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14.04.2015 Uruguay / Kultur / Politik

Lateinamerika trauert um Eduardo Galeano

Der Schriftsteller ist am Montag in Montevideo gestorben. Reaktionen aus vielen Ländern. Uruguayer arbeitete auch für TV-Sender Telesur
Eduardo Galeano (1940-2015)

Eduardo Galeano (1940-2015)

Quelle: flickr.com
Lizenz: CC by-sa 2.0

Montevideo. Der uruguayische Journalist, Poet, Schriftsteller und Fußballfan Eduardo Galeano erlag gestern im Alter von 74 Jahren in Montevideo einem Krebsleiden. Mit ihm verliert Lateinamerika einen seiner bedeutendsten Autoren. Unter dem Hashtag #PorSiempreGaleano bekunden Tausende seit dem Bekanntwerden seines Todes ihre Trauer.

Zu seinen zahlreichen bekannten Werken, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, gehört "Die offenen Adern Lateinamerikas: die Geschichte eines Kontinents" (1971). Dieses Buch überreichte der damalige Präsident Venezuelas, Hugo Chávez (1954-2013), beim Amerika-Gipfel 2009 in Trinidad an US-Präsident Barack Obama, damit dieser die Geschichte der Ausplünderung Lateinamerikas durch Europa und die USA seit der Kolonisierung begreife. Das bereits antiquarische Buch stieg daraufhin in einem bis dahin einmaligen Vorgang erneut in die internationalen Bestsellerlisten auf. Weite Verbreitung fand nach Galeanos Tod daher nun auch der Hashtag #lasvenasabiertasdeamericalatina. Galeano distanzierte sich später jedoch von der Ästhetik des Werks, das er, wie er vor einem Jahr in Brasilien anmerkte, "nie wieder lesen werde".

Sein zweites Hauptwerk ist die dreiteilige "Erinnerung an das Feuer" (1982−1986), Galeanos Widerstandsgeschichte Lateinamerikas. Auch die Bücher über Fußball des leidenschaftlichen Fans erreichten eine große Leserschaft. Galeano erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis der Kulturstiftung Casa de las Américas (Havanna) und den American Book Award der Universität Washington. Er war Ehrendoktor unter anderem der Universitäten La Paz, Havanna und Neuquén (Argentinien).

Eduardo Germán María Hughes Galeano begann in den 60er-Jahren als Journalist und Herausgeber der Zeitschrift "Marcha" zu arbeiten. Nach dem Putsch in Uruguay 1973 wurde er verhaftet und musste das Land verlassen. Zunächst lebte er in Argentinien, wo er ein Kulturmagazin namens "Crisis" herausbrachte. Als sich die Militärs um General Rafael Videla 1976 an die Macht putschten und er auf der "schwarzen Liste" der Todesschwadronen stand, floh Galeano weiter nach Spanien. Nach dem Ende der Diktatur kehrte er 1985 nach Uruguay zurück und gründete gemeinsam mit Mario Benedetti, Hugo Alvaro und anderen Kollegen die Wochenzeitung "Brecha", wo er zuletzt noch im Beraterkreis mitarbeitete. In den folgenden Jahren engagierte er sich in der Nationalen Kommission für ein Referendum zur Abschaffung des 1986 verabschiedeten Gesetzes, mit dem die Verbrechen der Diktatur in Uruguay weitgehend straffrei bleiben sollten. Galeano unterstützte das Mitte-links-Bündnis Frente Amplio in den Wahlkämpfen seit 2004.

Galeano arbeitete auch im Beraterkreis des lateinamerikanischen Fernsehsenders Telesur mit und äußerte sich in seinen Beiträgen, die in zahlreichen Medien der Region publiziert wurden, immer wieder zu aktuellen politischen Themen − so auch zur Verschleppung der Studenten im mexikanischen Iguala und zu den israelischen Bombardements im Gazastreifen.

In dieser Woche erschien eine Sammlung von Essays, die weiblichen Persönlichkeiten gewidmet sind: "Mujeres" (Frauen). Ein weiteres Buch mit noch unbekanntem Titel, das in Kürze veröffentlicht werden soll, konnte er vor seinem Tod noch fertigstellen.

Boliviens Präsident Evo Morales am 1. März dieses Jahres zu Besuch bei Galeano in seinem Haus in Montevideo

Quelle: opinion.com.bo

Die kolumbianische Menschenrechtsaktivistin Piedad Córdoba sagte zum Tod Galeanos: "Die Armen der Welt haben einen ihrer großen Verteidiger verloren."


 

Dankesworte Eduardo Galeanos anlässlich der Verleihung des Stig Dagerman-Literaturpreises in Schweden am 12. September 2010: 

Lieber Stig,

Ich hoffe, dass wir deiner verzweifelten Hoffnung würdig sind.

Ich hoffe, dass wir den Mut haben, alleine zu sein, und die Tapferkeit, uns in Gesellschaft zu begeben, weil ein Zahn außerhalb des Mundes so nutzlos ist wie ein Finger ohne seine Hand.

Eduardo Galeano bei der Vorstellung seines Buches "Kinder der Tage" (2012) am 10. September 2013 in Caracas

Quelle: albaciudad.org

Ich hoffe, dass wir jedes Mal ungehorsam sein können, wenn wir Anweisungen wider unser Gewissen und unsere Vernunft erhalten.

Ich hoffe, dass wir uns würdig erweisen, verrückt genannt zu werden, so, wie die Mütter vom Plaza de Mayo verrückt genannt wurden, weil sie die Verrücktheit begingen, das Vergessen in Zeiten der Zwangsamnesie zu verweigern.

Ich hoffe, dass wir allen Beweisen zum Trotz den Glauben daran behalten, dass die menschliche Beschaffenheit an sich Wert hat, weil wir unzureichend gestaltet wurden, aber noch nicht vollkommen sind.

Ich hoffe, dass wir fähig sind, die Wege des Windes weiter zu beschreiten, trotz aller Stürze, des Verrats und der Niederlagen, da die Geschichte – auch ohne uns – fortschreitet und weil sie, wenn sie "Adiós" sagt, tatsächlich "Bis bald" meint.

Ich hoffe, dass wir die Gewissheit bewahren können, dass es möglich ist, Landsmann und Zeitgenosse all jener Dinge zu sein, die von dem Willen der Gerechtigkeit und dem Willen der Schönheit belebt werden, wo auch immer sie geboren sind und wann auch immer sie leben, weil weder die Karten der Seele noch die der Zeit Grenzen kennen.

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Eduardo Galeano (1940-2015)
Boliviens Präsident Evo Morales am 1. März dieses Jahres zu Besuch bei Galeano in seinem Haus in Montevideo
Eduardo Galeano bei der Vorstellung seines Buches "Kinder der Tage" (2012)  am 10. September 2013 in Caracas

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