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Kolumbien plant Auffanglager an der Grenze zu Venezuela

Exodus aus Venezuela? Laut Regierung Santos und US-Medien gibt es eine riesige Flüchtlingswelle. Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen widerspricht

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An einem der zahlreichen Grenzübergänge zwischen Venezuela und Kolumbien
An einem der zahlreichen Grenzübergänge zwischen Venezuela und Kolumbien

Bogotá. Kolumbiens Regierung will "Flüchtlingslager“ nach dem Vorbild der Türkei an der Grenze zu Venezuela bauen. Man wolle sich angesichts einer möglichen Migrationskrise auf die Situation vorbereiten, so die Begründung. Präsident Juan Manuel Santos erbat offiziell Hilfe und Beratung von der türkischen Regierung, da sie im Umgang mit den drei Millionen Flüchtlingen aus Syrien Erfahrung habe.

Seit Februar wird vor allem in US-Medien über "große Flüchtlingsbewegungen" aus Venezuela berichtet. 500.000 Venezolaner sollen in den vergangenen Monaten nach Kolumbien gekommen sein.

Laut Christian Krüger, dem Direktor der kolumbianischen Einwanderungsbehörde, gibt es jedoch keine eindeutigen Zahlen über Migranten aus Venezuela. Im Jahr 2017 sollen etwa 143.000 venezolanische Bürger nach Ablauf der dreimonatigen Touristenfrist illegal im Land geblieben sein. Rund 362.000 Venezolaner seien überwiegend ein-und ausgereist. Man habe circa 632.000 Personen als "Pendler" registriert, denn etwa 20 Prozent der Grenzbevölkerung in Venezuela seien Kolumbianer. Die Regierung habe 50.000 Venezolanern eine sogenannte Grenzkarte ausgestellt, damit sie sich flexibel im Grenzgebiet aufhalten können, 150.000 besitzen eine "spezielle Aufenthaltsgenehmigung", mit der sie zwei Jahre in Kolumbien arbeiten und studieren können.

"Diese Grenze war schon immer sehr durchlässig. Die Fotos von den Tausenden von Venezolanern an den Grenzübergängen sind echt. Sie werden überall in der Presse gezeigt. Aber die anderen Fotos werden nicht gezeigt, wenn die gleichen Mitbürger noch am selben oder am nächsten Tag wieder zurückkehren", berichtete eine venezolanische Bürgerin Journalisten.

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Kolumbiens Präsident hat unlängst zusätzliche 3.000 Militärs und Polizisten an mehr als 250 Punkten der Grenze zu Venezuela positioniert und die Region militarisiert
Kolumbiens Präsident hat unlängst zusätzliche 3.000 Militärs und Polizisten an mehr als 250 Punkten der Grenze zu Venezuela positioniert und die Region militarisiert

Etwa 70 Prozent derjenigen, die heute aus Venezuela nach Kolumbien kommen, sind Exil-Kolumbianer ‒ rund fünf Millionen hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten auf der Flucht vor Krieg und Armut in Venezuela niedergelassen. Sie wurden dort in das soziale System integriert und den Staatsbürgern gleichgestellt. Nach Angaben der Regierung von Präsident Nicolás Maduro kamen 2013 noch mindestens 189.000 und im Jahr 2014 rund 144.000 hinzu. Seit dem Abschluss des Friedensvertrages zwischen Regierung und Farc-Guerilla im Jahr 2016 gibt es eine Rückkehrbewegung, die durch die schwierige Versorgungslage in Venezuela noch beschleunigt wird. Der Sicherheitsberater von Präsident Santos, Juan Carlos Restrepo, bestätigte: "Rund 70 Prozent der Menschen, die über die Grenze nach Kolumbien kommen, sind hier geboren. Manche haben gemischte Familien beider Nationalität".

"Die Ankunft von Venezolanern ist vielleicht das schwerste Problem, das Kolumbien gegenwärtig lösen muss", erklärte dagegen Santos am 19. Februar nach dem Besuch des damaligen US-Außenministers Rex Tillerson. Sein Land wolle “internationale humanitäre Hilfe entgegennehmen, um der Situation zu begegnen", so Santos. Tillerson hatte die Prüfung finanzieller Hilfen zugesagt, um dem "Ansturm von Venezolanern Herr zu werden". Inzwischen hat die Europäische Union Gelder zugesagt. Der Europa-Kommissar für Humanitäre Hilfe und Krisenmanagement, Christos Stylianides, gab am 18. März bekannt, dass die EU weitere sechs Millionen Euro an Kolumbien überweisen wird, davon zwei Millionen “für die Betreuung venezolanischer Flüchtlinge".

Der Vertreter des Hochkommissars für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) in Venezuela, Roberto Meier, widerspricht dem in einem Interview: "Wir haben die Venezolaner, die ihr Land verlassen, zu keinem Zeitpunkt als Flüchtlinge bezeichnet." Man sei indes besorgt "über Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung von venezolanischen Einwanderern, die das Land aus verschiedenen Gründen verlassen haben oder versuchen, die wirtschaftliche Situation ihrer Familien zu lösen", ergänzte er. " Wir erinnern die Staaten daran, dass sie den Einwanderer Schutz und Zugang zu Grundrechten gewähren müssen. Venezuela hat das jahrzehntelang getan", so Meier weiter. Er stellte sehr unterschiedliche Motive unter den Grenzgängern fest: "Viele Menschen gehen täglich über die Grenze, weil sie in dem einen Land wohnen und in dem anderen Land arbeiten oder studieren. Wenn es in Kolumbien besser läuft, gehen sie dorthin, wenn es in Venezuela besser ist, arbeiten sie in Venezuela. Viele Venezolaner machen ihre täglichen Einkäufe in Kolumbien. Es ist sehr schwierig zu sagen, bei wem es sich um wirkliche Migranten handelt und wie viele das sind."

Nach den Daten der Internationalen Migrantenorganisation (OIM) hat nicht Venezuela sondern Kolumbien die meisten Auswanderer Südamerikas. Das kolumbianische Außenministerium nennt aktuell die Zahl von 4,7 Millionen Bürgern im Ausland. Kolumbien rangiert zudem mit 7,4 Millionen offiziell registrierten Binnenflüchtlingen im Jahr 2017 an erster Stelle weltweit, noch vor dem Kriegsgebiet Syrien.

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