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Arme Haitianer als Requisit?

Debatte um Modefotos in Haiti wirft Schlaglicht auf Missbrauch humanitärer Hilfe durch Akteure in Industriestaaten

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New York/ Jacmel, Haiti. Eine in Haiti entstandene Bildserie der Frühjahrs- und Sommerkollektion der US-amerikanischen Modemarke Donna Karan New York (DKNY) sorgt für anhaltende Kritik. Auf einem der Bilder des renommierten Fotografen Russel James ist das brasilianische Model Adriana Lima mit einem Kleidungsstück der aktuellen DKNY-Kollektion zu sehen. Für Aufregung sorgt aber der Hintergrund des Bildes, in dem James zwei haitianische Jugendliche positioniert hat. Die Kombination zwischen dem Topmodel und den ärmlich gekleideten Jugendlichen brachte dem Label nun  den Vorwurf einer "rassistischen" und "imperialistischen" Attitüde ein.

Unternehmenschefin Donna Karan verteidigte das Motiv mit ihrer "persönlichen Passion" für die verarmte Karibiknation. Seit einem verheerenden Erdbeben in Haiti 2002 sei die Modeschöpferin der Hilfe für Haiti "tief verpflichtet", heißt es auf der Homepage des Unternehmens. Zudem verweist DKNA darauf, dass sich die Unternehmensgründerin für haitianisches Kunsthandwerk einsetze. Nach einem halben Dutzend Aufenthalten in Haiti sei Karan von dem Land fasziniert. Mit ihrer neuen Kollektion sei es ihr gelungen, "den pulsierenden Geist Haitis in die sexy Kultiviertheit New Yorks einfließen zu lassen".

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Auf wenig Verständnis traf das US-Unternehmen, dessen Kleider der aktuellen Kollektion schon mal 1.500 Euro kosten, in der Internetcommunity. Während das Model grimmig dreinschaue, machten die schwarzen Jugendlichen im Hintergrund einen ängstlichen Eindruck, heißt es in einem Kommentar auf der Modeseite fashiongonerogue: "Mir vermittelt das Bild keinen allzu harmonischen Eindruck zwischen dem weißen Mädchen und den Schwarzen." Ein User im Forum der US-amerikanischen Tageszeitung Huffington Post beklagt eine "rassistische Attitüde", weil "Unterdrückte als Beiwerk für High-Fashion-Fotos" dienten.

Hinter der Debatte, die noch den Start der kostspieligen Modekollektion im März begleiten dürfte, steht eine tiefgreifendere Debatte über vermeintlich humanitäre Hilfe in Haiti und anderen bedürftigen Staaten. In Expertenkreisen wird dabei zunehmend beklagt, dass "Hilfsaktionen" als Werbestrategien missbraucht werden. So seien nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti hunderte private Organisationen und Stiftungen in die verwüstete Karibiknation geströmt, um sich zu profilieren. Oft richte dieser mitunter fragwürdige Aktionismus mehr Schaden an als er nutze. Schon bei der Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean 2004 habe man beobachten können, "wie Werbeagenturen und Fundraiser verschiedene Initiativen zu einer Übernahme dieser Thematik gedrängt haben, um ihre Spendeneinnahmen zu steigern", hieß es in einem kritischen Kommentar auf der Seite betterplace.org nach dem Haiti-Beben 2010. Dies werde sich nun in Haiti wiederholen, prophezeite der Autor, der hinzufügte: "Die meisten dieser Initiativen sind jedoch auf dieses Engagement nicht vorbereitet und riskieren hinsichtlich ihrer Kompetenz einen Ansehensverlust." Im Fall des New Yorker Modelabels scheint genau das eingetreten zu sein.

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