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03.02.2010 Deutschland / Venezuela / Medien

dpa weit weg von Geschehen und Realität

Könnte es ein Problem darstellen, wenn eine Nachrichtenagentur aus dem brasilianischen São Paulo über die Verhältnisse in der tausende Kilometer weiter nördlich liegenden venezolanischen Hauptstadt Caracas berichtet?

Die Antwort lautet ja, wenn man einen Blick auf eine aktuelle Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zur venezolanischen Innenpolitik wirft, die die brasilianische Metropole als Ortskennung trägt. In dem Beitrag berichtet dpa über eine geplante Demonstration von Regierungsanhängern und den neuen Stromsparplan der Regierung - als hätten sie sich nicht mal die Mühe gemacht, ihre hoffentlich vorhandenen spanischsprachigen Quellen richtig zu verstehen. Oder nur ein Quäntchen über den historischen Kontext zu wissen. Vielleicht wollen sie auch einfach schreiben, was ihnen passt. Dann hätte der dpa-Text aber nichts mehr mit einer nachrichtlichen Meldung zu tun, sondern wäre journalistisch unprofessionell oder – schlimmstenfalls – politisch motivierte Desinformation.

So beginnt die Meldung mit dem Titel "Chávez ruft Anhänger zu 'Tag der Würde' auf", die unter anderem vom Online-Auftritt des Greenpeace-Magazins (offenbar ungeprüft) nachgedruckt wurde, mit folgendem Satz:

Als Reaktion auf die anhaltenden Proteste gegen seine Regierung hat Venezuelas Staatschef Hugo Chávez seine Anhänger zu einem "Tag der Würde" aufgerufen.

Dumm für die Agentur, dass diese Formulierung ihre offensichtliche Unwissenheit über venezolanische Geschichte offenbart: in Venezuela wird dieser Tag regelmäßig groß gefeiert, denn es ist der 4. Februar, der Jahrestag eines Putschversuches 1992 unter Führung des heutigen Präsidenten Hugo Chávez gegen die damalige korrupte und ultra-neoliberale Regierung. Es ist daher keinesfalls eine "Reaktion auf anhaltende Proteste", wie dpa glauben machen will.

Doch offensichtlich brauchen sie diesen Einstieg, denn eigentlich scheint es ihnen um eine erneute Meldung zu den kürzlichen Oppositionsprotesten gegen die Regierung wegen der Abschaltung von Fernsehsendern zu gehen, die dann auch im zweiten Absatz breit reflektiert werden. Die mittlerweile stattgefundene Wiederzulassung von vier der sechs vorher abgeschalteten Stationen ist für dpa dabei nicht erwähnenswert – genau so wenig, dass einer der bei Zusammenstößen Getöteten (auch längst offiziell bestätigt, statt "unbestätigt" wie dpa schreibt) ein junger Regierungsanhänger war. Das passt nicht ins Bild des Autoren dieser Meldung. Weiter heißt es:

Chávez hatte die Polizei angewiesen, hart gegen die Demonstranten vorzugehen.

Schaut man auf die Äußerungen von Chávez zu den Protesten, so ist auch dies eine recht eigenwillige Interpretation. Das Internetportal venezuelanalysis.com zitiert ihn etwas anders:

"Ich rufe alle Gouverneure und Bürgermeister auf, ihre Autorität zu nutzen. Damit meine ich nicht Repression, sondern Autorität, denn die gewalttätige Opposition sucht das Chaos."

Von dem Rückblick auf die Proteste wird im dritten Absatz zu dem neuen Stromsparprogramm umgeschwenkt. Wahrheitsgemäß wird berichtet:

Gleichzeitig verkündete Chávez eine Verschärfung der Sparmaßnahmen wegen der Energiekrise im Land.

Das zumindest wird richtig wiedergegeben. Doch wenn es dann um die Konkretisierung geht, wird es wieder unseriös:

Jetzt soll auch in Caracas wieder alle zwei Tage der Strom für vier Stunden abgeschaltet werden.

Schade, dass dpa keine Quellenangabe liefert, denn eine offizielle Ankündigung einer solchen Maßnahme gibt es nicht. Oder haben sie es einfach erfunden um die Situation dramatischer darzustellen? Die Regierung hat klar und deutlich erklärt, dass genau das erwähnte Programm in der Hauptstadt nicht zur Anwendung kommen soll. Lediglich die Industrie in und um die Hauptstadt werde nun zur Reduktion des Stromverbrauchs gezwungen, kleine Betriebe und Wohnviertel sind von Rationierungen ausgenommen, wie die Regierung betont.

Doch dpa braucht diese Falschdarstellung offenbar, um ihren dramatischen Schluss zu untermauern:

Seit Bekanntgabe des Sparprogramms im Dezember gibt es in Caracas so gut wie kein Nachtleben mehr: Kinos sind geschlossen, Bars und Restaurants machen um 21.00 Uhr zu.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Caracas ist in Bewegung wie eh und je, zu Weihnachten glitzerte es an jeder Ecke und die riesigen Einkaufszentren kamen nicht im Traum darauf ihre enormen Leuchtreklamen nachts auszuschalten, wie amerika21.de-Mitarbeiter in Caracas beobachten konnten. Sowohl Kinos, wie Bars und Restaurants waren offen. Regierung und Kommerz setzten alles daran, Konsum und Nachtleben am Laufen zu halten - das gelang ihnen offenbar sehr gut. Schließlich ging es für die Wirtschaft um große Einnahmen im Weihnachtsgeschäft und für die Regierung um die Zufriedenheit der strategisch wichtigen Hautstadtbevölkerung. Das hat auch dpa erkannt und will es augenscheinlich politisch gegen den unliebsamen Sozialisten Chávez nutzen.

Es bestätigt sich einmal mehr: Die dpa ist offensichtlich – was Venezuela angeht – als Propagandaagentur im Sinne der schwarz-gelben Lateinamerika-Politik der rechtsgerichteten Regierung Merkel/Westerwelle tätig.

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