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02.11.2008 Venezuela / Medien

Die Technologie der Befreiung

Erster venezolanischer Satellit gestartet. Venezuela will sich bis 2050 zu einer Wissensgesellschaft nach westlichem Vorbild mausern - allerdings unter sozialistischem Vorzeichen.

Seit einer Woche bestimmte ein Bild die venezolanischen Nachrichten: Eine Trägerrakete steht an der Rampe, im Vordergrund flimmern chinesische Schriftzeichen. Auf der Raketenbasis in Xichang im Südwesten Chinas wartete der erste venezolanische Satellit mit dem technischen Titel Venesat-1auf den Start. Ihren bekannteren Namen erhielt die Kapsel nach Simón Bolívar, dem Helden aus dem Befreiungskampf gegen die spanische Kolonialmacht, der 1826 den Norden Südamerikas zu einem Land vereinigte. Dort, wo der Befreier vor bald 200 Jahren seinen größten Erfolg feierte, soll nun für die nächsten 15 Jahre ein 5.000 kg schwerer Brocken Technik Lateinamerika begleiten.

Ein venezolanischer Radiosender versuchte die Technik seinen Hörern mit folgendem Beispiel greifbar zu machen: "Stellen Sie sich einen Turm von 36.500 Kilometer Höhe in Ecuador vor, einige Kilometer von Quito entfernt, und an der Spitze dieses Turms befindet sich der venezolanische Satellit". Für Venezuelas Präsidenten, Hugo Chávez, scheint der Name des Satelliten nicht nur eine symbolische Bedeutung zu haben: "Venezuela ist dabei sich zu befreien. Wir sind auf dem Weg zu einer breiten Unabhängigkeit." verkündete er im lateinamerikanischen Nachrichtensender Telesur. Der Nachrichtenkanal wird nicht nur einer der wesentlichen Nutznießer des Satelliten-Projektes sein. Telesur ist bereits ein Beispiel dafür, dass die Venezolaner in der Lage sind, technische Großprojekte in einem kurzen Zeitraum umzusetzen. In nur zwei Jahren hatte Venezuela verschiedene lateinamerikanische Länder überzeugt, dass der Kontinent einen von den USA unabhängigen Nachrichtenkanal benötigt und das Projekt realisiert. Erster Sendetermin war der 24. Juli 2005 - der 222. Geburtstag von Simón Bolívar. Ähnlich schnell ging Venezuela mit den Satelliten-Plänen zur Sache: Erst vor drei Jahren wurde mit China ein Vertrag unterzeichnet, der den Bau des Gerätes unter Beteiligung venezolanischer Techniker und den Aufbau von zwei Kontrollstationen im eigenen Land umfasste. Zum Start saß Hugo Chávez schließlich mit seinem bolivianischen Amtskollegen Evo Morales im Kontrollzentrum im venezolanischen Ort Luepa und verfolgte live den erfolgreichen Flug der Trägerrakete - übertragen von Telesur.

Information des Südens

Telesur ist auch technisch eng mit dem Satellitenprojekt verbunden. Zwar beteiligen sich an dem Nachrichtensender inzwischen viele lateinamerikanische Länder von Argentinien bis Kuba, der Kanal ist aber noch nicht auf dem ganzen Kontinent zu empfangen. Das liegt unter anderem daran, dass Regierungen der konservativ regierten Länder wie Peru, Kolumbien und Mexiko die terrestrische Ausstrahlung in ihren Ländern verhindern und die Einspeisung in die Kabelnetze blockieren. In Kolumbien wurden Journalisten von Telesur sogar mehrfach bedroht und verhaftet. Die rechte Regierung des Landes, die im eigenen Land keinerlei oppositionelle Berichterstattung duldet, behauptet seit Jahren, dass die linken Regierungen des Kontinents - und mit ihnen Telesur - die Aufständischen im Land unterstützen würden. Die Alternative zur terrestrischen Ausstrahlung oder der Verbreitung über Kabel ist die Satellitentechnik. Bisher befand sich diese allerdings ausschließlich in privater Hand. Der wichtigste private Satellitenbetreiber ist das Unternehmen direkt-tv. In dessen Aufsichtsrat sitzen mit der Cisneros-Gruppe und der Murdoch-Gruppe die radikalsten Gegner der neuen linken Regierungen in Lateinamerika. Weil das Projekt Telesur genau darauf ausgerichtet ist, die Informationsmacht der Betreiber von CNN, Fox-News und Univisiòn zu brechen, stand eine Kooperation gar nicht erst zur Debatte. Zu einem eigenen Satelliten gab es keine Alternative, wenn Telesur ein wirklich kontinentaler Nachrichtensender werden will. Der Satellit schafft breitere Übertragungsbänder für Radio- und Fernsehprogramme und erreicht ganz Südamerika, die gesamte Karibik und den größten Teil Mittelamerikas.

Dezentralisierung braucht Kommunikation

Neben dieser eher politischen Funktion soll der Satellit Venezuela aber vor allem einen technischen und wissenschaftlichen Sprung ermöglichen und insbesondere die Dezentralisierung der Ausbildung befördern. Der Direktor des Veneset-1-Programmes, Luis Holder, verwies in diesem Zusammenhang auf Anwendungen für neue Fernlern-Programme und Fortschritte in der Telemedizin. Am Tag vor dem Start stellte die Universidad Nacional Experimental Simón Rodríguez (UNESR) ein Programm vor, mit dessen Hilfe die Hochschulausbildung in alle Haushalte gebracht werden kann. "*Cyber Robinson* ist eine technische Plattform des XXI. Jahrhunderts, die es uns erlaubt, dass jeder Venezolaner an der Universität teilnimmt." sagte der Koordinator Manuel Mariña. Venezuela hat seine Hochschulausbildung in den letzten Jahren sehr stark ausgebaut. Die Vorgabe von Hugo Chávez lautet, dass Venezuela bis ins Jahr 2050 eine Wissensgesellschaft nach westlichem Vorbild sein muss, denn dann ist der Energie-Gipfel erreicht und das Land kann sich nicht mehr auf die Export-Einnahmen verlassen. Dieses Ziel macht sich auch volkswirtschaftlich bemerkbar: Venezuela investierte in diesem Jahr 23,7 Prozent seines BIP in den Bildungssektor.

Nachdem sich die Rektoren der traditionellen Hochschulen geweigert hatten, die Zugangsbedingungen für die Universitäten zu vereinfachen und auf ihre Hochschul-Autonomie verwiesen, gründete die Regierung im Jahr 2003 kurzerhand ein eigenes Universitätssystem namens Universidad Bolivariana de Venezuela (UBV), das sich mit den deutschen Fachhochschulen vergleichen lässt - mit dem Unterschied, dass die UBV einen politischen Anspruch verfolgt, aber keinen parteipolitischen, wie die Studierenden gerne betonen. Kernpunkt der venezolanischen Bildungsinitiativen ist Freires Pädagogik der Befreiung. Das Ziel ist es, insbesondere den Menschen aus den bisher ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen Zutritt zu den Universitäten zu verschaffen. Auch dabei erwiesen sich die Venezolaner als schnell und effektiv. Inzwischen studieren etwa 300.000 Studenten in 11 Fachrichtungen - darunter Informatik und Medizin. Ein Problem der UBV besteht allerdings darin, dass ihre Studierenden auch aus schwer zugänglichen Regionen kommen. Wo die Sudierenden nicht zur Universität kommen können, kommt die Universität zu ihnen. Die UBV ist als dezentrales Hochschulsystem konzipiert, in dem die Dozenten auch in abgelegene Regionen gehen und vor Ort Kurse geben. Damit soll auch gewährleistet werden, dass die Studierenden ihr erworbenes Wissen in die Gemeinden einbringen, aus denen sie kommen und ein Braindrain vermieden wird. In diesem Zusammenhang haben alle Studiengänge der UBV einen Projekttag, an dem Informatikstudenten beispielsweise einmal in der Woche in den Infocentros kostenlose Computer-Kurse für die Bevölkerung anbieten und die Technik betreuen. Hier soll in Zukunft mit dem Programm Cyber Robinson Satellitentechnik eingesetzt werden, um Uni-Kurse als e-learning-Projekte durchführen zu können.

Freie Software, Ausbildung und Internet für Alle

Die technische Umsetzung der mit dem Satelliten verbundenen Dienstleistungen sollen nach Vorstellung der Regierung kommunale Unternehmen übernehmen. Dafür wurde in den letzten Jahren bereits einige Vorarbeit geleistet. Seit 2001 läuft ein Programm, um auch entlegene Regionen mit kostenlosen Internet-Anschlüssen zu versorgen. Die Fundación Infocentros spricht von einer "technologischen Alfabetisierung" des Landes. Die Infocentros sind öffentliche Räume, die mit Computern und einer Satelliten-Verbindung ausgestattet sind. Einige Orte werden von Info-Mobilen versorgt, die einmal in der Woche vorbeikommen und auf dem Marktplatz stehen. Außerdem bieten andere Institutionen wie die gerade erst wieder verstaatlichte Telefongesellschaft Cantv freie Computer- und Internetzugänge an. Insgesamt existieren an etwa 3.200 Orten Zugangspunkte, in denen die Nachbarn freien und kostenlosen Internet-Zugang und Computer-Kurse nutzen können. Da eine Anbindung an die Kabelnetze aber in den meisten Orten fehlt, mussten Satellitenverbindungen privater Unternehmen genutzt werden. Dass der Telefonanbieter Cantv auch der technische Betreiber des Satelliten Símon Bolívar ist, bietet daher die Möglichkeit, die öffentlichen Internetverbindungen weiter auszubauen und gleichzeitig die Kosten zu senken - ohne private Unternehmen zu alimentieren.

Seit 2006 verfolgt die Fundación Infocentro das Ziel, kommunale Unternehmen bei der Technologieentwicklung zu unterstützen. Deshalb werden inzwischen hauptsächlich Kurse für Netzwerktechnik und Programmierung angeboten. Langfristig soll in Kooperation mit den lokalen Selbstverwaltungen, den Consejos Comunales, ein kommunitäres Dienstleistungssystem entstehen - als ein Modell sozialistischer Produktion. Die Fundación Infocentro bietet dafür die Ausbildungskapazitäten, Beratung und Betreuung. Eudardo Saman, ehemaliger Generaldirektor des SAPI, erklärte das alternative Bildungs- und Technologiekonzept: "Wenn wir von unten anfangen, wenn wir die Nutzung von Freier Software vermassen, werden die Programmierer entstehen. Unser Weg ist, Unternehmen sozialistischer Produktion aufzubauen, oder Kooperativen, die also in einem Modell der endogenen Entwicklung lernen und die der Regierung ihre Dienstleistung zur Verfügung stellen, ohne diese ausbeuterische Beziehung zu übernehmen."

Die Vorgabe, Freie Software zu verwenden, ist inzwischen so wichtig, dass das Ministerium für Technologie bei der Vorstellung des Satelliten extra darauf hinweisen musste, dass das Gerät mit in China entwickeltem proprietärem Code gesteuert wird. Seit 2004 sind öffentliche Einrichtungen in Venezuela gesetzlich angehalten, der Freien Software bzw. der Open-Source-Technologie den Vorrang zu geben. In diesem Fall sei dies aus Sicherheitsgründen aber nicht möglich gewesen. In anderen Institutionen ist der Einsatz Freier Software hingegen die Norm. Auch die Infocentros installieren Linux-basierte Betriebssysteme, für Kurse in Bürosoftware wird Open-Office verwendet und die meisten Server öffentlicher Institutionen sind bereits auf Linux migriert. Bei der Ausbildung von Informatikern an der UBV oder der Academia de Software Libre in Merida setzt Venezuela ebenfalls auf eine anti-monopolistische Technologie-Politik. Die Verwendung von nicht autorisierten Kopien (wie es anstelle von Raubkopien) heißt, wird praktisch nicht verfolgt. Dies hat unter anderem zur Folge, dass der US-Softwaremonopolist Microsoft in diesem Monat sein erstes Büro zur Bekämpfung von "Produktpiraterie" in Lateinamerika eröffnete. Besonders oft werde der "Schutz geistigen Eigentums" nach Ansicht des Unternehmens mit einer Rate von 87 Prozent in Venezuela missachtet.

Wenn diese Zahl ernst genommen wird, ist Venezuela noch weit von der angestrebten technologischen Unabhängigkeit entfernt - Vorraussetzung dafür wären eigene Entwicklungen und Produkte. Aber die Strukturen dafür sind mit der UBV, den kommunalen Strukturen, mit einem staatlichen Telekommunikationsunternehmen und einem eigenen Satelliten vorhanden. Und mit dem Satelliten Símon Bolívar bieten sich Perspektiven für technische Eigenentwicklungen, die weit über kabelgebundene Internet-Anwendungen hinausgehen. Als weitere Einsatzgebiete sind bisher die Satellitenbeobachtung des Territoriums für landwirtschaftliche Planung und Grenzschutz, die Kontrolle klimatischer Veränderungen, der Schutz der Biodiversifität und eine verbesserte Stadtplanung angedacht. Aber auch für allgemeine Sicherheitsüberlegungen im Bereich der digitalen Kommunikation wird ein eigener Satellit sicher nicht schaden. Hugo Chávez jedenfalls hat bereits weiter gehende Pläne: Bis 2013 soll der zweite Satellit in China gestartet sein, und der dritte soll schließlich in Venezuela selber abheben, erklärte er am letzten Sonntag in der Fernsehsendung Álo Presidente. Namen für die Nachfolgemodelle sind noch nicht im Gespräch.

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