Fussballfans schließen sich nach weiteren Toten in Chile zusammen

Bereits über 30 Tote. Rücktritt des Generaldirektors der Carabineros wegen Verschleierung und Korruption gefordert

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Nach dem Tod eines Fussballfans wird nun vereinsübergreifend gegen die Polizeigewalt in Chile protestiert
Nach dem Tod eines Fussballfans wird nun vereinsübergreifend gegen die Polizeigewalt in Chile protestiert

Santiago. Die anhaltenden Proteste in Chile gegen die Regierung und Polizeigewalt haben zuletzt fünf weitere Tote gefordert. Damit sind seit Beginn des Aufstandes gegen die Regierung von Präsident Sebastian Piñera und die Auswirkungen der Jahrzehnte andauernden neoliberalen Politik bereits 30 Menschen ums Leben gekommen. Auslöser für die neue Vehemenz der Proteste war der Tod von Jorge Mora, einem Anhänger des Fußballclubs Colo Colo aus Santiago. Mora wurde von einem LKW der Polizei überfahren. Dies hat den Protesten gegen Polizeigewalt nochmals einen Schub gegeben. Das Nationale Institut für Menschenrechte (INDH) zählt mittlerweile 697 Opfer durch Schläge seitens staatlicher Einheiten.

Nun forderte der Gewerkschaftsblock der Sozialen Einheit (Bloque Sindical de Unidad Social) den sofortigen Rücktritt des Generaldirektors der Carabineros (Militärpolizei), Mario Rozas. Auch der Präsident der Nationalen Vereinigung der Staatsanwälte, José Pérez, schloss sich dieser Forderung an. Die Vorfälle der letzten Zeit hätten offenbart, dass ein strukturelles Problem einer "anorganischen Unordnung" bei den Carabineros festzustellen sei. Zum einen wegen vieler Fälle von Korruption, insbesondere aber wegen ihres brutalen Vorgehens gegen die sozialen Proteste.

Zudem reichte der Staatliche Verteidigungsrat (CDE) eine Klage gegen die Carabineros ein, da es in deren Reihen interne Absprachen gebe, Taten und Fakten zu verschleiern.

Seit dem Tod von Mora finden tagtäglich Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei statt. Bei einer dieser Demonstrationen am 29. Januar wurde der Student Ariel Moreno in der Hauptstadtregion von einer Kugel in den Kopf getroffen. Der 24-Jährige verstarb zwei Tage später im Krankenhaus. Um was für ein Geschoss genau es sich handelt, ist bisher noch nicht geklärt, es wird aber vermutet, dass ein Polizist auf ihn geschossen hat.

In San Ramón, in der Hauptstadtregion, wurde in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar ein Demonstrant von einem Bus überfahren, der nach Angaben der Polizei zuvor gestohlen worden war. Mehr oder weniger zeitgleich kam ein weiterer Mensch in einem in Brand geratenen Supermarkt ums Leben. Ein weiterer Demonstrant wurde in derselben Nacht in Santiago von einem privaten Wachmann mit einem Küchenmesser erstochen.

Ein Video, das besonders viel Medienaufmerksamkeit bekam, zeigt, wie der 18-jährige Matías Soto nach einer Demonstration wegen des Todes von Mora in Puente Alto, in der Hauptstadtregion, von Polizisten zusammengeschlagen wird. Die Polizeibeamten sind dabei zu sehen, wie sie zu zehnt auf den auf dem Boden liegenden Soto einschlagen und eintreten, ihn dann liegen lassen und mit ihren Fahrzeugen wegfahren. Sieben an dem Übergriff beteiligte Polizisten wurden mittlerweile aus dem Dienst entlassen. Matías Soto erlitt bei dem Übergriff mehrere Knochenbrüche.

Für weitere Empörung sorgten zum einen die mittlerweile fast zur Normalität gewordene Gewalt gegen Demonstranten, zum anderen die Entscheidung der Justiz, den Polizisten, der Mora überfahren hat, auf freien Fuß zu setzen. Vor allem abfällige Äußerungen über organisierte Fußballfans der Untersuchungsrichterin, die den Fall bearbeitete, brachten die Demonstrationen auf. Neben tagtäglichen Demonstrationen, Plünderungen und Angriffen auf Polizeistationen kommt auch der Fußballbetrieb nicht zur Ruhe. Bei einem Platzsturm während eines Fußballspiels zeigten Vermummte ein Transparent auf dem stand: "Straßen voll mit Blut, Plätze ohne Fußball". Bei mehreren Spielen der chilenischen Fußballiga kam es zu Ausschreitungen; ein Spiel musste unterbrochen werden, nachdem einzelne Spieler wegen des von der Polizei verschossenen Tränengases Atemprobleme bekamen.

Die sogenannten "hinchas", organisierte Fußballfans der verschiedenen Fußballvereine in Chile, vergleichbar mit den Ultras deutscher Stadien, haben sich im Laufe des Aufstandes immer wieder an den Protesten beteiligt. Besonders war in diesem Zusammenhang, dass die sonst verfeindeten Fanlager gemeinsam auf die Straße gingen.

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