Brasiliens Nordosten streitet um Wasserprojekt

Plastikzisternen sollen lokale Handwerks- und Bildungsarbeit von Basisgruppen ersetzen. Kritik an Vetternwirtschaft und Korruption

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Gemauerte Zisterne im Nordosten Brasiliens
Soll nun durch Plastik ersetzt werden: Gemauerte Zisterne des Wasserprogramms der brasilianischen Regierung

Brasília. Der brasilianische Integrationsminister gerät wegen einem neuen Programm für den Bau von einer Million Regenwasserzisternen im Nordosten des Landes immer schärfer in die Kritik. Die Zeitung Correio Braziliense hatte Fernando Bezerra vorgeworfen, den Großteil der Bundesmittel für das Zisternenprogramm für seinen Heimatwahlkreis Petrolina zu verwenden. Demnach sollten dort mehr als ein Drittel von den aktuell geplanten 60.000 Zisternen errichtet werden. Zudem wird ihm vorgeworfen, im vergangenen Jahr 95 Prozent seiner Haushaltsmittel allein für seinen Heimatbundesstaat Pernambuco ausgegeben zu haben. Bezerra ist Mitglied der mitregierenden Brasilianischen Sozialistischen Partei (PSB).

Informationen der Zeitung Jornal do Brasil zufolge freue sich Bezerra über die Vorwürfe gegen ihn. Er erhofft sich demnach davon Werbung für die anstehenden Wahlen in seinem Heimatwahlkreis. Anfang der Woche bekräftigte die Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff ihre anhaltende Unterstützung für Bezerra, der in seiner Karriere bereits für vier verschiedene, auch als rechtskonservativ bekannte Parteien politische Ämter ausübte. Sollte Bezerra allerdings zurücktreten, wäre er der achte Minister der laufenden Legislaturperiode, der das Kabinett verließe. Allein sechs davon verließen die Regierung wegen Korruptionsvorwürfen.

Das von der brasilianischen Bundesregierung neu lancierte Zisternenprogramm steht auch in scharfer Kritik zivilgesellschaftlicher Basisgruppen des brasilianischen Nordostens. Denn diese über 1.000 Gruppen, die im Netzwerk "Artikulation des Semi-Árido" (ASA) zusammengeschlossenen sind, haben mit den bisherigen Bundesmitteln im trockenen Nordosten in den vergangenen Jahren knapp 400.000 Zisternen gebaut. Sie versorgten somit zwei Millionen Menschen mit Trinkwasser. Dabei griffen sie ausschließlich auf lokale Handwerker zurück, die die Maurerarbeiten der Zisternen ausführten. Die Anwohner arbeiteten in Eigenleistung mit und die Basisgruppen führten begleitend soziale Bildungsarbeit durch. Ende vergangenen Jahres hatte die Regierung Rousseff jedoch entschieden, dass zur Erreichung des Millionenziels die Zisternen aus Plastik der effektivere Weg seien, die zentral verteilt werden.

Für Roberto Malvezzi von der Landpastorale CPT ist diese Regierungsentscheidung ein "Desaster". Die Regierung ersetze "nicht nur eine Technologie durch eine andere". Sie schaffe damit auch den gesamten Bildungs- und Erziehungsprozess ab, der das Programm umgeben habe, sagte Malvezzi gegenüber der Agentur Ecoagência. Im Dezember hatten über 10.000 Menschen in Petrolina gegen die Plastikzisternen und für das alte Zisternenprojekt demonstriert. Malvezzi wandte sich in einem ironischem Essay gegen das ungewollte "Weihnachtsgeschenk der Präsidentin Dilma": "Das Volk der halb-trockenen Region wird niemals vergessen, dass es an Weihnachten 2011 von der Präsidentin Dilma als Geschenk eine Plastikzisterne bekommen hat."

Der brasilianische Nordosten ist eine halb-trockene (semi-aride) Region, in der vier Monate Regenzeit auf acht Monate Trockenheit folgen. Für die Kritiker offenbart Brasiliens Präsidentin mit der Politik der Plastikzisterne einmal mehr ihr Unverständnis für die Region. Während die kleinbäuerliche Landwirtschaft im Nordosten mit der Dürre lebt und lokal angepasste Maßnahmen im Rahmen ihres Convivência-Konzeptes des 'Zusammenlebens mit der halbtrockenen Region' bevorzugt, setzt Rousseff auf zentral gesteuerte Großprojekte wie die umstrittene Umleitung des Rio São Francisco. Für manche deutet Rousseffs Schwenk aber auch auf den ihr nachgesagten Argwohn gegenüber der Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen hin. So soll die Organisation und Verteilung der Zisternen nun nicht mehr über die lokalen Basisgruppen, sondern ausschließlich über die Behörden der Munizipien und Bundesstaaten erfolgen. Angesichts der Korruptionsfälle in der staatlichen Verwaltung sehen die Basisgruppen in dem Schwenk zusätzlich die Gefahr einer Ausweitung von Vettern- und Günstlingswirtschaft.

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