Italien lässt Colonia-Dignidad-Verbrecher Reinhard Döring frei

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Reinhard Döring soll in Chile wegen seiner Beteiligung am Verschwindenlassen von politischen Gefangenen angeklagt werden
Reinhard Döring soll in Chile wegen seiner Beteiligung am Verschwindenlassen von politischen Gefangenen angeklagt werden

Lucca. Die italienische Justiz hat Reinhard Döring, Ex-Führungsperson der deutschen Folter-Sekte Colonia Dignidad in Chile, überraschend freigelassen. Am 22. September war Döring während seines Italien-Urlaubs in der Toskana festgenommen worden und seitdem in Gewahrsam (amerika21 berichtete).

Seit 2005 wurde Döring mit internationalem Haftbefehl per Interpol für Verbrechen im Zusammenhang mit der Deutschensiedlung Colonia Dignidad ("Kolonie der Würde") gesucht. In Chile wird ihm unter anderem das Verschwindenlassen des chilenisch-italienischen Fotografen Juan Bosco Maino Canales, von Elizabeth de las Mercedes Rekas Urra und von Antonio Elizondo Ormaechea am 26. Mai 1976 vorgeworfen. Im Jahr 2004 entzog er sich der chilenischen Justiz und floh nach Deutschland.

Döring ist kein Einzelfall. Verbrecher und Führungspersonen der 1961 von Paul Schäfer gegründeten Folter-Sekte Colonia Dignidad halten sich seit Jahren im sicheren Hafen Deutschland auf. Döring oder auch der verurteilte Kinderarzt Hartmut Hopp haben durch ihre deutsche Staatsangehörigkeit keine Auslieferung nach Chile zu befürchten.

Die Festnahme Dörings in Italien und eine mögliche Auslieferung hatten gute Aussichten auf Erfolg. Die Entscheidung der italienischen Justiz, Döring wegen seines Gesundheitszustands vorübergehend freizulassen, kam diese Woche ziemlich überraschend.

Die rein formelle Begründung des Gerichts in Lucca für Dörings Freilassung lautete nun, die Dokumente zur Auslieferung seien erst nach der Frist bis zum 22. November eingetroffen. Die chilenische Seite gibt jedoch an, dass das Auslieferungsgesuch am 12. November gestellt wurde und alle nötigen Informationen am 19. November vorlagen.

Die Opferfamilien drückten ihren Unmut über die Vorgänge aus. Margarita Maino, Schwester eines der Verschwundenen, sagte dazu: "Das Einzige was ich sagen kann, ist, dass es ein unwürdiger Vorgang ist, von der chilenischen sowie der italienischen Regierung. Ich verlange von Justizminister [Hernán] Larraín sowie von Außenminister [Andrés] Allamand, dass sie uns eine Erklärung geben." Des Weiteren solle die chilenische Regierung von Italiens Behörden eine Erklärung für diese Entscheidung verlangen.

Döring soll sich nach dem Gerichtsbeschluss nach Deutschland abgesetzt haben. Er lebte seit 2004 in Gronau, Nordrhein-Westfalen.

Diese Flucht sei ein neuerlicher Beweis für die Verachtung der Colonia-Dignidad-Mitarbeiter gegenüber der internationalen Justiz. Es gebe ein internationales Netzwerk zum Schutz dieser Kriminellen, die an jenem Ort des Horrors operierten, so die Schwestern eines Opfers, Mariana und Margarita Maino Canales.

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