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09.09.2015 Mexiko / Menschenrechte / Politik

Kommuniqué von "Subversiones" angesichts neuerlicher Attacken gegen Medienschaffende in Mexiko

Autonome Kommunikationsagentur prangert Morddrohungen gegen Mitarbeiter an
SubVersiones, Autonome Kommunikationsagentur.

SubVersiones, Autonome Kommunikationsagentur.

An die sozialen Organisationen von unten und links,

An die freien mexikanischen und transterritorialen Medien,

An den Nationalen Indigenen Kongress,

An die Verteidiger der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit in Mexiko und in der Welt,

An die Personen, die uns ihr Vertrauen und ihre Unterstützung zukommen ließen.

Am Montag den 31. August wurde am helllichten Tag und in der Öffentlichkeit ein Mitglied dieses Kollektivs, Heriberto Paredes Coronel, in Mexiko-Stadt mit dem Tode bedroht. Die Organisation Artículo 19 dokumentierte diesen Fall.

Neben Heriberto wurden zwei weitere Genossen, die entschieden haben ihre Identität dem öffentlichen Blick fernzuhalten, bedroht, weswegen wir uns in Alarmbereitschaft befinden. Das sind keine Einzelfälle. Seit Mai des laufenden Jahres werden Beteiligte dieses unabhängigen Mediums aufgrund der medialen Arbeiten die wir realisieren bedroht.

Als Subversiones beteiligen wir uns an der Bewegung der freien Medien, wir begreifen uns als Kollektiv und wir organisieren uns über unsere Versammlungen. Wir sind weder ökonomischen Interessen noch der hegemonialen Politik gegenüber verpflichtet, wir sind also weder ein Informationsunternehmen noch beanspruchen wir, mit den generierten Inhalten Gewinne zu erzielen. Wir sind ein Raum um zu recherchieren, um zu verbreiten, um Stimmen der Kämpfe zu verstärken und ein kleiner Raum des Kampfes als solchem.

Mit den schicksalhaften Resultaten die wir kennen, hat sich unsere Tätigkeit in eine der gefährlichsten Aktivitäten in Mexiko verwandelt. Während der Amtsführung von Felipe Calderón wurde alle 48.1 Stunden eine Attacke gegenüber Journalisten registriert. Mit Peña Nieto beträgt der Durchschnitt 26.7 Stunden. Anders gesagt, die Gewalt gegen Journalisten ist angestiegen und unter der aktuellen PRI-Amtsführung wurden bis März 2015 neun Morde an Journalisten dokumentiert. Gleichermaßen empörend ist die brutale Attacke gegen all diejenigen, die von ihrem Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit Gebrauch machen, wie erst kürzlich der Mord an Rubén Espinosa und die Feminizide an Nadia Vera, Alejandra Negrete, Mile Martín und Yesenia Quiroz. Die Situation der extremen Gewalt und der sozialen und politischen Zersetzung die das Land durchzieht – in der die Gewalt des Staates straffrei und unverfroren angewandt wird – hat dazu geführt, dass der Akt des Kommunizierens, Informierens oder Anzeigens der Rohheit der Realität mitsamt ihren Ungerechtigkeiten, denen wir uns als Volk ausgesetzt sehen, bedauerlicherweise beinhaltet, diese Aktivitäten als großes Risiko in Kauf zu nehmen. 

Die, die uns bedrohen geben uns zu denken, dass wir, sei es auch nur minimal, manchen Interessen geschadet haben, denn viele unserer Berichterstattungen beziehen sich auf Sozialkritiken gegen Akteure des Staates, auf Ungerechtigkeiten, Korruption, Untauglichkeit oder gegen Gewalt, die aktiv, durch Versäumnis oder Einwilligung angewandt wurde. Außerdem werden die Fälle, die wir dokumentieren, nicht durch kommerzielle Medien abgedeckt, oder, wenn doch, werden sie aus einer offiziösen Perspektive erzählt, die die Tatsachen nach Belieben verfälscht und die Stimmen der geschädigten Personen annulliert. Als freies Medium wollen wir die Kämpfe und Widerstände auf ehrliche und solidarische Weise zeigen und stets aus der Perspektiven von Unten, das wir sind.

Die bedrohten Genossen haben Berichterstattungen in verschiedenen Bundesstaaten des Landes realisiert. Sie haben, zum Beispiel, das Auftauchen der Selbstverteidigungsgruppen in Michoacán und Guerrero; die Problematiken die die Teilung der kommunitären Polizeien in beiden Staaten vollzogen haben; die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen des organisierten Verbrechens; als auch die Besitzenteignungen von Land und natürlichen Ressourcen gegenüber bäuerlichen und urbanen Gemeinden dokumentiert. Sie haben das gewaltsame Verschwindenlassen vieler Personen dokumentiert; die Bedrohungen gegenüber anderen Journalisten und sozialen Kämpfern; sie haben die Stimme erhoben und die Scheinwerfer aufgestellt, um die politische Verfolgung sichtbar zu machen; sie haben die Gewalt der Repression gegenüber friedlichen Demonstrierenden gezeigt und haben das kriminelle Gesicht des Staates und seine multiplen Facetten angeprangert. All ihre Arbeit findet sich dargestellt in unserem Netz – subversiones.org – was eine Anstrengung von vielen mehr ist, um eine Kommunikationsalternative aufzubauen.

Daher kommt es, dass sie versuchen, uns durch Bedrohungen über Telefonanrufe und unselige Treffen zu beugen, einzuschüchtern und uns zum Schweigen zu bringen; nur so lässt es sich erklären, dass Situationen passieren, die Angst, Ungewissheit, Unbehagen und Unsicherheit erzeugen.

Als Kollektiv werden wir weiterhin unsere Arbeiten der Kommunikation und Verbreitung realisieren, so wie wir sie bis jetzt gemacht haben. Wir werden nicht zulassen, dass sie uns mit Bedrohungen zum Schweigen bringen. Als Teil unserer ethischen Prinzipien kommunizieren wir ehrlicherweise von unseren Subjektivitäten ausgehend, mit Idealen der Autonomie, Freiheit und Gerechtigkeit, um den medialen Ring zu durchbrechen, der durch die massive Manipulierung der Medien generiert wurde und der die sozialen Kämpfe und emanzipatorischen und selbstverwaltenden Prozesse in einem Land unsichtbar macht, wo das Schlimmste aller Delikte ist, sich nicht zu unterwerfen. Sodass wir euch und ihnen sagen, dass unsere Antwort gegenüber den Bedrohungen sein wird, mehr zu kommunizieren, besser organisiert und stärker vereint.

Wir verurteilen die Attacken, die Kriminalisierung, die Inhaftierungen, das Verschwindenlassen, die Morde und andere Formen der Repression. Wir wissen, dass sich der Staat in vielen Formen manifestiert, manchmal als Gruppen des organisierten Verbrechens, manchmal als paramilitärische Gruppen, manchmal als Akteure, die verhandeln. Wir misstrauen dem Schutzmechanismus für Menschenrechtsverteidiger und Journalisten genauso wie der Spezial-Staatsanwaltschaft für Betreuung von begangenen Straftaten gegen die Meinungsfreiheit, weil manche von uns bereits durch diese Instanzen gegangen sind und sich nichts gelöst hat, lediglich Untauglichkeit und Bürokratie haben wir gefunden. Wir wissen, wer die Feinde sind und ihnen gegenüber sagen wir, dass weder die Wahrheit noch die Gerechtigkeit von den Aggressoren kommen werden. Und so machen wir das im jüngsten Kommuniqué der EZLN Ausgedrückte zu unserem: "Von oben sind nur Täuschung, Betrug, Straflosigkeit und Zynismus zu erwarten."

Daher ist es dringend und notwendig einen Schutz zu errichten, der nicht von den Institutionen sondern von den Leuten kommt, von den sozialen Organisationen, von den Personen die uns in den fünf Jahren Arbeit gezeigt haben, was der Kampf und die gegenseitige Unterstützung bedeutet, um dem Land nicht noch mehr Opfer und Märtyrer zu geben. Wir meinen, dass wir uns alle organisieren müssen, um der Gewalt zu widerstehen die uns dafür schlägt, was wir sagen und ausdrücken; wir wollen weiterhin unsere Arbeiten frei und kritisch ausüben, ausgehend von der gegenseitigen Umsicht, der Vorbereitung und dem Aufbau von Mechanismen, die wirklich den Bedürfnissen entsprechen, die wir haben.

Wir werden weiterhin dafür kämpfen, um bei der Schaffung einer Kommunikation zu kooperieren, die weder im Dienste des Staates noch in dem von großen Unternehmen steht, wir werden weiterhin Kommunikation von unten schaffen.

Von ihnen ist die Nacht, das Morgengrauen ist unser. 

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