Marine in Brasilien ordert Kriegsschiffe: Thyssenkrupp an Großauftrag beteiligt

Vier Korvetten sollen in Santa Catarina produziert und ab 2025 ausgeliefert werden. Präsident Bolsonaro rüstet immer weiter auf

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Das deutsche Unternehmen Thyssenkrupp baut in Zukunft in Brasilien Kriegsschiffe mit und für Präsident Jair Bolsonaro
Das deutsche Unternehmen Thyssenkrupp baut in Zukunft in Brasilien Kriegsschiffe mit und für Präsident Jair Bolsonaro

Brasília/Kiel. Ein Konsortium um die Werftentochter von Thyssenkrupp wird in Brasilien vier Kriegsschiffe des Typs Tamandaré produzieren. Die Verträge waren am 5. März zwischen dem zuständigen brasilianischen Staatskonzern Emgepron und dem Konsortium Aguas Azuis in Rio de Janeiro unterzeichnet worden. Dieses wurde für den Auftrag neu gegründet und setzt sich aus Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), der brasilianischen Embraer Defense & Securities sowie der Embraer-Tocher Atech zusammen. Vor einem Jahr hatte die Marine den Unternehmenszusammenschluss als bevorzugten Bieter ausgewählt. 2025 soll das erste Schiff ausgeliefert werden.

Die brasilianische Seite hatte betont, die Produktion werde zu hundert Prozent vor Ort stattfinden. Mehr als 2.000 direkte und 4.000 indirekte Arbeitsplätze sollen entstehen. "Dieses Mal werden wir nicht vom internationalen Kapital abhängen", sagte Edesio Teixera Lima Junior, Vizeadmiral und Vorstand der Emgepron zum Vertragsabschluss. "Der Staat selbst wird über die Kapitalisierung einer seiner Verteidiungsunternehmen, Empregon, die finanzielle Nachhaltigkeit dieser richtigen und notwendigen staatlichen Investition garantieren." Laut brasilianischen Medienberichteten beläuft sich der Produktionswert auf über 9,1 Milliarden Reais (1,7 Milliarden Euro). Der lokale Anteil liegt bei 30 bis 40 Prozent und das, obwohl die Schiffe – so die Bedingung aus Brasilien – nicht in Kiel, sondern im Bundesstaat Santa Catarina und der Stadt Itajaí gebaut werden. Die Kieler Werft TKMS liefert dafür das technische Know-How.

Bedingung für die Zusammenarbeit sei nach Angaben der Marine ein Wissenstransfer und die Ausbildung von Arbeitskräften gewesen. "Es liegt im Interesse der brasilianischen Marine, zukünftig Kampfsysteme entwickeln und komplett beherrschen zu können", sagte der Leiter der strategischen Programmentwicklung bei der Marine, Petronio Augusto Siqueira de Aguiar, im Juni 2019 dem Portal Defesa Aérea & Naval. Für zukünftige Schiffsbauten in Eigenregie seien, so bestätigte Aguiar, jedoch Lizenzgebühren an ThyssenKrupp zu zahlen.

"Das Programm der Tamandaré-Klasse steht für Technologietransfer und die Schaffung hochqualifizierter Arbeitsplätze", kommentierte Rolf Wirtz, CEO der TKMS, den Vertragsabschluss. Für den angeschlagenen deutschen Konzern ThyssenKrupp wird der Auftrag als Erfolg gewertet. Anfang März war die Aktie des Unternehmens auf ein neues Rekordtief gefallen. Zuletzt hatte TKMS bei einem europäisch ausgeschrieben Auftrag der Bundeswehr für das Mehrzweckkampfschiff 180 den Kürzeren gezogen. Den Zuschlag über das 5,3 Milliarden Euro-Projekt hatte am 14. Januar die niederländische Damen-Werft erhalten. Bisher wurden alle Großschiffe der Marine von deutschen Werften gebaut. Die Entscheidung hatte scharfe Kritik in Politik und Wirtschaft hervorgerufen. Oliver Burkhard, Personalvorstand der ThyssenKrupp, wertet die Entscheidung dem NDR gegenüber als "naiv" und einen "Fehler". Die Kieler Wert German Naval Yards (GNYK) leitete unlängst juristische Schritte dagegen  ein.

Einen Monat später, am 14. Februar, erklärte die Bundesregierung den Überwasserschiffbau zur Schlüsseltechnologie. Dieser Beschluss macht es möglich, Auträge wie für das Kampfschiff MKS 180 nur national und nicht auch auf europäischer Ebene auszuschreiben. Zu dem verpassten Milliardendeal rumort es aber weiterhin in den Kieler Werften.

In Brasilien hatte die Gewerkschaft der Beschäftigten im Metallsektor in Pernambuco im Juni 2019 Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe an das Konsortium Águas Azuis angezeigt. Die Gewerkschaft gab Mängel in Bezug auf Eignung, Sittlichkeit, Wirtschaftlichkeit, Effizienz, Transparenz und Unparteilichkeit an. Gegen ThyssenKrupp werde in Deutschland und Israel, gegen Ebraer in der Dominikanischen Republik, Indien und den USA ermittelt. Zudem mache der Verkauf einiger seiner Sparten ThyssenKrupp zu einem unsicheren Geschäftspartner, zudem kritisierte die Gewerkschaft die zukünftig anfallenden Lizenzgebühren.

Der brasilianische Rechnungshof (Tribunal de Contas da União) hatte das Projekt im Dezember schließlich freigegeben. Kurze Zeit später kündigte Präsident Jair Bolsonaro eine Unterstützung von mehr als 4,25 Milliarden Reais (0,8 Milliarden Euro) für die staatlichen Emgepron an. Seit seinem Amtsantritt sind die Ausgaben für Verteidigung um zehn Prozent gestiegen. Bolsonaro, selbst mit Verbindungen zum Militär, hatte acht von 22 Ministerposten mit Ex-Militärs bsetzt.

Nach Zahlen des aktuellen Fünf-Jahres-Berichts des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI ist Brasilien das Land mit der höchsten Importrate von Kriegswaffen in Lateinamerika. Die vier Korvetten sollen die Schiffe des Typs Niterói ersetzen, die mehr als vierzig Jahre alt sind und in Großbritannien gekauft wurden. Die Kriegsschiffe werden im Südatlantik eingesetzt, hier kontrolliert die brasilianische Marine ein Gebiet von 5,7 Millionen Quadratkilometern.

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