Großfarmer greift Landlose mit Agrarchemikalien an

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Brasília. Landlose Kleinbauern sollen im brasilianischen Bundesstaat Espírito Santo von einem Großfarmer gezielt mit Agrarchemikalien besprüht worden sein. Wie die brasilianische Nachrichtenagentur NP am Dienstag berichtete, sollen dabei 18 Menschen durch Chemikalien vergiftet worden sein. Zudem soll eine Frau in Folge der Vergiftung eine Fehlgeburt erlitten haben. Der Vorfall wurde erst jetzt bekannt und ereignete sich laut Aussagen von Augenzeugen am 3. Juli auf der von der Regierung 2009 im Zuge der Agrarreform enteigneten Landfläche José Marcos de Araújo im Bundesstaat Espírito Santo.

Laut Aussage des Sprechers der Landlosenbewegung MST im Bundesstaat Espírito Santo, Marco Antônio Carolino, setzte der Großgrundbesitzer die Pestizide direkt und gezielt als Waffe gegen die Kleinbauern ein. Mittlerweile wurde Anzeige gegen den Großfarmer erstattet. Die Polizei ermittelt nun wegen des Vorwurfs des versuchten Mordes. Laut den medizinischen Gutachten seien die Erkrankungen der Betroffenen zweifelsfrei auf die eingesetzten Agrarchemikalien zurückzuführen, so Carolino. "Das Schlimmste ist, dass eine unserer Kolleginnen, die zwischen dem vierten und im fünften Monat schwanger war, das Kind verloren hat", beklagte Marco Antônio Carolino gegenüber der Radioagência NP.

Das Gelände befindet sich auf einer 1.300 Hektar großen Farm, die von der nationalen Agrarreformbehörde Incra im Jahre 2009 wegen Unproduktivität zum Zwecke der Verteilung an landlose Kleinbauern enteignet wurde. Der Besitzer wehrt sich seither juristisch gegen die von der Verfassung vorgesehene produktive Nutzung des Landes. Seither leben dort mehrere Familien auf einem 14 Hektar großen Gebiet und warten auf die Erteilung der Landtitel.

Brasilien ist seit 2008 der weltgrößte Verbraucher von Agrargiften. 2010 wurden in Brasilien 19 Prozent der weltweiten Pflanzenschutzmittel umgesetzt. Im Jahre 2009 wurden in Brasilien erstmals eine Milliarde Liter an Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft versprüht. Umwelt- und Verbraucherschützer warnen seit Jahren vor dem ungebremsten Anstieg bei Pflanzenschutzmitteln vor allem im Agrobusiness. Vor einem Jahr hatte eine Studie der Bundesuniversität von Mato Grosso alarmierende Werte von Agrargiften in der Milch stillender Mütter nachgewiesen. Demnach wurden bei allen 62 untersuchten Frauen in der Gemeinde Lucas do Rio Verde im zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso Rückstände von Pflanzenschutzmitteln gefunden. Teilweise fanden sich Rückstände von bis zu sechs verschiedenen Agrarchemikalien, darunter auch das Agrargift DDE (Dichlordiphenyldichlorethen). Dabei handelt es sich um ein Abbauprodukt des in Brasilien seit Jahren verbotenen DDT.

Erst im Mai dieses Jahres hatte eine Studie der brasilianischen Gesundheitsorganisation Associação Brasileira de Saúde Coletiva (Abrasco) nachgewiesen, dass ein Drittel der in Brasilien konsumierten Nahrungsmittel mit Rückständen von Pflanzenschutzmittel belastet sind. Die Untersuchung stützte sich dabei auf Daten der staatlichen Gesundheitsbehörde Anvisa sowie Erhebungen der Universidade Federal do Paraná (UFPR).

Die Landkonflikte in Brasilien haben sich jüngsten Zahlen der brasilianischen Landpastorale Comissão Pastoral da Terra (CPT) in den wenigen Monaten des Jahres 2012 verschärft. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres wurden 14 Personen im Zusammenhang mit Landkonflikten ermordet, viele andere erhielten Morddrohungen, so die CPT.

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