Essaysammlung des Calas: Lateinamerikanische Krisen unter der Lupe

Mit einer Serie von 14 Essays, von denen die ersten vier Bände bereits erschienen sind, soll die Debatte, die Reflexion und die Suche nach Wegen zur Bewältigung dieser Krisen gefördert werden, so die Herausgeber

calas_publikationen.jpg

Neue Essay-Reihe von Calas
Neue Essay-Reihe von Calas

Von Jugendgewalt bis zur Erschöpfung multikultureller Narrative, einschließlich Themen wie Ungleichheit, Refeudalisierung und Neo-Extraktivismus, beschreiben die Essays der Reihe "Krisen bewältigen: Lateinamerikanische Perspektiven" (Afrontar las crisis desde América Latina) des Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies in Humanities and Social Sciences (Calas) verschiedene Aspekte einer Region, die von Krisen durchzogen wird.

Das Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies wurde 2017 als deutsch-lateinamerikanisches Kolleg gegründet und führt führende Forschungsprojekte in den Geistes- und Sozialwissenschaften in und für die Region durch, die verschiedene geografische Gebiete, Forschungen und Disziplinen abdecken. Am Calas sind vier deutsche – Bielefeld, Kassel, Hannover und Jena – sowie vier lateinamerikanische Universitäten – Guadalajara (Mexiko), Costa Rica, Flacso (Ecuador) und San Martín (Argentinien) – beteiligt. Die bilaterale Leitungsstruktur besteht aus den beiden Direktoren Sarah Corona Berkin und Olaf Kaltmeier sowie den Ko-Direktoren Gerardo Gutierrez Cham und Hans-Jürgen Burchardt. Der Hauptsitz befindet sich Guadalajara. Das Calas hat sich zum Ziel gesetzt, die Analyse bedeutender Aspekte der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in Lateinamerika zu fördern. Unter dieser Prämisse setzt sich das Calas kritisch mit einer Region auseinander, die durch vielfältige soziale und politische Konflikte gekennzeichnet ist.

Mit einer Serie von 14 Essays, von denen die ersten vier Bände bereits erschienen sind, soll die Debatte, die Reflexion und die Suche nach Wegen zur Bewältigung dieser Krisen gefördert werden. Es soll nicht nur die akademische Reflektion, sondern auch soziale und politische Debatten zu verschiedenen Themen gefördert werden. Sarah Corona Berkin, mexikanische Direktorin des Calas, hob bei der Präsentation der ersten Publikationen auf der internationalen Buchmesse in Guadalajara im November 2018 hervor: "Unser Interesse ist die Beschäftigung mit Krisen aus Lateinamerika. Diese Sammlung soll uns helfen, die Realität zu verstehen und zu beeinflussen".

Dabei beteiligen sich nicht nur Autorinnen und Autoren aus den verschiedensten Ländern der Amerikas sowie Deutschland an den interdisziplinären Debatten über die für diese Region besonders bedeutsamen Krisenphänomene. Die Essayreihe wird zudem von einem internationalen Netzwerk von Universitätsverlagen in fünf beteiligten Ländern (Mexiko, Costa Rica, Ecuador, Argentinien und Deutschland) herausgerbacht und vertrieben. Die ersten vier Bände, die im Folgenden kurz vorgestellt werden, sind in den Ländern mit Calas-Sitz auf Spanisch erhältlich und können im Open Access von der Website www.calas.lat und bei Bielefeld University Press heruntergeladen werden.

Spuren von Blut und Feuer

Auf die strukturelle Gewalt gegenüber der lateinamerikanischen Jugend will José Manuel Valenzuela in seinem Buch "Spuren von Blut und Feuer. Bio-Nekropolitik und Jugendmord in Lateinamerika" aufmerksam machen. Der mexikanische Soziologe vom Colegio de la Frontera Norte geht in diesem Essay auf die Beziehung zwischen Leben und Tod als Zentrum der sozialen, ökologischen, akademischen und künstlerischen Diskussion ein.

"Die harten Fakten sagen uns, dass die Haupttodesursache für junge Menschen in Lateinamerika die Gewalt ist", betonte der Autor auf der Buchmesse in Guadalajara. Mit seinem Essay versucht er „zu verstehen, wie wir zu der aktuellen Situation gekommen sind, zu dieser Banalität von Bösem und Gutem, zu dem kunstvoll inszenierten und unbestraften Töten, das sich in unseren Ländern herausgebildet hat“. Valenzuela lädt seine Leser ein, die gegenwärtige Welt durch die Diskussion von Biopolitik, Nekropolitik, Jugendmord und Narcokultur sowie die Distinktionssmerkmale von Mittel- und Oberschicht, die Ungleichheiten betonen, neu zu denken.

Grenzen des Neo-Extraktivismus

Die argentinische Soziologin Maristella Svampa ist Autorin von „Grenzen des Neoextraktivismus in Lateinamerika. Sozioökologische Konflikte, ökoterritorialer Wandel und neue Abhängigkeiten“. In diesem Essay analysiert sie die zunehmende Ausbeutung natürlicher Ressourcen in Lateinamerika und thematisiert soziale Widerstände dagegen, wobei sie hier die wichtige Rolle indigener Gemeinschaften sowie der Frauen hervorhebt.

"Der Zusammenhang zwischen Neo-Extraktivismus, Landnahme und Ungleichheit ist offensichtlich. Lateinamerika ist nicht nur die ungleichste Region der Welt, sondern auch die Region mit der schlechtesten Landverteilung auf globaler Ebene, bedingt durch den Vormarsch von Monokulturen und Enteignungen zugunsten von Großunternehmen und privaten Grundbesitzern", schreibt die Autorin in ihrem Buch. Svampa beleuchtet die verschiedenen politischen Kämpfe (speziell in Verbindung mit indigenen Rechten und Feminismus) und legt kritische Konzepte zum Verständnis des Neo-Extraktvismus vor.

Refeudalisierung

"Refeudalisierung. Soziale Ungleichheit, Wirtschaft und politische Kultur im Lateinamerika des frühen 21. Jahrhunderts" lautet der Titel des Essay des deutschen Historikers und Calas-Direktors Olaf Kaltmeier (Universität Bielefeld). Er schlägt das Konzept der Refeudalisierung als Erklärung für die aktuellen Entwicklungen des Kapitalismus vor.

"Wir sehen, dass es aktuell gewisse Ähnlichkeiten mit der feudalen Epoche gibt. Aus heutiger Sicht, mit der Erfahrung der französischen Revolution und sozialistischer Revolutionen, lassen sich die gegenwärtigen Prozesse mit dem Begriff der Refeudalisierung beschreiben, erklärte der Autor bei der Präsentation seines Essays in Guadalajara. Darin stellt er einen Zustand der sozialen Ungleichheit wie zu Zeiten des Ancién Regime und die Konzentration des Reichtums bei den oberen "1 Prozent" dar. Zudem beschreibt Kaltmeier Phänomene wie Multimillionäre als Präsidenten, die Zunahme des Luxuskonsums sowie die Konzentration des Landbesitzes und die räumlichen Segregation.

"Es gibt eine beispiellose globale soziale Ungleichheit", hob Kaltmeier auf der Buchmesse in Guadalajara hervor. In dieser Situation sei es wichtig, "die von uns verwendeten soziologischen Konzepte zu überdenken. In der aktuellen Debatte reicht es nicht aus, in Bezug auf Lateinamerika nur über Populismus und einen Rechtsruck zu sprechen. Ich glaube, es gibt einen Übergang, bei dem Reichtum und Status nicht mehr so sehr vom Verdienst abhängen".

Krise des Multikulturalismus

In dem Essay "Krise des Multikulturalismus. Antworten aus dem indigenen politischen Denken" fragt die chilenische Historikerin Claudia Zapata Silva, ob sich die Lebensqualität der indigenen Gemeinschaften in Lateinamerika nach drei Jahrzehnten politischer Anerkennung und neuer, inklusiver Verfassungen verbessert hat. Statistische Informationen und die Zunahme sozialer Konflikte sprechen dagegen. Dieser Essay ist eine kritische Reflexion über die Erschöpfung der multikulturellen Erzählung in Lateinamerika. Die Autorin stützt sich auf ein Fundus an kritischem Denken, das von Intellektuellen und Aktivistinnen und Aktivisten der indigenen Bewegungen stammt.

Zapata Silva stellt die zerstörerische Kraft von Investitionsprojekten heraus, die mit Gewalt gegen indigene Gemeinden und der Kriminalisierung ihres Widerstandes einhergehen. "In Bezug auf die indigenen Gemeinden ist der Kolonialismus nicht zu Ende, sondern wurde in diesem republikanischen Horizont neu formuliert", postuliert sie und unterstreicht, dass Enteignung und Ausbeutung anhalten.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr