Argentinien: Bürgerprotest gegen US-finanziertes Bauvorhaben

In der Region bestehen starke Zweifel, was tatsächlich hinter dem Projekt steckt. "Humanitäre Hilfseinrichtung" nur eine Tarnung für US-Militärbasis?

neupquen.jpg

Der Gouverneur von Nequén, Argentinien, Omar Gutierrez (links), traf den argentinischen Botschafter in den USA, Fernando Oris de Roa, um über das das Katastrophenzentrum zu sprechen
Der Gouverneur von Nequén, Argentinien, Omar Gutierrez (links), traf den argentinischen Botschafter in den USA, Fernando Oris de Roa, um über das das Katastrophenzentrum zu sprechen

Neuquén.In der argentinischen Provinz Neuquén protestieren Bürger gegen ein neues Katastrophenschutz-Zentrum. Besondere Ablehnung provoziert der Umstand, dass der Bau von den USA finanziert werden soll. Die Bürger sehen darin einen Souveränitätsbruch, die Regierung eine großzügige Spende ohne Hintergedanken. Kritiker vermuten, dass es beim Ausbau der US-Präsenz in dem südamerikanischen Land tatsächlich um die lokalen Erdöl- und Erdgasreserven und um die Einrichtung eines US-Militärstützpunktes geht.

Am 202. Jahrestag der argentinischen Unabhängigkeit, dem 9. Juli, zogenStudierende, Professoren, Politiker und Indigene in Richtung des Ortes, an dem das 600 Quadratmeter große Zentrum zum Katastrophenschutz entstehen soll. Es könnte nach offiziellen Angaben dem Zivilschutz bei Vulkanausbrüchen oder Überflutungen als Basis dienen. Laut der Nachrichtenagentur Cadena del Sur soll neben Küche, Schlafräumen für 250 Personen und einem Konferenzsaal auch ein Helikopter-Landeplatz geplant sein. Die Demonstranten wandten sich entschieden gegen dieses Projekt, das sie als "Yankee Basis" bezeichnen. In einer Erklärung schreiben sie, dass die Basis nur als "humanitäre Hilfseinrichtung" bezeichnet werde, um nicht als Militärbasis deklariert zu werden, denn "dann brauchen sie die Zustimmung des Parlaments".

Die Demonstranten machen deutlich, dass das Zentrum, sollte es sich um eine humanitäre Einrichtung handeln, "logischerweise nicht in Neuquén errichtet werden muss". Die Provinz liege weder in einem Erdbebengebiet noch in der Nähe von eruptiven Vulkanen. Das Global Volcanism Program der Smithsonian Institution gibt hingegen an, dass mehrere Vulkane in der Region zu finden sind. Der Copahue, ein Vulkan "mit regelmäßigen explosiven Eruptionen" ist etwa 250 Kilometer von der Provinzhauptstadt Neuquén entfernt. In diesem Jahr sind dort regelmäßige, aber relativ schwache Ausbrüche registriert worden.

Der Sprecher der indigenen Mapuche-Gemeinschaft, Jorge Nahuel, befürchtet dennoch, dass es bei dem Projekt um die Interessen von US-Unternehmen geht: "Patagonien ist eine unerschöpfliche Quelle von Ressourcen und die Unternehmen, die diese ausbeuten wollen, kommen aus Nordamerika." Der Politiker Luis Felipe Sapag vom Movimiento Popular Neuquino fragt hingegen nur: "Es ist gratis. Warum sollten wir es nicht annehmen?"

Das regierungs- und medienkritische argentinische Meinungsmedium Revista Integración Nacional zeigt in einem Artikel auf, dass der Bau der Basis auch energiepolitische Hintergründe haben könnte. Der Gouverneur der Region Neuquén, Omar Gutiérrez, war im März in die USA gereist, um Investoren für das in der Region Neuquén gelegene Öl- und Gasfeld Vaca Muerta zu finden. Der Bank BBVA, dem Energieunternehmen YPF und einem Portfolio von IHS Markit zufolge, handelt es sich bei Vaca Muerta um eines der weltweit größten Felder zur Förderung von "unkonventionellen Kohlenwasserstoffen", also Schieferöl und Schiefergas. Diese Energieträger müssen meist durch Fracking gefördert werden.

Die Werbung von Investoren und die damit verbundene Vergabe von Förderkonzessionen sei auch der Grund dafür, warum Gouverneur Gutiérrez nach zwei Amtsjahren bereits die 14-fachen bundesstaatlichen Förderungen bekommen hat als sein Vorgänger in einen Zeitraum über acht Jahre, heißt es in dem Artikel weiter.

Der Nachrichtenagentur Cadena del Sur zufolge wird das Katastrophenschutz-Zentrum, das, wie Gouverneur Omar Gutiérrez betont, ausschließlich unter Kontrolle der lokalen Behörden stehen soll, jedenfalls von dem in Lateinamerika aktiven Südkommando der US-Armee (Southcom) finanziert. Das Southcom ist verantwortlich für die Koordination und Führung aller militärischen Operationen der USA in Süd- und Mittelamerika und in der Karibik und führt nach eigenen Angaben militärische Operationen in 31 mittel- und südamerikanischen Ländern durch. Im Jahr 2017 kam der US-Botschafter Tom Cooney in die Region, um sich über den Fortschritt des mit US-Mitteln finanzierten Bauvorhabens selbst zu informieren.

Die Anschuldigungen der Oppositions- und Bürgerbewegung könnten sich also als durchaus zutreffend herausstellen. Die Gegner des Projektes werden weiter gegen ein Katastrophenschutz-Zentrum kämpfen, von dem keiner weiß, warum es gebaut wird und wem es dient. Ein detaillierter Plan, so Oppositionspolitiker Raúl Podestá, sei jedenfalls nie vorgestellt worden: "Die Regierung trifft Entscheidungen und informiert nicht darüber, also entstehen eben diverse Theorien." Vielleicht protestieren die Bürger deshalb dann auch am 203. Jahrestag der argentinischen Unabhängigkeit wieder gegen die "Yankee Basis".

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr