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Che Guevara ‒ Mythos und Werk

André Scheer liefert in der Reihe "Basiswissen" eine chronologische Einführung in Leben und Denken Che Guevaras

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Buchcover
Das Buch ist in der Reihe "Basiswissen" des PapyRossa Verlags erschienen.

An Büchern über Che Guevara mangelt es nicht. Meist steht die Legende im Vordergrund, die Legende des heroischen Revolutionsführers, der an der Seite Fidel Castros und anderer Guerilleros die Batista-Diktatur in Kuba besiegte und später versuchte, die Revolution unter anderem nach Bolivien zu tragen, wo er im Oktober 1967 ermordet wurde. Che Guevaras Tagebücher stehen in vielen Bücherschränken. Sein Leben wurde mehrfach verfilmt und das berühmte Porträt "Guerrillero Heroico" ziert bis heute Poster, T-Shirts und vieles mehr. Weniger bekannt sind seine Werke, seine politischen Schriften und Theorien. Sie werden von der Legende überdeckt und sind zudem schwer zugänglich – auf jeden Fall für diejenigen, die kein Spanisch lesen können. Dazu später mehr.

Vor diesem Hintergrund ist es eine gute Idee, dass André Scheer mit seinem kleinen Buch in der Reihe "Basiswissen" des Papyrossa Verlags, den Schwerpunkt auf die politischen Ideen Guevaras legen will. Der Außenpolitik-Redakteur der Tageszeitung junge Welt zeichnet in seinem Buch gleichwohl wiederum hauptsächlich das Leben Guevaras nach. Dabei arbeitet er anhand der Biografie zwar die Entwicklung der politischen Ideen Guevaras heraus, systematisiert diese aber nicht. Sowohl der Platz als auch die chronologische Darstellungsweise lassen dies nicht zu. Das ist schade, bleiben so doch viele von Guevaras Aussagen im chronologischen Zusammenhang stehen und werden an keiner Stelle, etwa in einem abschließenden Kapitel, zusammengefasst.

Erklärt sich durch diese Darstellung die Entwicklung des politischen Menschen und erklärt sich somit auch das Handeln des Revolutionärs Guevaras, birgt diese Vorgehensweise aber auch die Gefahr, dass die politischen Ideen zu sehr in ihrer Zeit verfangen bleiben. Einige der wichtigen Texte wie beispielsweise der über die Frage, wie sich der "neue Mensch" im Sozialismus entwickeln kann – laut Guevara parallel mit und vor allem durch den Aufbau und nicht erst nach der Transformation der ökonomischen Grundlage der neuen Gesellschaft – oder wie dem Bürokratismus vorgebeugt werden kann, kommen so zweifellos zur Sprache. Scheer ermöglicht dem Leser durch gut gewählte Zitate auch ein Weiterdenken. Durch die Chronologie geraten aber die so gewonnenen Erkenntnisse rasch wieder aus dem Blick.

Dies passt dann leider doch wieder in die weit verbreitete Rezeption Guevaras, der vor allem als Beispiel von Standhaftigkeit und Opferbereitschaft gesehen wird, wie Scheer im letzten Kapitel seines Buches zur Nachwirkung sehr richtig zusammenfasst. Die Stilisierung zur Ikone habe Methode, so Scheer. Che Guevara sei ungefährlich, wenn er ein Symbol bleibt. Dem gegenüber stellt Scheer den Internationalismus, dessen Schlüsselbedeutung Guevara erkannt habe und den dieser vorgelebt und der kubanischen Revolution hinterlassen habe. In die Tiefe geht allerdings auch dieser Blick, der bis in die Gegenwart reicht, leider nicht.

Wer mehr über die Bedeutung der Schriften Guevaras für die heutige Zeit erfahren will, der muss ihn selbst studieren. Hier geben die Anmerkungen und das Literaturverzeichnis des Buches dem Leser viele Hinweise zur Vertiefung. Denn auch in deutscher Sprache, in der DDR und in der BRD, sind viele der Schriften Guevaras über seine Reisen und seine Kämpfe aber auch die theoretischen Texte beispielsweise über den Guerillakrieg, den neuen Menschen oder den Internationalismus erschienen. Leider sind sie, mit Ausnahme weniger Tagebücher, heute nur noch antiquarisch erhältlich. Übersetzungen neu editierter Originaltexte sind auf absehbare Zeit kaum zu erwarten, da der australische Verlag Ocean Press, der für das Studienzentrum Che Guevara in Havanna die weltweiten Rechte verwaltet, sich wenig kooperativ und interessiert an fremdsprachigen Veröffentlichungen zeigt. So ist beispielsweise auch ein Text über Marx und Engels aus der Feder Che Guevaras, den Kiepenheuer & Witsch vor einigen Jahren ankündigte, nie auf Deutsch erschienen – hier wäre die ansonsten für den Einstieg in Guevaras Werk hilfreiche Bibliographie des vorliegenden Buches zu korrigieren, die dieses Buch in deutscher Übersetzung aufgenommen hat.

Als erste Annäherung an Leben und Werk des großen Revolutionär eignet sich das Buch trotz der erwähnten Mängel. Wer danach mehr wissen und die Kenntnisse vertiefen will, der sollte sich – neben den Originaltexten – das Standardwerk "Che" von Paco Ignacio Taibo II anschaffen, das 2002 auf Deutsch erschienen ist.

André Scheer, Che Guevara, PapyRossa Verlag, 134 Seiten, 9,90 Euro

Dieser Text erschien in gekürzter Fassung in der Tageszeitung Neues Deutschland.

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