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04.08.2012 Kuba / Politik / Wirtschaft

Mehr Kubaner arbeiten als Selbständige

Mehr Autonomie für Betriebe und Arbeit "auf eigene Rechnung". Viele neue Freiberufler haben ihre Tätigkeiten lediglich legalisiert
Pizzaverkauf in Havanna

Pizzaverkauf in Havanna

Quelle: radiorebelde.cu

Havanna. Im Zuge der wirtschaftspolitischen Reformen in Kuba erhalten staatliche Betriebe mehr Autonomie. Die von Präsident Raúl Castro initiierten Pläne zielen zudem darauf ab, privatwirtschaftliches Engagement zu fördern.

Die Pläne aus dem Jahr 2010, eine halbe Million öffentliche Arbeitsplätze zu beseitigen, wurden ausgebremst, da die noch schwache kubanische Privatwirtschaft eine derartige Umschichtung offenbar nicht auffangen kann. Nach offiziellen Angaben wurden im Jahr 2011 gut 140.000 staatliche Arbeitsplätze gestrichen, während im laufenden Jahr weitere 170.000 verschwinden werden. Die Betroffenen wandern jedoch nicht vollständig in den privaten Sektor ab: bis zum Februar dieses Jahres gab es bereits mehr als 370.000 Cuentapropistas ("Auf eigene Rechnung Arbeitende"), von denen rund 70 Prozent zuvor keine feste Anstellung besaßen. Dies deutet darauf hin, dass die neuen Kleinunternehmer zum Teil tatsächlich aus dem vormals schon existierenden Schwarzmarkt kommen.

Eine der sichtbarsten Folgen der begonnenen Reformen ist, dass die "Arbeit auf eigene Rechnung" ihre reale Existenz in eine legale verwandelt hat und nun beginnt, auch in Räumen sichtbar zu werden, die ehemals dem Staat vorbehalten waren. Ein Beispiel dafür ist die neue Ausgabe der Gelben Seiten von Kuba, die zum ersten Mal seit 50 Jahren ein halbes Tausend privater Inserenten umfasst. Bisher beschränkte sich die Werbung für private Geschäfte auf das Verteilen von Handzetteln, Telefonrundrufe oder Webseiten.

Die kubanischen Behörden versicherten angesichts dieser Lage, dass die Veränderungen in der Wirtschaft strategischer Art seien und es kein Zurück mehr gebe. Jedoch werde es keine politische Reform des Systems geben. Auch eine Anhäufung von Reichtümern solle verhindert werden. Dennoch führen die Veränderungen zu wachsenden sozialen Unterschieden. Während viele Selbständige im Tourismus-Bereich höhere Einkünfte erzielen, verzeichnen andere Berufszweige wie Ärzte, Ingenieure oder Lehrer weiterhin vergleichsweise geringe Gehälter.

Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen haben daher sogar bei traditionellen Verbündeten auf der Linken Unsicherheiten ausgelöst. Nach Ansicht des belgischen Marxisten und Soziologen François Houtart liegt die Gefahr der Wirtschaftsreformen in der Entstehung einer nationalen Bourgeoisie in Kuba. Es sei "eine  Illusion, zu denken, dass diese neue Klasse dazu dienen wird, den Sozialismus zu stärken", so Houtart.

Dem entgegen sagte die geschäftsführende Sekretärin der UNO-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL), Alicia Bárcena, bei einem Besuch auf der Insel, dass sie die von dem karibischen Land ergriffenen Maßnahmen "mit großer Begeisterung" aufnehme, weil sie dazu geeignet seien, "einen bruchlosen Wechsel" vorzunehmen, insbesondere ohne die Errungenschaften des kubanischen Systems wie die allgemeine Versorgung der Bevölkerung mit medizinischer Betreuung und Bildung zu verlieren.

Dieses Urteil bekräftigte gegenüber amerika21.de auch Roberto Rodríguez, Europaexperte des Kubanischen Instituts für Völkerfreundschaft. "In Kuba wird niemand einfach so auf die Straße gesetzt und vom Staat alleine gelassen", sagte der Funktionäre am Donnerstag bei einer Veranstaltung in Berlin.

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