Argentinien / Kultur / Medien

Journalist und Zeitzeuge Osvaldo Bayer in Argentinien verstorben

Familie des 91-jährigen Autors war aus Österreich nach Südamerika ausgewandert. Anerkannter Chronist sozialer Kämpfe stand im Fadenkreuz der Rechten

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Oswaldo Bayer (1927-2018)
Oswaldo Bayer (1927-2018)

Buenos Aires. In Argentinien ist am Montag dieser Woche der Journalist, Historiker und Essayist Osvaldo Bayer gestorben. Die Familie des 91-Jährigen bestätigte die Nachricht seines Todes zu Wochenbeginn. Bayer stammte aus einer österreichischen Auswandererfamilie. Er war auf internationaler Ebene in erster Linie durch seine Arbeiten über Arbeitskämpfe in dem südamerikanischen Land bekannt geworden, darunter den Aufstand von Landarbeitern im südargentinischen Patagonien. Sein im spanischsprachigen Original vierteiliges Werk "Aufstand in Patagonien" ("La Patagonia rebelde") über dieses Thema wurde im Jahr 1974 verfilmt und gewann den Silbernen Bären der Berlinale. In dem Buch schilderte er den Streik und den Aufstand der Landarbeiter in Patagonien während der Jahre 1920 bis 1922, den das Militär blutig unterdrückte. Damals wurden schätzungsweise 1.500 Arbeiter ermordet.

Bayer wurde am 18. Februar 1927 in der Stadt Santa Fe geboren und lebte die letzten Jahre in Buenos Aires. Er arbeitete für mehrere lateinamerikanische Medien, darunter zeitweise für die Tageszeitung Clarin, die eigene Publikation Imagen und die argentinische Journalistengewerkschaft.

Als Bayer 1972 und 1974 die ersten Bände seines Patagonien-Werkes veröffentlichte, wurde er von der ultrarechten Terrorgruppierung Antikommunistische Allianz Argentinien (Alianza Anticomunista Argentina, AAA) mit dem Tode bedroht. Zur damaligen Zeit wurden zahlreiche ihm nahestehender Kollegen, unter ihnen der Schriftsteller Rodolfo Walsh, von Rechtsradikalen oder Militärs verschleppt und ermordet. Bayer gelang mit Hilfe der westdeutschen Botschaft die Flucht aus dem Land. Der damalige Kulturattaché und dessen Frau schleusten ihn unter Einsatz des eigenen Lebens aus dem Land.

Nach eigenen Angaben ging es Bayer bei seiner Arbeit um die "Erforschung der am meisten Vergessenen und Bestraften in der Geschichte der Menschheit". Zwischen 1956 und 1976 lebte er in Patagonien und Buenos Aires, "bis ich Argentinien während der Regierungszeit von Isabel Perón 1975 das erste Mal verlassen musste". Vor allem die Aktionen der sogenannten AAA hätten ihn zur Emigration bewegt, schilderte er in einem Interview der amerika21-Partnerseite Quetzal. Die AAA habe "die Straßen in den argentinischen Städten beherrscht und jeden Tag eine selbst verfasste Liste der ‚zum Tode Verurteilten’" publiziert. "Wegen meines Werkes 'La Patagonia Rebelde' und des gleichnamigen Films wurde ich von dieser faschistischen Gruppe, die López Rega, ein Minister von Isabel Perón, anführte, zum Tode verurteilt", schilderte Bayer. Damals habe er seine Frau Marlies, gebeten, Argentinien mit den gemeinsamen Kindern zu verlassen.

Bayer hatte zwischen 1952 und 1956 in Hamburg Philosophie und Geschichte studiert. Während der Militärdiktatur in Argentinien von 1976 bis 1983 lebte er einige Jahre als Exilant in West-Berlin. Wegen seiner Recherchen wurde er von damaligen Regierungen in Südamerika, darunter den Militärregimes, wiederholt verfolgt und bedroht. Wegen seines Einsatzes für die indigene Bevölkerungsmehrheit in Patagonien bezeichnete ihn eine rechtsgerichtete Mehrheit des argentinischen Parlaments auf Initiative des Senators Eduardo Menem als "unpatriotisch" und erklärte ihn zur "Persona non grata". Zuvor hatte Bayer ein gemeinsames Wirtschaftsgebiet aus den argentinischen und chilenischen Teilen Patagoniens gefordert.

"Von allem, was ich in meinem Leben getan habe, ist der Job des Journalisten der, mit dem ich mich am meisten identifizieren kann. Ich bin geborener Journalist", zitiert ihn die Nachrichtenagentur dpa aus einer Rede anlässlich seines 90. Geburtstags.

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