Caudillo-Phantasien

Spiegel online macht's möglich: Wie Hugo Chávez zum Objekt exlinker Abschwörungsbedürfnisse wird

"Schwer bewaffnet: Venezuelas Nationalgarde im Einsatz gegen demonstrierende Studenten", kommentierte das Internetportal Spiegel Online am 30.5. ein Foto von ballerndern Uniformträgern. Tatsächlich zeigte das Bild – an den Schulterklappen leicht zu identifizieren – eine Einheit der Stadtpolizei "Policia Metropolitana", die beim Putsch gegen Präsident Hugo Chávez im Jahre 2002 als Schutztruppe der Opposition agierte. "RCTV war der letzte landesweit zu empfangende oppositionelle Sender", behauptete ein weiterer Artikel auf Spiegel Online, der mit den Agenturkürzeln "ffr/dpa/AFP" gezeichnet war.

Nun erfährt jeder, der "googlen" kann, in drei Minuten, daß Venezuelas Medienlandschaft von privaten TV- und Radioanstalten sowie Zeitungen dominiert ist, die dezidiert regierungskritisch berichten. Daß bei internationalen Bild- und Nachrichtenagenturen und ihren Abnehmern schamlose Wurstigkeit angesagt ist, wenn es um Sensationsmeldungen aus Chávezland geht, ist nichts Neues. Am 29.5. aber adelte der renommierte Frankfurter Historiker Gerd Koenen die Unterlassung journalistischer Sorgfaltspflicht auch noch mit vermeintlich wissenschaftlichen Weihen: Chávez beraube seine Kritiker "systematisch und prophylaktisch ihrer Instrumente und Aktionsmöglichkeiten", so Koenen im Interview mit Spiegel Online. Der Präsident Venezuelas habe "seine eigene kommunistische Staatspartei als Unterbau geschaffen" und "unter dem Titel des Sozialismus alle mate­riellen Ressourcen der Gesellschaft und alle Medien von Öffentlichkeit, Politik und Kultur in den Händen seines persönlichen Regimes versammelt".

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Zwar gibt es zur Zeit in Venezuela weder eine "kommunistische Staatspartei" noch eine Zensurbehörde. Und wenn Koenen behauptet, daß Chávez "durchaus von Fall zu Fall mit aktuellen Stimmungsmehrheiten in der Bevölkerung" agiere, mauschelt er weg, daß die Politik des "Caudillos" seit 1998 in zehn freien Wahlen und Referenden mit jeweils mindestens 56 Prozent bestätigt worden ist.

Warum, muß man fragen, wagt sich ein so akribischer Rechercheur wie Koenen auf ein Terrain vor, von dem er offensichtlich keine Ahnung hat? Das Geheimnis liegt in der eigenen unbewältigten linken Vergangenheit: "Für unsere Generation war Vietnam und Indochina so sehr ein Objekt von Empathie und Protest, solange es um den Krieg der USA ging", erinnert sich der Ex-SDS- und KBW-Aktivist Koenen. Als man dann "von Arbeitslagern und Erschießungen in Vietnam und gar Massenmorden in Kambodscha unter Pol Pot gehört hatte, haben einige, zu denen ich leider auch gehört habe, noch eine Zeitlang versucht, das irgendwie zu rechtfertigen." Weil sie damals so zäh auf ihren idealisierten Befreiungsbewegungsprojektionen beharrten, wollen sie heute unbedingt die ersten sein, wenn es darum geht, mutmaßliche "linke Hoffnungsträger" zu desavouieren. Immerhin in einem sind sie sich darin treu geblieben: Man darf sich die Sache nicht zu kompliziert machen.

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