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Rios Polizei besetzt "Complexo do Alemão"

Drogenbosse entkommen offenbar durch Kanalisation. Waffenhandel, Milizen und korrupte Politik bleiben unberührt

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Massiver Einsatz: Bewaffnete Einheiten während der jüngsten Aktion
Massiver Einsatz: Bewaffnete Einheiten während jüngster Aktion gegen Drogenhandel

Rio de Janeiro. In der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro haben Polizei und Militär am Wochenende die berüchtigte Favela "Complexo do Alemão" besetzt. Polizei- und Regierungsvertreter sprachen von einer "historischen Chance", den dortigen Drogenhandel und die Kriminalität zu unterbinden. Der "Complexo do Alemão" ist eine der größten Armenregionen Rio de Janeiros und setzt sich aus fünfzehn Favelas zusammen.

Nachdem die Polizeikräfte am vergangenen Donnerstag mit Unterstützung durch sieben Einsatzpanzer "M113" der brasilianischen Marine die auf einem Höhenzug gelegene Favela "Vila Cruzeiro" im Norden der Stadt gestürmt hatten, waren Hunderte bewaffneter Männer über eine Berganhöhe in die benachbarte Favela "Complexo do Alemão" geflüchtet. Seit Freitag war diese Siedlung von Polizei und Militär eingekesselt worden.

Die Operation am Sonntag, an der 2.700 Polizisten und Militärangehörige teilgenommen haben, verlief laut ersten Medienberichten deutlich unblutiger als noch im Jahre 2007, als die Favela "Complexo do Alemão" schon einmal gestürmt worden war. Damals wurden 23 Personen von der Polizei erschossen, einige von ihnen laut gerichtsmedizinischer Untersuchung hinterrücks. Ersten Berichten zufolge wurden am Sonntag drei Personen getötet und 20 verhaftet. Die Tageszeitung O Globo berichtet am Montag, dass ein Teil der mutmaßlichen Drogenbosse durch die Kanalisation entkommen ist.

Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva bewertete die Operation hingegen als Erfolg. "Sie hat erst begonnen", so der Präsident in seinem wöchentlichen Radioprogramm "Café com o presidente". Man habe den ersten Schritt getan, sagte Da Silva.

Der Parlamentsabgeordnete Marcelo Freixo bemängelte indes, dass der Staat sich nun auf eine medial sichtbare Bekämpfung des lokalen Drogenhandels beschränke. Ziel sei es offenbar, gewisse Stadtteile Rios für die anstehende Fußball-WM und die Olympischen Spiele zu säubern. Der internationale Waffenhandel, der die Drogenbanden mit Waffen versorgt, und die korrupte Politik würden jedoch außer Acht gelassen. Die Milizen – Mafia- und paramilitärische Banden, die ganze Territorien in Rio de Janeiro unter ihre Kontrolle gebracht haben – im vergleich fast ignoriert. Der Parlamentsabgeordnete der linken Partei PSOL, Chico Alencar, sprach von der "Gewalt in Rio als Folge chronischer Unterlassungen staatlicher Macht".

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