Die brasilianische Präsidentschaftsstichwahl am 25. Oktober 2026 steht im Fokus internationaler Umweltdebatten, weil das Ergebnis weitreichende Folgen für den Amazonas und die globale Klimapolitik hat. Der konservative Kandidat Flávio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, verspricht, die umweltpolitischen Kahlschlagmaßnahmen seines Vaters wieder aufzunehmen. Er will die Abholzung des Amazonas Regenwaldes beschleunigen und Brasilien in die US‑Initiative "Schild der Amerikas" einbinden, deren Ziel es ist, Lieferketten für Seltene Erden und andere kritische Mineralien zu sichern, die für die Energiewende und für Verteidigungssysteme benötigt werden (amerika21 berichtete) und die Abhängigkeit von China zu reduzieren.
Laut Flávio Bolsonaro sollen die Zusammenarbeit mit den USA und die Öffnung für ausländische Investitionen im Bergbausektor Priorität haben. Brasilien gilt mit den zweitgrößten Vorkommen an Seltenen Erden nach China weltweit als Schlüsselpartner (amerika21 berichtete). Seit 2022 hat ein Antragsboom auf Bergbaukonzessionen begonnen. Etwa die Hälfte der Anträge stammt von Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen aus Australien, den USA und Kanada. Der Abbau ist mit hohem Wasser‑ und Energieverbrauch sowie dem Einsatz giftiger Chemikalien verbunden, die Böden und Gewässer belasten.
In Brasilien überschneiden sich die Anträge zur Erkundung von Lagerstätten Seltener Erden weitgehend mit ländlichen Siedlungsgebieten von Kleinbäuer:innen, die seit langem von Konflikten um Landraub, Goldabbau, extensive Viehzucht, Sojaanbau und Pestizideinsatz geprägt sind. Bei einem Sieg Flávio Bolsonaros würden extraktive Projekte beschleunigt und mehr ausländisches Kapital für Investitionen angeworben. Auch Präsident und Kandidat Inácio Lula da Silva zielt auf den Abbau ab, allerdings mit dem Ziel, lokale Industrien zur Verarbeitung von Seltenen Erden zu stärken, damit nicht allein ausländische Firmen profitieren.
Die Zukunft des Amazonas steht damit bei der brasilianischen Präsidentschaftsstichwahl auf dem Spiel. Die Wahlen haben bereits zu einer erheblichen Verschiebung der Kräfteverhältnisse im Kongress geführt, wobei Fraktionen gestärkt hervorgingen, die den Bergbau auf indigenen Gebieten sowie Verwässerungen von Gebiets- und Umweltschutz befürworten.
Mehrere in den Amazonas-Bundesstaaten gewählte Abgeordnete sprachen sich für den Bergbau – auch auf indigenen Gebieten – und für eine erneute Schwächung des Umweltschutzes aus: Fernando Máximo, ein gewählter Senator der Liberalen Partei (PL) aus Rondônia, tat wissenschaftliche Erkenntnisse über Quecksilberbelastungen durch illegalen Goldabbau als "Unwahrheiten" ab. Solche Positionen gehen über Bolsonaros Partei hinaus. Senator Plínio Valério von der sozialdemokratischen Mitte-Rechts-Partei, der im Bundesstaaten Amazonas wiedergewählt wurde, forderte die Legalisierung des Bergbaus.
Illegale Berbau- und Entwaldungsdynamik
Unter der Regierung von Jair Bolsonaro (2019 - 2022) erreichten die Entwaldungsraten im Amazonien Rekordwerte. Durch Kürzungen bei den Umweltbehörden wurde die Kontrolle stark geschwächt. Unter der aktuellen linken Regierung von Lula verbesserte sich die Situation. Trotzdem drangen illegaler Goldabbau sowie Abholzung und Brandrodung für Viehzucht weiter vor. Laut einer aktuellen Analyse des gemeinnützigen Amazonasforschungsinstituts Ipam versiebenfachte sich der Goldabbau in indigenen Gebieten zwischen 2016 und 2024 fast. Die rekordhohen Goldpreise lösten in den letzten Jahren einen erneuten Bergbauboom im Amazonasgebiet aus, was zu einer sprunghaften Zunahme der Entwaldung und der Quecksilberbelastung von Flussanrainern und indigenen Gemeinschaften führte.
Das satellitengestützte Monitoring‑Programm für das Anden‑Amazonas‑Gebiet (Maap) meldet für 2024 Rekordbrände, die rund 2,8 Millionen Hektar verwüsteten und die Entwaldungsrate um 34 Prozent steigerten. 2025 kam es zu einer teilweisen Erholung, die abgeholzte Fläche sank auf den niedrigsten Stand der letzten zehn Jahre. Insgesamt wurden seit Beginn des Maap-Programms (2015) etwa 13 Prozent des Amazonas‑Bioms zerstört. Flávio Bolsonaro würde die bisherigen Beschränkungen aufheben.
Regionale Parallelen
Aktuell wird ein Großteil des Amazonas‑Bioms von Regierungen gesteuert, die Rohstoffausbeutung über Naturschutz stellen. In vielen Amazonas-Ländern haben sich in den letzten Jahren rechte Regierungen etabliert, mit Staatschefs, die sich gegen Umweltschutz und für Militarisierung, Bergbau und den Ausbau der Agrarindustrie aussprechen.
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In Bolivien schaffte Präsident Rodrigo Paz 2026 das Umweltministerium ab und lockerte die Kontrolle für Bergbauprojekte. Peru wird seit Juli von Keiko Fujimori geführt, die illegale Bergbauaktivitäten mit militärischer Gewalt bekämpfen möchte und das Umweltabkommen von Escazú ablehnt. Kolumbien wählte den Ultrarechten Abelardo de la Espriella als Präsident, der die Militarisierung des Amazonas betont und das Budget für Umweltinvestitionen um die Hälfte kürzte. In Ecuador wurden das Umwelt‑ und das Energieministerium fusioniert und neue Gesetze zur Erleichterung von Bergbau‑ und Ölprojekten beschlossen. Im Falle von Flávios Wahl würden bis zu 95 Prozent der Amazonasregion von rechtsgerichteten Regierungen kontrolliert, darunter Bolivien, Ecuador, Peru, Kolumbien und Venezuela, südlich davon zudem Chile.
Sollte der Naturschutz keine regionale Priorität mehr sein, würde auch die Zukunft der zwischenstaatlichen Organisationen in Frage gestellt, die sich für nachhaltige Entwicklung und die Rechte indigener Völker einsetzen, wie beispielsweise die Organisation des Amazonas-Kooperationsvertrags (Otca). Andererseits könnten transamazonische Infrastrukturprojekte an Fahrt gewinnen, die wegen schädlicher Auswirkungen auf Umwelt und Indigene stark in der Kritik stehen, fürchtet Márcio Astrini, Geschäftsführer des brasilianischen Klimaobservatoriums (OC), einem Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen, die sich für Klimaschutz einsetzen.
Indigene Rechte und Gewalt gegen Umwelt- und Menschenrechtsaktivist:innen
Wie oben erwähnt, zeigt eine Analyse des Ipam, dass der Goldabbau am schnellsten auf den Gebieten der indigenen Bevölkerung im brasilianischen Amazonasgebiet expandiert. Die Fläche, die in den indigenen Gebieten (TI) im Amazonasgebiet vom Goldabbau eingenommen wird, ist zwischen 2016 und 2024 um 562 Prozent gewachsen, wodurch diese Landkategorie proportional am stärksten vom illegalen Bergbau betroffen ist.
Nach brasilianischem Recht bedarf jede Mineral‑ oder Bergbauaktivität auf indigenen Gebieten sowohl der Konsultation der betroffenen Gemeinschaften als auch der Zustimmung des Kongresses. Das neue Parlament (Congreso), das 2027 vereidigt wird, wird über die zukünftige Ausgestaltung dieser Regelungen entscheiden. Rechtsextreme Fraktionen im Parlament kündigten bereits an, Gesetze zu lockern, die den Bergbau auf indigenen Territorien erlauben. Indigene Organisationen warnen, ein Sieg Flávios schaffe einen Präzedenzfall, bei dem das Land selbst nicht mehr eindeutig den indigenen Völkern, sondern privaten Bergbauunternehmen zugeordnet werde.
Währenddessen erreicht die Gewalt gegen Umwelt- und Menschenrechtsverteidiger:innen in mehreren lateinamerikanischen Ländern erneut Rekordniveaus. So wurden laut dem neuen Bericht von Global Witness aus 2026 von 124 dokumentierten Morden an Umweltaktivist:innen weltweit 39 in Kolumbien begangen, gefolgt von 26 in Brasilien. Die zunehmende Militarisierung Amazoniens unter Bolsonaro begünstigt teilweise zudem illegalen Holzhandel und Drogenhandel, anstatt den Wald zu schützen.
Ausblick
Seit seiner Wahl 2023 hatte Lula da Silva in seiner dritten Amtszeit die Entwaldungsrate zwar auf ein zehnjähriges Tief gesenkt, ein Ministerium für indigene Völker geschaffen und die Behörde für indigene Angelegenheiten neu strukturiert. Dennoch wurden einige seiner Versprechen wie die klare Demarkierung indigener Gebiete sowie Agrarreformen von Brachland zugunsten landloser Familien längst nicht vollständig umgesetzt. Indigene Organisationen unterstützen Lula trotz Kritik, weil sie ihn als die geringere Gefahr im Vergleich zu einer möglichen Bolsonaro‑Regierung sehen.
Der Ausgang der brasilianischen Stichwahl wird entscheidend dafür sein, ob die zaghaften Fortschritte unter Lula im Naturschutz wieder zunichte gemacht werden. Ein Sieg Flávio Bolsonaros würde die Trends zu verstärkter Entwaldung, Ausweitung des Bergbaus, Schwächung von Umweltgesetzen und Militarisierung des Amazonas beschleunigen. Gleichzeitig würde die Integration in die US‑Strategie für seltene Erden wirtschaftliche Anreize für Rohstoffausbeutung erhöhen.
Selbst bei einer Wiederwahl Lulas blieben die Herausforderungen groß: Die begrenzten Handlungsspielräume der Regierung, die anhaltende Präsenz illegaler Akteure und die wachsende politische Macht rechter Fraktionen erschweren einen nachhaltigen Schutz des Amazonas und der Rechte indigener Völker. Ein klares Signal der internationalen Gemeinschaft, die Unterstützung von Umwelt‑ und Menschenrechtsorganisationen sowie die Einbindung aktueller Daten aus Überwachungsprogrammen sind der brasilianischen Zivilgesellschaft zufolge notwendig, um drohenden Rückschritten entgegenzuwirken.

