DruckversionEinem Freund senden
21.06.2018 Chile / Menschenrechte

Missbrauch in Chile: Bischöfe treten zurück, Vatikan bittet um Verzeihung

Über 80 Missbrauchsfälle katholischer Priester in Chile. Alle 34 Bischöfe bieten Rücktritt an. Keine finanzielle Hilfe für Opfer seitens der Kirche?
Die katholische Kirche ist auch in Chile eine mächtige Institution. Im Bild Santo Domingo in der Hauptstadt des Landes

Die katholische Kirche ist auch in Chile eine mächtige Institution. Im Bild Santo Domingo in der Hauptstadt des Landes

Santiago de Chile. Nachdem nun die ersten Untersuchungsergebnisse in den Missbrauchsfällen in Chile feststehen, hat der Papst die ersten drei Rücktritte angenommen. Nach einem weitläufigen Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche boten Mitte Mai alle 34 chilenischen Bischöfe dem Papst ihren Rücktritt an. Gesandte des Papstes bitten die Missbrauchsopfer um Vergebung.

Im Jahre 2010 wurden erstmals mehrere sexuelle Übergriffe an Minderjährigen seitens des Priesters Fernando Karadima bekannt, nachdem drei seiner Opfer sich öffentlich äußerten. Doch die damaligen Aufklärungsversuche hatten nur wenig Erfolg, Karadima musste nicht einmal sein Priesteramt aufgeben.

In den letzten Monaten überstürzten sich die Meldungen und Anzeigen gegen chilenische Geistliche. Vor allem im Vorfeld des Papstbesuches im Januar dieses Jahres entfachten sich heftige Debatten über die Verantwortung der katholischen Kirche gegenüber diesen Sexualdelikten. Schon damals waren über 80 Fälle von Geistlichen bekannt, die hunderte, vorwiegend minderjährige Jugendliche missbraucht haben sollen. In über der Hälfte der Fälle war dies schon gerichtlich nachgewiesen.

Obwohl es sich um einen der größten Missbrauchsskandale der katholischen Kirche handelt, äußerte sich Papst Franziskus bei seinem Besuch nicht deutlich genug und musste deshalb heftige Kritik einstecken. Daraufhin bat er öffentlich um Entschuldigung und ordnete eine tiefgründige Untersuchung innerhalb der katholischen Kirche Chiles an. Außerdem traf er sich über drei Tage hinweg mit allen chilenischen Bischöfen im Vatikan, um einen Umgang mit den Missbrauchsfällen zu finden.

Nachdem offenkundig wurde, dass es sich nicht um eine Häufung von Einzelfällen handelte, sondern ganze Netzwerke von Missbrauchs- und Vertuschungspraktiken ans Licht kamen, beschlossen alle 34 chilenischen Bischöfe dem Papst ihren Rücktritt anzubieten. Die Untersuchungsergebnisse haben Franziskus letztendlich dazu veranlasst, nun erste Maßnahmen in dieser Hinsicht zu ergreifen. Bestätigt wurde dabei vor allem der Fall des Bischofs Juan Barros aus Osorno, der eine enge Beziehung zu Karadima pflegte und dessen sexuelle Übergriffe systematisch vertuscht hat. Franziskus hatte Barros einst öffentlich verteidigt. Nachdem die gerichtliche Untersuchung den Verdacht bestätigte, äußerte der Papst den "Schmerz und die Scham" die der Bericht in ihm ausgelöst habe. Die beiden anderen bisher angenommen Rücktritte haben allerdings angeblich nichts mit dem Missbrauchsfällen zu tun, sondern seien altersbedingt.

Priester Jorge Concha wird Barros jetzt vorerst vertreten und spricht von der "Notwendigkeit einer großen Intervention" in der Gemeinde Osornos. Er will "reinen Tisch machen" und wieder Geschlossenheit in der Gemeinschaft herstellen. Eine schwierige Aufgabe, wie der Priester mit Mapuche-Ursprung selbst sagt, vor allem weil ihm die konkreten Anweisungen aus Rom noch nicht vorliegen.

Die Opfer der Sexualdelikte begrüßen die Entscheidung des Papstes. "Für die chilenische Kirche fängt ein neuer Tag an. Drei korrupte Bischöfe gehen und es werden weitere folgen. Der Papst hat gehalten was er uns versprochen hat", sagt Juan Carlos Cruz, einer der Sprecher im Fall gegen Karadima. Er sei sehr glücklich und freue sich für die Gemeinde Osornos.

Die Gesandten des Papstes baten die Gläubigen der Stadt öffentlich um Verzeihung. "Der Papst hat mich beauftragt, mich bei jedem einzelnen der Gläubigen dieser Kirche zu entschuldigen, sowie bei allen Bewohnern dieses Landes, dafür, sie als Kirche zutiefst verletzt und beleidigt zu haben", sagte Charles Scicluna, Bischof aus Malta. Er ist einer der vom Vatikan für die Untersuchung des Missbrauchsskandals auserwählten.

Welche weiteren Konsequenzen Papst Franziskus aus dem 2.300 Seiten langen Bericht ziehen wird ist noch nicht bekannt, bisher kamen durch ihn noch insgesamt 18 weitere Fälle ans Licht. Scicluna seinerseits hat eine Zeugenaussage bei der chilenischen Polizei gemacht, um zur Aufklärung der ausstehenden Gerichtsverfahren beizutragen. Außerdem riefen er und Priester Jordi Bertomeu zur Entschädigung der Opfer auf, zogen ihr Angebot der ökonomischen Entschädigung seitens der Kirche allerdings einige Stunden später wieder zurück.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr

Was Sie auch interessieren könnte ...