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22.11.2014 Kuba / USA / Politik / Soziales

Die Abwanderung von Fachkräften aus Kuba - mit freundlicher Genehmigung der USA

Kubanische Ärzte im Hospital Saint Michel Jacmel in Haiti. Sie arbeiten dort nach dem Erdbeben 2010 mit haitianischen Ärzten zusammen, die in Kuba ausgebildet wurden

Kubanische Ärzte im Hospital Saint Michel Jacmel in Haiti. Sie arbeiten dort nach dem Erdbeben 2010 mit haitianischen Ärzten zusammen, die in Kuba ausgebildet wurden

Im inzwischen sechsten Leitartikel seit dem vergangenen 12. Oktober, der auf Englisch und Spanisch veröffentlicht wurde, greift die US-Tageszeitung The New York Times das seit der Zeit der Regierung von George W. Bush bestehende Programm der USA, das kubanisches medizinisches Personal zur Abwanderung anstiftet, als "besonders schwer zu rechtfertigen" an.

"Es ist unverhältnismäßig, dass die Vereinigten Staaten die Beiträge der von der Regierung zur Hilfe bei Krisen in der Welt entsandten kubanischen Ärzte würdigen, wie zum Beispiel anlässlich des Erdbebens in Haiti im Jahre 2010, während sie zugleich versuchen, den Staat zu destabilisieren, in dem sie Desertionen fördern."

Der Artikel versichert, dass es "solange diese inkohärente Politik beibehalten wird" weiterhin schwierig sein werde, ein gesünderes Verhältnis zwischen beiden Nationen zu etablieren.


 US-Außenminister John Kerry und die US-amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, haben den Beitrag kubanischer Ärzte gelobt, die in Westafrika Ebola-Patienten betreuen. Die Zentren zur Kontrolle und Vorbeugung von Krankheiten, eine US-Bundesbehörde, entsandte kürzliche einen Funktionär zu einem von der kubanischen Regierung in Havanna organisierten Treffen, um den Kampf gegen die Epidemie zu koordinieren. In Afrika arbeiteten die kubanischen Ärzte in Einrichtungen, die von den Vereinigten Staaten errichtet worden waren. Das Virus hatte den unerwarteten Effekt einem unnötigerweise vergifteten Verhältnis gesunden Menschverstand einzuimpfen.

Trotzdem könnten die Ärzte, die in Westafrika arbeiten, heute einfach ihre Verpflichtungen hinter sich lassen, sich ein Taxi zur nächstgelegenen US-Botschaft nehmen, um mittels eines Programms, das bereits tausende von Desertionen ermöglicht hat, einen Migrationsstatus zu beantragen. Wird ihnen dieser gewährt, können sie in ein paar Wochen in die Vereinigten Staaten einreisen, um in wenigen Jahren zu US-Bürgern zu werden.

Es gibt viele verurteilungswürdige Aspekte der fehlgeschlagenen politischen Strategien der Vereinigten Staaten in Bezug auf Kuba und das seit Jahrzehnten gegen die Insel verhängte Embargo. Aber das Programm, das medizinisches Personal während offizieller Einsätze im Ausland zur Abwanderung anstiftet, ist besonders schwer zu rechtfertigen. Während des kürzlich zu Ende gegangenen Fiskaljahres hat mit 1.278 medizinischen Fachkräften eine Rekordzahl die Einwanderungsgenehmigung erhalten.

Es unvereinbar, dass die Vereinigten Staaten die Beiträge der von der Regierung zur Hilfe bei Krisen in der Welt entsandten kubanischen Ärzte würdigt, wie zum Beispiel anlässlich des Erdbebens in Haiti im Jahre 2010 geschehen, während sie zugleich versuchen, den Staat zu destabilisieren, in dem sie Desertionen fördern.

Das US-amerikanische Einwanderungssystem muss den verwundbarsten Flüchtlingen und Verfolgten der Welt Vorrang einräumen, darf sich jedoch nicht dazu benutzen lassen, die Abwerbung von Fachkräften aus einem gegnerischen Land zu verstärken, insbesondere dann, wenn die Verbesserung der Beziehung zwischen den Ländern ein gangbares und vernünftiges Ziel ist.

Das von der Regierung aufgelegte Programm startete im August 2006, als Emilio González, ein strikt gegen die Regierung der Insel opponierender Exilkubaner, an der Spitze der Einwanderungs- und Ausländerbehörde der Vereinigten Staaten stand. González beschrieb die Arbeitsbedingungen der Ärzte als "staatlich sanktionierten Menschenhandel". Zu jener Zeit betrieb die Bush-Administration auf allen Ebenen Sabotage gegen die kubanische Regierung. Die Erleichterung der Abwerbung von Ärzten, die an Auslandsmissionen teilnehmen, stellt eine Gelegenheit dar, das diplomatische Hauptwerkzeug der Insel zu attackieren und die Regierung der Castros zu demütigen.

Kuba nutzt schon seit vielen Jahren seine Medizinerbrigaden als Haupteinnahmequelle und Überzeugungsmacht. Die Insel besitzt eine der höchsten Pro-Kopf-Raten von Ärzten in der Welt und vergibt jedes Jahr Stipendien für Studiengänge im Gesundheitsbereich an hunderte ausländische Studenten. Darunter waren auch schon einige US-Amerikaner. Zahlen der kubanischen Regierung zufolge sind über 440.000 der insgesamt elf Millionen Einwohner des Landes im Gesundheitssektor beschäftigt.

Havanna bezieht subventioniertes Erdöl aus Venezuela und erhält von verschiedenen Ländern Geld als Entlohnung für geleistete medizinische Versorgung. Im laufenden Jahr rechnet die Regierung, der staatlichen Tageszeitung Granma zufolge, mit Einnahmen von 8,2 Milliarden Dollar für die medizinische Tätigkeit ihres Personals im Ausland. Die große Mehrheit derjenigen, die im Moment im Einsatz sind (insgesamt etwa 46.000) arbeitet in Lateinamerika und der Karibik. Etwa 4.000 von ihnen sind auf 32 afrikanische Länder verteilt.

Die medizinischen Fachkräfte erhalten, wie die Mehrheit der Kubaner, geringe Gehälter. In diesem Jahr hat die Regierung die Löhne der Gesundheitsarbeiter erhöht. Ärzte verdienen jetzt etwa 60 US-Dollar und Krankenpflegekräfte 40 US-Dollar im Monat. Die Zuweisungen im Ausland stellen eine Gelegenheit dar, substanziell mehr zu verdienen. Die Ärzte, die zurzeit in Brasilien arbeiten, verdienen zum Beispiel etwa 1.200 US-Dollar monatlich.

Die 256 medizinischen Fachkräfte, die die Ebolapatienten in Westafrika betreuen, erhalten tägliche Zuweisungen von etwa 240 Dollar von Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). José Luis Di Fabio, der Leiter der WHO-Mission in Havanna sagte, dass die Ärzte und Pflegekräfte in Afrika aus eigener Entscheidung dorthin gereist seien. "Es handelt sich um Freiwillige", sagte er während eines Interviews: "Es gab einige, die ihre Zusage zurückgezogen haben und das war kein Problem."

Einige Ärzte, die desertiert sind, sagen, dass die Auslandszuweisungen eine stillschweigende Zwangskomponente enthielten und haben sich darüber beklagt, dass die kubanische Regierung den größten Teil des Geldes, den ihre Dienstleistungen erbringen, abkassiere. Trotzdem sagt das US-Außenministerium in seinem jüngsten Bericht über Menschenhandel, dass der vorgebliche Zwang gegenüber kubanischen Medizinfachkräften "keine einheitliche Politik der Regierung wiederzuspiegeln scheint". Auch wenn dies so sein mag, könnte Havanna sein Personal im Ausland in großzügigerer Weise entlohnen, wo doch die Gesundheitsbrigaden weiterhin eine wichtige Einnahmequelle bilden werden.

Im vergangenen Jahr flexibilisierte die kubanische Regierung die Ausreisebeschränkungen, indem sie für die Mehrheit ihrer Staatsbürger, einschließlich der Dissidenten, eine freie Aus- und Einreise autorisierte. Auch die Ärzte, die in der Vergangenheit strengeren Restriktionen unterlagen, können heute ohne größere Probleme reisen. Die Vereinigten Staaten halten jedes Jahr 20.000 Einwanderungsvisa für Kubaner von der Insel bereit. Außerdem erhalten diejenigen, denen es gelingt auf irregulären Wegen einzureisen, automatisch die legale Aufenthaltgenehmigung.

Die kubanische Regierung betrachtet das Abwerbungsprogramm für Ärzte als Symbol der Doppelzüngigkeit seitens der Vereinigten Staaten. Es behindert die Fähigkeit Kubas, wenn es darauf ankommt, im Fall von internationalen Krisen seinen Beitrag zu leisten und bewirkt in Richtung der Schaffung einer offeneren oder demokratischeren Gesellschaft rein gar nichts. Solange diese unstimmige Politik beibehalten wird, wir es weiterhin schwierig sein, ein gesünderes Verhältnis zwischen beiden Nationen zu etablieren.

Genau wie für eine wachsende Zahl von Kubanern wird für viele medizinische Fachkräfte weiterhin die Möglichkeit von Interesse bleiben, auf der Suche nach verbesserten Möglichkeiten in die Vereinigte Staaten zu emigrieren und sie haben sicher auch das Recht, dies zu tun. Aber sie während Auslandsmissionen dazu aufzufordern – das geht zu weit.

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