Opfer und Bewohner der Sektensiedlung Colonia Dignidad treffen sich in Berlin

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Teilnehmer und Referenten des Seminars zur Colonia Dignidad im Haus der Wannsee-Konferenz
Teilnehmer und Referenten des Seminars zur Colonia Dignidad im Haus der Wannsee-Konferenz

Berlin. Just zum Kinostart eines neuen Spielfilms über die deutsche Sektensiedlung Colonia Dignidad im Süden von Chile haben sich ehemalige und derzeitige Bewohner in Berlin zu einem Seminar getroffen, um die Geschichte der Gruppierung aufzuarbeiten. Das Treffen ist Teil einer mehrtägigen Reise, die vom Auswärtigen Amt finanziell und logistisch unterstützt wird. Ziel ist es, die Frage nach der Erinnerung an Verbrechen zu erörtern, die in der Anfang der 1960er Jahre gegründeten Sektensiedlung begangenen worden sind.

Das Treffen im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin folgte auf ein Seminar zum Thema im Dezember 2014 in Santiago de Chile. Das Haus, selbst eine Gedenk- und Forschungsstätte, ist nach Angaben der Organisatoren seit Jahren mit dem Thema der Colonia Dignidad befasst. Bei dem Treffen in Berlin ging es unter anderem um die Frage, wie die Opfer und Bewohner der Siedlung nach dem Ende des Gewaltregimes des verstorbenen Sektenchefs Paul Schäfer der Vergangenheit gedenken können. Zur Debatte hatten die Organisatoren mehrere Historiker eingeladen, unter anderem Günter Morsch, den Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

Dieter Lamlé, Beauftragter für Lateinamerika-Politik des Auswärtigen Amtes, legte in seiner Rede Wert darauf, dass der heute in "Villa Baviera" (Bayerisches Dorf) umbenannten Sektensiedlung ein Neustart gelungen sei. "Auch wenn Colonia Dignidad seit Jahren nicht mehr besteht, ist der Schrecken noch präsent", so Lamlé, nach dessen Meinung "in den letzten Jahren Schritte in die richtige Richtung gemacht worden sind". Die chilenische Justiz habe "große Schritte unternommen, um in rechtsstaatlichen Verfahren Täter zu verurteilen", sagte Lamlé, auch mit Blick auf den ehemaligen Arzt der Sektensiedlung, Hartmut Hopp, der sich 2011 nach Deutschland geflüchtet hatte. Die Frage der Vollstreckung der Haftstrafe von Hopp in Deutschland werde derzeit geprüft, sagte der Diplomat, nach dessen Angaben die deutsche Justiz parallel eigene Ermittlungen durchführt und eng mit der chilenischen Justiz zusammenarbeitet. Mit Blick auf das langwierige Verfahren, fügte Lamlé an, mit Mitteln des Rechtsstaates könne "nicht immer Gerechtigkeit hergestellt werden".

Die zuletzt 30.000 Hektar große Sektensiedlung Colonia Dignidad wurde 1961 von dem im 2010 verstorbenen Deutschen Paul Schäfer gegründet. Der evangelikale Laienprediger und Nazi war in das südamerikanische Land geflohen, nachdem die deutsche Staatsanwaltschaft gegen ihn seit 1956 wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen ermittelte. Wegen entsprechender Vergehen war er gut zehn Jahre zuvor bereits als Jugendbetreuer von der evangelischen Kirche gekündigt worden.

Die Colonia Dignidad diente Schäfer bis zu seiner Festnahme 2005 als Zentrale für sein Sekten- und Wirtschaftsnetzwerk, das auch über politische Kontakte verfügte. Parallel zur Etablierung der zur Außenwelt militärisch abgeschirmten Siedlung nahm Schäfer zu rechtsextremen Gruppierungen in Chile Kontakt auf. Ehemalige deutsche Nazis – einschließlich ranghoher Kriegsverbrecher – gingen in der Colonia Dignidad ein und aus. Die politischen Kontakte führten nach dem Militärputsch gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende dazu, dass die Sektensiedlung vom chilenischen Militärgeheimdienst DINA als Folter- und Vernichtungslager für Widerstandskämpfer genutzt wurde.

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