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13.08.2018 Chile

Ermittlungen gegen Kardinal in Chile wegen Kindesmissbrauchs

Staatsanwaltschaft sieht Verdunklungsgefahr. Kardinal Ezzati zieht sich zurück und meldet sich krank. Opfer fordern Taten statt Gebete
Im Visier von Opfern und Justiz: Kardinal Ricardo Ezzati

Im Visier von Opfern und Justiz: Kardinal Ricardo Ezzati

Quelle: Carlos Figueroa
Lizenz: CC by-sa 4.0

Santiago de Chile. In Chile wird es angesichts von Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs zunehmend eng für den italienischen Kardinal Ricardo Ezzati. Seit der Staatsanwalt von Rangagua, Emiliano Aris, gegen Ezzati wegen Verdunkelung von Kindesmisshandlungen ermittelt, werden seine Freunde weniger und seine Gegner befinden sich quer durch alle politischen Lager. Parlamentspräsidentin Maya Fernández von der Sozialistische Partei Chiles (Partido Socialista de Chile, PS de Chile) kündigte indes an, nicht am traditionellen Te Deum anlässlich des Nationalfeiertags im September teilzunehmen, sollte die Bittfeier von Ezzati abgehalten werden. Nach der Ankündigung von Fernández zog der konservative Präsident Sebastián Piñera nach. Die Erzdiözese Santiago verkündete darauf, dass Dekan Juan de la Cruz Suárez die ökmenische Messe übernimmt und der Kardinal nicht teilnehmen werde.

Am 21. August muss Ezzati in den laufenden Ermittlungen vor dem Staatsanwalt aussagen. Er hat sich aber erst einmal krank gemeldet, angeblich wegen einer routinemäßigen Kontrolle seines Herzschrittmachers.

Der Rückzug Ezzatis ist das Ergebnis einer Bischofskonferenz in Punta de Tralca, auf der wieder einmal die Opfer des sexuellen Missbrauchs um Entschuldigung gebeten wurden. Allerdings haben die Bischöfe auch beschlossen, die Justiz bei ihren Ermittlungen zu unterstützen. Der aus Argentinien stammende Papst Jorge Mario Bergoglio zeigte sich "beeindruckt von der Arbeit der Reflexion und den Entscheidungen, die getroffen wurden". Es wird aber auch darüber spekuliert, ob Franziskus nur deshalb noch am Kardinal festhält, weil er seine Nachfolge noch nicht geregelt hat.

Indessen gehen die Betroffenen einen Schritt weiter. Die im "Netzwerk der Überlebenden kirchlichen Kindesmissbrauchs" zusammengeschlossenen Opfer fordern in einem Brief an Präsident Piñera die Einrichtung einer "Nationalen Kommission für Gerechtigkeit und Wahrheit". In der jüngeren Geschichte des südamerikanischen Landes gab es zwei derartige Kommissionen, die Rettig- und die Valech-Kommission, deren Aufgabe es war, ein Register der Opfer von Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktatur von General Augusto Pinochet (1973-1990) zu erstellen und sie entsprechend zu entschädigen. Ironie der Geschichte: Der Vorsitzende der "Kommission politischer Gefangener und Gefolterter" war der hochgeachtete Bischof Sergio Valech, der sich zu Zeiten der Diktatur einen Namen in der "Vicaría de la Solidaridad" gemacht hat.

Viele fragen sich deshalb auch wie es möglich war, dass sich die katholische Kirche von einem Verteidiger der Menschenrechte während der Diktatur zu einer elitären, verschlossenen und "mafiaähnlichen Organisation", so der Journalist Juan Carlos Cruz, entwickeln konnte. Vor diesem Hintergrund kündigten die Opfer an, sich mit den Vorsitzenden aller Parlamentsparteien und den Kammervorsitzenden des Parlaments sowie des Senats zu treffen.

Auch geht die katholische Kirche erste Schritte der Versöhnung. Ende August nimmt die "Abteilung für Versorgung, Aufnahme und Begleitung von Opfern des Missbrauchs" ihre Arbeit auf. Sie will Anlaufstelle für die Opfer und ihre Betreuung sein, aber gleichzeitig auch bei der Aufklärung bekannter Fälle mitwirken sowie mögliche bisher unbekannte Fälle aufdecken.

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