US-Organisationen müssen wegen Experimenten an Guatemalteken vor Gericht

Probanden wurden absichtlich mit Syphilis infiziert, um Wirkung von Penizillin zu testen. 83 Menschen starben. US-Gericht lässt Klage zu

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In Guatemala wie auch in den USA wurden bei Experimenten Menschen absichtlich mit Syphilis infiziert, um die Wirkung von Penizillin zu testen
In Guatemala wie auch in den USA wurden bei Experimenten Menschen absichtlich mit Syphilis infiziert, um die Wirkung von Penizillin zu testen

Baltimore. Das US-amerikanische Pharmaunternehmen Bristol-Myer Squibb, die John-Hopkins-Universität in Baltimore und die Rockefeller-Stiftung in New York erwartet ein Gerichtsverfahren mit einer Forderung in Höhe von einer Milliarde US-Dollar wegen Missbrauchs an hunderten Guatemalteken. Der Fall, bei dem die Menschen ohne ihre Einstimmung durch medizinische Experimente in den 1940er- Jahren mit Syphilis infiziert wurden und viele davon an den Folgen starben, wird nun vor einem US-Gericht verhandelt werden.

Jüngst hatte es erst eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs gegeben, wonach ausländische Unternehmen wegen Menschenrechtsverletzungen außerhalb der USA nicht angeklagt werden konnten. Das Urteil des Bundesrichters in Maryland, Theodore Chuang, wies jedoch Argumente zurück, dass dieser Schutz immer auch für inländische Unternehmen gelte und akzeptierte die Klage gegen die drei Organisationen. Es gebe "internationale Normen, die nicht-einvernehmliche medizinische Experimente an Menschen verbieten", sagte das Gericht. Der Richter war der Ansicht, dass das Urteil "die Harmonie fördern würde", indem es ausländischen Klägern die Möglichkeit gibt, vor Gerichte in den USA zu gehen.

744 Guatemalteken, die Opfer der damaligen Studien wurden, hatten bereits im Jahr 2015 eine Zivilklage gegen die entsprechenden Organisationen eingereicht. Diese hatten in den 1940er-Jahren Experimente an ihnen oder ihren Familienangehörigen durchgeführt, um das damals neue Penizillin dahingehend zu testen, ob dieses auch sexuell übertragbare Krankheiten stoppen konnte. Die Experimente seien "ohne Wissen oder Zustimmung der Opfer" durchgeführt worden. Damit wurden "Verbrechen gegen die Menschheit“ begangen und gegen das Völkerrecht verstoßen. Die Experimente waren erst 2010 von Dr. Susan Reverby aufgedeckt worden, die die Dokumentation darüber im Nachlass des Wissenschaftlers John Cutler entdeckt hatte. Er arbeitete für das US-Gesundheitsministeriums und leitete die Experimente.

Die sogenannte Tuskegee-Syphilis-Studie wurde von 1932 bis 1972 unter Aufsicht des US-Gesundheitsministeriums durchgeführt und zwischen 1940 und 1950 durch den Mediziner John Cutler auch in Guatemala getestet. Cutler und sein Team suchten körperlich gesunde Soldaten, psychisch Kranke, Prostituierte und Häftlinge in Guatemala für ihre Studie aus und infizierten sie mit Gonorrhö, Syphilis oder Schanker.

Die Betroffenen wurden weder über den Zweck der Untersuchung informiert noch vor den möglicherweise tödlichen Folgen gewarnt. Tausende Menschen waren Oper der Experimente. Eine offizielle Untersuchungskommission im Jahr 2011 fand heraus, dass 83 Menschen an den Folgen der Versuche starben. Mehrere Ärzte der Johns-Hopkins-Universität und der Rockefeller-Stiftung sowie vier Führungskräfte von Vorgängerunternehmen von Bristol-Myers Squibb waren an den Verbrechen beteiligt.

Im Oktober 2010 entschuldigte sich der ehemalige US-Präsident Barack Obama persönlich bei seinem damaligen guatemaltekischen Amtskollegen Álvaro Colom für die Experimente. Die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete die Ereignisse als "unmoralisch" und "verwerflich". Colom nannte sie ein "Verbrechen gegen die Menschheit".

Auf das jüngste Urteil reagierten die angeklagten Organisationen unterschiedlich. Die Johns-Hopkins-Universität erklärte bereits, dass sie das Gerichtsverfahren akzeptiere und äußerte ihre "tiefe Sympathie für Einzelpersonen und Familien, die von der bedauernswerten Syphilisstudie der 1940er-Jahre betroffen sind". Ein Sprecher der Rockefeller-Stiftung wies die Klage zurück und sagte, dass die gemeinnützige Organisation keine Kenntnis von dem Experiment hatte, es weder entworfen, finanziert oder durchgeführt hatte. Bristol-Myers Squibb wollte keinen Kommentar abgeben.

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