Schwere Dürren in Lateinamerika nehmen wegen Abholzung des Regenwalds zu

Experten warnen vor gravierenden Folgen. Konflikte mit Großindustrien wie Bergbau und Agrarindustrie wegen Wasser. Fläche des Regenwalds nimmt stark ab

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Aufgrund der starken Abholzung des Amazonas-Regenwalds nehmen in Südamerika schwere Dürren immer mehr zu
Aufgrund der starken Abholzung des Amazonas-Regenwalds nehmen in Südamerika schwere Dürren immer mehr zu

Montevideo. Die Unesco und das Wasserzentrum für Trockenzonen in Lateinamerika (Cazalac) haben anlässlich des Weltwassertags Ende März in einer Studie mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass zunehmende Dürren die Region sozial und ökologisch schwer treffen könnten.

Lateinamerika und die Karibik beherbergen laut Weltbank mit 31 Prozent die größten Süßwasserreserven der Erde. Grund dafür ist die sogenannte "Evapotranspiration": Im Amazonas-Regenwald verdunsten täglich rund 20 Millionen Tonnen Wasser. Die daraus folgende Wolkenbildung hat starke Regenfälle an den Osthängen der Anden zur Folge. Immer stärker ist dieses ökologische Gleichgewicht jedoch durch die fortschreitende Waldzerstörung und globale Erwärmung bedroht. Regenarme Zonen, sogenannte Aride, breiten sich infolge der im Südosten und Nordosten Brasiliens zunehmenden Agrarfront immer mehr aus. Dürren nehmen daher zu.

Insbesondere die Politik des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro könnte diese Entwicklung noch weiter verschärfen. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, geschützten Gebieten den Status zu entziehen, um auf diesen Flächen landwirtschaftliche und vor allem flächenintensive Agrarnutzung auszubauen. Vor allem indigenen Reservaten soll ihr Schutzstatus entzogen werden. Dies bestätigte Bolsonaro einmal mehr in einem Radio-Interview mit dem Sender Jovem Pam.

Das Amazonas-Gebiet ist mit rund 6,1 Millionen Quadratkilometern das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde. Jährlich wird der Naturschutzorganisation WWF zufolge jedoch eine Fläche in der Größe von 4.500 Fußballstadien abgeholzt. In den letzten 50 Jahren wurden bereits 17 Prozent der Wälder im Amazonas abgeholzt, bis zum Jahr 2050 könnten schätzungsweise weitere 28 Prozent der Wälder vernichtet werden.

Der Forscher Oscar Campanini vom bolivianischen Zentrum für Dokumentation und Information (CEDIB) beklagt die inzwischen auch in Bolivien zunehmende Wasserverknappung. Ähnlich wie in Brasilien, Peru und Kolumbien, wo die Regierungen große Infrastrukturprojekte für Bergbau, Förderung fossiler Energieträger wie Erdöl, und Erdgas, Wasserkraftwerke und Agrarindustrie vorantreiben. So verschlingt beispielsweise der Tagebergbau gigantischer Goldminen viele Millionen Liter Wasser täglich und kontaminiert die kostbaren Ressourcen mit toxischen Chemikalien wie Zyanid und Quecksilber. Die Abholzung für den Kokaanbau im bolivianischen Chapare soll bereits das Regenaufkommen in der semi-ariden Stadt Cochabamba verringern, während die andine Verwaltungshauptstadt La Paz im Zuge der Agrarfront-Ausweitung in den Yungas sowie im Osten Santa Cruz von der Expansion immenser Gensoja-Plantagen betroffen seien.

Der Klimatologe René Garraud, Vize-Direktor des chilenischen Zentrums für Klima und Resilienz (CR2), weist indes darauf hin, dass sich der Wassermangel in sämtlichen Regionen mit Versorgungsproblemen noch weiter verschärfen wird. Im agrarisch geprägten Zentrum und Süden Chiles, die in den letzten fünf Jahren durch immer heftigere Dürren geplagt waren, bohren immer mehr Bauern aus Not zur Bewässerung Tiefbrunnen. Dies führt zur Absenkung des Grundwasserspiegels. Die Abnahme des Ozons in der Stratosphäre, die durch menschliche Treibhausgas-Emissionen verursacht wird, führe zudem zu einer Verlagerung der Windrichtungen. Damit werde der Regentransport vom zentralen Chile weg in Richtung des südlichen Patagonien verlagert.

Experten wie der ehemalige ecuadorianische Vize-Minister für Wirtschaft, Roberto Salazar, kritisieren die ungerechte Wasserverteilung durch Wasserbehörden. Davon profitierten allen voran der Bergbau und die Agrarindustrie auf Kosten des menschlichen Konsums. Dort würden auch Wassernutzungslizenzen "gehortet". Er plädiert für effizientere, automatisierte Wasserzähler sowie Wassertarife, die eine sparsamere Wassernutzung belohnen würden.

Marcelo Gamboa, Berater der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO), führt die Probleme bei der Wassernutzung im Agrarbereich hauptsächlich auf schlechte Regierungsführung zurück. Da viele Behörden an der Entscheidungsfindung beteiligt seien, würde eine effiziente Wasserverwaltung häufig durch Bürokratie behindert.

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