Brasilien

Weiter Kritik aus Brasilien an ThyssenKrupp

Deutscher Stahlkonzern weist Vorwürfe zurück. Entwicklungsausschuss des Bundestags schaltet sich ein

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Weiter Kritik aus Brasilien an ThyssenKrupp
Protest gegen das Stahlwerk am 1. Mai 2009

Rio de Janeiro/Bochum/Berlin. Der Konflikt zwischen dem deutschen Stahlkonzern ThyssenKrupp und brasilianischen Fischern schwelt weiter. Die Fischer der Bucht von Sepetiba im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro protestieren seit geraumer Zeit gegen die Errichtung eines Stahlwerks. Die Fabrikanlage CSA verstößt nach Ansicht der Anwohner und von Menschenrechtsorganisationen gegen Umwelt- Arbeits- und Menschenrechte. Zugleich handelt es sich um die größte Auslandsinvestition des deutschen Konzerns, der nach Presseberichten knapp sechs Milliarden Euro in das Vorhaben investiert hat.

Inzwischen befasst sich auch der Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Deutschen Bundestags mit der Angelegenheit. Im Anschluss an ein Gespräch in der vergangenen Woche sprach sich die Ökonomin Karina Kato vom brasilianischen Institut PACS für eine umfassende Untersuchung aller Vorwürfe aus: "Wenn laut ThyssenKrupp alles in Ordnung ist, dann werden sie ja auch nichts gegen eine unabhängige internationale Untersuchungskommission haben". Diese Kommission müsse unbehinderten Zugang zu allen Informationen bekommen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen sind rund 8000 Familien von dem Bau des Stahlwerks betroffen.

Im Rahmen einer Delegationsreise hatte eine Abordnung der brasilianischen Fischer auf der Aktionärsversammlung der ThyssenKrupp AG am 21. Januar in Bochum ihren Protest vorgetragen. Die Stimmung zwischen den Konfliktparteien ist angespannt: Nach der symbolischen Übergabe eines Fisches aus Stoff verweigerte der Fischer Luis Carlos Oliveira dem Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens, Ekkehard Schulz, den Handschlag. ThyssenKrupp veröffentlichte später eine Stellungnahme, in der die Forderungen der Fischer abgetan wurden. Tourismus gebe es in dem Industriebezirk von Rio de Janeiro ohnehin nicht, heißt es, die Fischer machten "nach eigenen lokalen Erhebungen" weniger als zehn Prozent der Bevölkerung aus. Selbst eine von ThyssenKrupp in Auftrag gegebene Studie hatte zuvor die Bedeutung des Tourismus und der Fischerei anerkannt, sagt die Institutsvertreterin Kato

"Das Baugelände des Stahlwerks liegt nicht in einem Naturschutzgebiet", so die Stellungnahme des Konzerns. Geschützt seien nur die mit Mangroven bewachsenen Ufer. Genau dies sei aber der Fall, sagt der Fischer Luis Carlos Oliveira: "Das Gelände ist Naturschutzgebiet, weil es aus Mangrovenwald besteht." Dies sei Mitte des vergangenen Jahrzehnts von der Regierung als Argument angeführt worden, um eine Besetzung der Landlosenbewegung MST auf dem Gelände für illegal zu erklären, erklärte Oliveira im Gespräch mit amerika21. Die dort lebenden 75 MST-Familien wurden vertrieben. "Doch als ThyssenKrupp sein Stahlwerk errichten wollte, galt das Naturschutzgebiet auf einmal nicht mehr", kritisiert der Fischer.

Oliveira beklagt, dass offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wird: "Wenn wir als Fischer in einem Mangrovenwald einen Ast absägen, um uns daraus eine Angel zu bauen, dann landen wir im Gefängnis. Wenn ThyssenKrupp vier Quadratkilometer Mangrovenwald abholzt, bekommen sie Steuererleichterungen und zinsgünstige Kredite der Regierung.


Bildquelle: Fabio Caffe

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