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Proteste bei Colonia Dignidad vor Besuch von Joachim Gauck in Chile

Protesttransparent vor den Toren der ehemaligen Colonia Dignidad in Chile

Protesttransparent vor den Toren der ehemaligen Colonia Dignidad in Chile

Quelle: FDCL

Parral, Chile. Angehörige von Verschwundenen und Folterüberlebende aus der Zeit der Diktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) haben am Sonntag erneut an den Toren der ehemaligen deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad im Süden von Chile protestiert. Die Protestteilnehmer forderten Wahrheit über die begangenen Verbrechen und Gerechtigkeit für die Opfer des Sektenregimes ein. Auch sprachen sie sich für ein Ende von touristischen Aktivitäten in der Deutschensiedlung aus, die inzwischen in "Villa Baviera" umbenannt wurde. Etwa sechzig Personen befestigten Transparente in spanischer und deutscher Sprache mit der Aufschrift "Geschlossen wegen Menschenrechtsverletzungen" am Eingangstor.

Die Proteste finden zwei Wochen vor der Ankunft von Bundespräsident Joachim Gauck statt, der sich vom 12. bis zum 14. Juli 2016 zum Staatsbesuch in Chile aufhalten wird. Nach dem kürzlichen Eingeständnis von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), nach dem die bundesdeutsche Diplomatie schwerwiegende Fehler im Fall Colonia Dignidad begangen und auf Informationen über Menschenrechtsverletzungen in der Siedlung nicht angemessen reagiert hat, wird in Chile nun erwartet, dass dieses Thema einen zentralen Platz während des Besuch des Bundespräsidenten einnehmen wird.

Die derzeitigen Proteste begannen bereits am vergangenen Freitag mit einer Demonstration durch die Regionalhauptstadt Talca und einem zweitägigen Hungerstreik der Angehörigenorganisation. Dieser fand in den Räumlichkeiten der Lehrergewerkschaft statt und wurde von verschiedenen sozialen und Studierenden-Organisationen unterstützt. Von Talca aus fuhren die Protestierenden gestern gemeinsam zur etwa 40 Kilometer entfernt gelegenen Colonia Dignidad.

Anna Schnellenkamp (r.) im Gespräch mit Angehörigen von Opfern der Colonia Dignidad in Chile

Quelle: FDCL

Zu einem Austausch zwischen Angehörigen der Opfer und derzeitigen Bewohnern der Siedlung kam es, als die für den Tourismus in der "Villa Baviera" Verantwortliche, Anna Schnellenkamp, auf die Protestierenden zuging. Sie versprach, dieses Jahr kein Oktoberfest durchzuführen und bot den Angehörigen und Überlebenden weitere Gespräche an. Sie merkte jedoch an, dass sie sich gegenüber den Angestellten des Tourismusbetriebes in der Pflicht fühle.

In Vorbereitung der Reise des Bundespräsidenten ist nach Angaben der chilenischen Zeitung La Segunda indes der Beauftragte für Lateinamerika und die Karibik im Auswärtigen Amt, Dieter Lamlé, in das südamerikanische Land gereist. Das chilenische Nachrichtenportal El Mostrador berichtet, dass Lamlé in den kommenden Tagen die ehemalige Colonia Dignidad besuchen will. Lamlé will sich auch mit Adriana Bórquez, einer chilenischen Folterüberlebenden, und Efraín Vedder, einem von der Colonia Dignidad zwangsadoptierten ehemaligen Siedlungsbewohner treffen.

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