Das neunte Seminar der Kampagne brachte in Espírito Santo rund 100 Menschen aus elf brasilianischen Bundesstaaten, aus Argentinien und Peru zusammen, um sich gegen den Ausbau der Ölförderung an der Amazonasmündung und weltweit zu wehren. Das Manifest und die Unterzeichner der Anti-Erdöl-Kampagne finden sich online.
amerika21 dokumentiert Auszüge:
In Brasilien gibt es bereits 6.499 Öl- und Gasbohrungen. Laut staatlicher Erdöl-Agentur ANP (2024) wurden täglich 4,4 Millionen Barrel an Land und auf See gefördert - entsprechend etwa 228.000 olympischen Schwimmbecken. Zur Unterstützung gibt es entlang der Atlantikküste und im Amazonasgebiet eine riesige Infrastruktur: Pipelines, Gas- und Ölterminals, Schiffe, Plattformen, Häfen, Autobahnen, Tanklastwagen und Raffinerien. Brasiliens Subventionen für fossile Brennstoffe beliefen sich nach Angaben des Instituts für sozioökonomische Studien (INESC) im Jahr 2023 auf über 99 Milliarden Reais (rund 18 Milliarden Euro); global waren es laut Internationalem Währungsfonds (IWF) über 7 Billionen US-Dollar (2022).
Die Ölindustrie vertreibt indigene Völker, Quilombolas und handwerkliche Fischer. Sie zerstört Landschaften und Ökosysteme wie Mangroven und Wälder, verseucht Gewässer, Land und Luft. Sie zerstört traditionelle Lebens- und Arbeitsweisen. Die gesamte Nachbarschaft von Raffinerien, Werften, Häfen und Ölkomplexen wird unterworfen.
Der Großteil der Öleinnahmen konzentriert sich in den Händen weniger Aktionäre der wichtigsten Unternehmen: Shell, Chevron, Equinor, Total, Repsol, Petrobras, Porto do Açu, Porto Central, Porto de Suape, Porto de Imbetiba, Porto de Aratu, Porto de São Sebastião, Seacrest, Eneva, Imetame, Reduc, Gaslub. Erdöl und Erdgas sind der Motor einer ungerechten, ökologisch nicht nachhaltigen und zunehmend vom Erdöl abhängigen Gesellschaft, die fossile Kraftstoffe, Plastik, Pestizide, Schmiermittel und andere Derivate benötigt. Die Ölindustrie ist weltweit hauptverantwortlich für den Zusammenbruch des planetaren Klimas.
2024 war das Rekordjahr für Unfälle im Zusammenhang mit der Ölexploration in Brasilien. So wurden der ANP 731 maritime Unfälle gemeldet – die höchste Zahl seit Beginn der Erfassung durch die Behörde im Jahr 2012 (349 Unfälle), darunter alle Arten meldepflichtiger Vorfälle wie Geräte- und Bohrlochausfälle, 183 Arbeitsunfälle/Verletzte und ein Todesopfer, sowie Krankheiten von Mitarbeitenden.
Brasilien war 2024 laut ANP bereits neuntgrößter Erdölproduzent und siebtgrößter Erdölverbraucher der Welt. Dennoch plant die Regierung Lula-Alckmin mit dem Plan zur Wachstumsbeschleunigung (PAC), 430 Milliarden Reais für die Erdölindustrie bereitzustellen. Der Zehn-Jahres-Energieplan (PDE) sieht eine zehn-prozentige Steigerung der Exploration bis 2034 vor. Er enthält weitere Anreize seitens der wichtigsten Ministerien: Bergbau und Energie, Häfen und Flughäfen, Finanzen, Industrie und Handel sowie Planung. Lulas Regierung reproduziert die historische Rolle Brasiliens als Exporteur von Rohstoffen und Halbfertigprodukten.
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Alte, sich erschöpfende Bohrlöcher, die ihren Produktions-Höhepunkt überschritten haben, wurden unter der Regierung von Jair Bolsonaro privatisiert und werden weiterhin von Unternehmen wie Eneva, Seacrest und Imetame ausgebeutet, wobei immer riskantere und veraltete Technologien zum Einsatz kommen, in Espírito Santo, Bahia, Sergipe, Rio Grande do Norte und Amazonas. Leckagen sind konstant. Diese alten, für die nationale Produktion unbedeutenden Bohrlöcher sollten - statt weiterer Ausbeutung - von Petrobras geschlossen werden, um die Anrainer-Familien und Gemeinden für die jahrzehntelange Verseuchung und Landenteignung angemessen zu entschädigen.
Es gibt beispielsweise keine Entschädigung für die über 1.100 Familien in Topolândia an der Nordküste São Paulos, deren Häuser, Boden, Luft und Wasser durch Petrobras-Öl und -Gas verseucht wurden, wo seit 2008 viele Fälle von Krebs dokumentiert sind.
Das Programm des Menschenrechtsministeriums zum Schutz von Umwelt- und Menschenrechtsverteidiger:innen schützt weder die Anführer noch die Frauen oder die Gemeinden vor der Gewalt der Unternehmen und des Staatsapparates. Ölkonzerne engagieren Sicherheitsfirmen, um Kritiker:innen einzuschüchtern. Öffentliches Anprangern von Umwelt- und Menschenrechtsverbrechen der Erdölindustrie wird durch die Komplizenschaft von Exekutive, Legislative und Judikative zum Schweigen gebracht oder durch Greenwashing der Unternehmen unsichtbar gemacht. Bei öffentlichen Anhörungen werden die Rechte der traditionellen Gemeinschaften auf eine vorherige, freie, informierte und entscheidungsbefugte Konsultation gemäß der ILO-Konvention 169 nicht respektiert. In den Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP-RIMAs) werden keine Konditionen für die Ölförderung, Entschädigungen oder gar Reparationen festgelegt.
In ihrem geopolitischen Bündnis mit der internationalen Ölindustrie schließt die Regierung Lula Alckmin Brasilien an die Kooperation Erdöl- und nicht-Erdölfördernder Staaten (OPEC+) an und hält die Öl- und Gasexporte nach Israel während des Völkermords in Gaza aufrecht. Sie arbeitet außerdem mit dem argentinischen Präsidenten Javier Milei zusammen, um eine Gaspipeline zur weiteren Ausbeutung von Fracking im Vaca Muerta (eine der weltgrößten Lagerstätten fossiler Kohlenwasserstoffe im Neuquén-Becken in den Provinzen Neuquén, Río Negro, La Pampa und Mendoza) und Gas aus dem bolivianischen Amazonasgebiet zu bauen, wo Petrobras indigene Mobilisierungen unterdrückt. Mit Blick auf das Äquatorialbecken sagte der Geschäftsführer von Shell Brasilien 2023, dass "der letzte Tropfen Öl von Shell aus Brasilien kommen wird".
Regierung und Unternehmen argumentieren, dass sie im Namen der Sicherheit oder der Energiewende immer mehr Öl fördern müssten. Gleichzeitig propagieren sie als "Lösungen" gegen den Klimawandel die Kohlenstoffmärkte (den Handel mit CO2-Verschmutzungszertifikaten) und investieren massiv in "grüne" Propaganda unter den Etiketten "kohlenstoffneutral", "kohlenstofffrei", "naturbasierte Lösungen", ESG [die Berücksichtigung von Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Regierungsführung)], "Green Economy" (grünes Wirtschaften) sowie kohlenstoffarme Wirtschaft. Bei der Berechnung ihrer Kohlenstoffneutralität oder des Kohlenstoff-Fußabdrucks schwimmender Öl-Plattformen (150.000 Barrel/Tag) oder eines Hafens (300.000 Barrel/Tag) berücksichtigen die Ölgesellschaften nicht die Anzahl der tatsächlich geförderten, transportierten und gelagerten Barrel - das heißt, sie übernehmen keine Verantwortung für die Emissionen, die sie in Verkehr und die Atmosphäre bringen.
Die Anti-Erdöl-Kampagne fordert abschließend: Die Finanzierung der Energiewende darf nicht durch die Industrie für fossile Brennstoffe und die Förderung von mehr Erdöl erfolgen. Die Expansion muss gestoppt und die bereits produzierte Energie gerecht verteilt werden, mit Vorrang für die Familien und die Bevölkerung.

