möchte ein Kino, das sich der Geschichte nähert, um uns zu erzählen, wer wir waren, um darüber zu diskutieren, wie wir sein wollen; das die Helden und die Schurken sucht und versucht, diese in einem neuen Licht zu sehen, indem es sich auf die Arbeit der Historiker stützt, ihre Arbeiten aus den Gängen der Universitäten herausholt und sie auf die Straße bringt, wo sie gebraucht wird. Und nicht nur die Nationalhelden. Mich interessieren die Namenlosen, die Venezolaner zu Fuß, die an uns vorbeigezogen sind, ohne offensichtliche Spuren zu hinterlassen. Doch es sind gerade sie, die die Lebensgeschichte geschaffen haben, die uns umgibt, und die wir Tag für Tag verändern und den kommenden Generationen weitergeben. Ich will ein Kino machen, das mir wichtig ist und das vielleicht auch andere interessieren könnte, über den banalen und bequemen Blick der bloßen Gegenwart hinaus.

Lamata und sein Team bei den Dreharbeiten in Venezuela

Quelle: Juan Lamata y Color3arte/Villa del Cine

Könnte man sagen, dass die jüngeren Filmemacher sich weniger für historische Themen interessieren und mehr für die aktuellen der Gesellschaft, in der wir leben? 

Für mich ist das sogenannte historische Kino so aktuell wie jenes, das zeitgenössische Themen behandelt. Ich verstehe, dass wir in einer Welt leben, die einen unstillbaren Durst nach der Gegenwart hat, nach der Aktualität und nach Neuigkeiten. Doch selbst wenn dich die Vergangenheit nicht interessiert, wird sie fortlaufend unter uns sein. Und es wird immer jemanden geben, der danach fragt, "wie es war" und "wie wir bis hierher gekommen sind", über das reine Unterhaltungsniveau hinaus gefragt. Ich glaube, unsere Filme bewegen sich glücklicherweise, so ungleich in Quantität und Qualität sie auch sind, sowohl durch die Gegenwart als auch die Vergangenheit. Die neuesten Filme unserer Kinematografie schließen die einen wie auch die anderen ein. Nein, sie sind keinesfalls ausschließend. "Früher" und "jetzt", das heißt Geschichte und Gegenwart, sind trügerische Worte. Azú ist mir mit ihrem Abenteuer so nah wie das Aktuellste, das in den sozialen Netzwerken erzählt wird. Ihr Wettlauf um die Freiheit und ein unabhängiges Leben ist allgegenwärtig in ihren Nachfahren, die wir sind, durch das Blutsverwandtschaft oder die Kultur. Für mich läuft Azú immer noch in den Straßen meiner Umgebung herum.

Was bedeutet es heute (in den eher schwierigen Zeiten) in Venezuela zu filmen?

Es war nie einfach. Was sich ändert, sind die Masken der Schwierigkeiten. Eine der Konsequenzen, die mich am meisten treffen im politischen Bruch unserer Gesellschaft, ist, dass sich die Intoleranz ausbreitet. Von extremen Positionen aus wird stets übertrieben und gelogen. Und das nährt nutzlose Polemik, die Lärm macht, aber ansonsten nichts bringt. Weiter zu filmen, über diesen unnötigen Lärm hinaus, das ist notwendig. Seit ich denken kann, habe ich immer Filmemacher gesehen, die bereit waren, zu filmen, auch wenn sie gegen die Umstände ankämpfen mussten. Was die wirtschaftlichen Schwierigkeiten angeht, muss man sich eben an ein anderes Budget anpassen und die Projekte anders angehen. Aber so war es immer wieder mal. Ich sage mir stets, dass es mich jetzt halt getroffen hat, diese Zeit der Veränderungen zu durchleben, und der Hurrikan der Geschichte rauscht durch meine Straße. Ich habe keine andere Wahl als diese Umstände, klar, aber eines kann ich schon tun: die Entscheidung treffen, wie viele andere auch, die ich respektiere, nämlich darum zu kämpfen, diese Umstände zu verändern, auch von meiner kleinen Straßenecke aus. 

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Filmemacher Luis Alberto Lamata aus Venezuela
Szene aus "Azú, alma de princesa", der im Venezuela des 18. Jahrhunderts spielt
Lamata und sein Team bei den Dreharbeiten in Venezuela

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