Amerikas

Rechter Hass lodert in Bolivien

Angriffe von Regierungsgegnern auf indigene Sympathisanten der Bewegung zum Sozialismus. Mehrere hundert Bauern bei rassistischen Übergriffen zum Teil schwer verletzt

La Paz. Die Opposition in Bolivien ist in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Das haben Anhänger der Bewegung zum Sozialismus (MAS) des bolivianischen Präsidenten Evo Morales zum wiederholten Mal spüren müssen. Bauern aus den ländlichen Regionen des Departements Chuquisaca waren in die Gebietshauptstadt Sucre gekommen. Dort hatte Evo Morales am Sonnabend im Stadion "La Patria" anlässlich des 199. Gründungstages von Chuquisaca eine Rede halten wollen. Radikale Mitglieder des rechtskonservativen "Einheitskomitees Chuquisaca" verhinderten dies jedoch durch die Blockade der Eingänge. Angesichts der gespannten Lage sagte Morales seinen Besuch kurzfristig ab, um einen kalkulierten Ausbruch der Gewalt zu verhindern.

Für die MAS-Anhänger kam diese Absage allerdings zu spät. Sie wurden mit Stöcken und Tränengas angriffen, als Geiseln genommen und öffentlich entwürdigt. Die Vertreter der Indigenen, die über 80 Prozent der Bevölkerung Boliviens ausmachen, wurden gezwungen, mit entblößten Oberkörpern und auf Knien über den zentralen Platz des 25. Mai zu kriechen, sich bei ihren Peinigern für ihre politische Einstellung zu entschuldigen und mit anzusehen, wie Whipalas (die regenbogenfarbenen Fahnen der Andenvölker) und Ponchos verbrannt wurden. Unter Schlägen, Tritten und Beleidigungen wurden sie mit Alkohol und Benzin überschüttet, es wurde mit Verbrennung gedroht.

Boliviens Außenminister David Choquehuanca verurteilte das Geschehene als ein "für das ganze bolivianische Volk beschämendes Schauspiel". Die Regierung der Bewegung zum Sozialismus (MAS) kündigte eine Klage beim UNO-Rat für Menschenrechte und eine Untersuchung der Vorfälle an. Vor allem die geistigen Urheber der Ausschreitungen sollen zur Rechenschaft gezogen werden. In Verdacht stehen Vertreter der örtlichen Elite, die sich in offener Gegnerschaft zu Boliviens erstem indigenen Präsidenten Evo Morales befinden.

Seit dem Amtsantritt von Morales im Januar 2006 treten Rassismus und Intoleranz der Konservativen immer offener zu Tage. Sie richten sich nicht nur gegen Regierungsvertreter - ein MAS-Kandidat für die bevorstehende Präfektenwahl in Chuquisaca wurde jüngst Ziel von Morddrohungen -, sondern auch gegen MAS-Sympatisanten und vermeintlich parteiische Journalisten. "Ich wurde von Kopf bis Fuß mit Alkohol übergossen. Ich befürchtete das Schlimmste. Gott sei dank konnte ich mich in einen Krankenwagen flüchten, der mich aus der Gegend gebracht hat, wo die indigenen Bauern als Geiseln genommen wurden", beschreibt die Journalistin Marianela Paco die pogromartigen Zustände in Sucre.

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Der Geistliche Rafael García alarmierte besorgt: "Es gibt in Sucre keinen Rechtsstaat mehr, das Einheitskomitee Chuquisaca sät Terror und Angst. Alle Rechte sind verloren, man kann sich an niemanden wenden."

Schon im vergangenen Jahr war Sucre - formell auch die Hauptstadt des Landes und als solche Sitz der Verfassunggebenden Versammlung - immer wieder Schauplatz der Gewalt geworden. MAS-Gegner hatten Jagd auf indigene Abgeordnete gemacht, Häuser angezündet und sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. War das Ziel damals, einen Verfassungstext zur legislativen "Neugründung Boliviens" zu verhindern, soll heute die Zentralregierung direkt in Frage gestellt werden. "Der Fall Sucre zeigt, dass es eine Strategie gibt, um die Autorität der Regierung zu untergraben", erklärte MAS-Kabinettschef Juan Ramón Quintana.

Derweil reiste der Minister für die Beziehungen zwischen sozialen Bewegungen und Zivilgesellschaft, Sachi Llorenti, nach Sucre, um die Lage zu beruhigen. Die "beleidigten und verletzten" Bauern hatten angekündigt, sie wollten die Stadt einkesseln und von der Wasserversorgung abschneiden.


Den vollständigen Originaltext des Artikels in der Tageszeitung Neues Deutschland finden Sie hier.

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