Indigene Bevölkerung in Lateinamerika von Covid-19 existenziell bedroht

Nahrungsmittel und medizinische Versorgung nicht gewährleistet. Indigene Organisationen prangern fehlende Unterstützung der Regierungen an

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Verlassen vom Staat: Im Schutzgebiet Mhuysqa de Chía bemüht sich Kolumbiens Indigenenorganisation ONIC um die Versorgung der Bevölkerung
Verlassen vom Staat: Im Schutzgebiet Mhuysqa de Chía bemüht sich Kolumbiens Indigenenorganisation ONIC um die Versorgung der Bevölkerung

Bogotá/Lima/Santiago et al. Die indigenen Völker Lateinamerikas gehören zu den durch Covid-19 verwundbarsten Gemeinschaften der Region. Dies erfordere nicht nur eine differenzierte Beurteilung ihrer Situation, sondern auch ihren besonderen Schutz, betont eine gemeinsame Erklärung des Fonds für die Entwicklung der indigenen Völker Lateinamerikas und der Karibik (El Fondo para el Desarrollo de los Pueblos Indígenas de América Latina y El Caribe, Filac), des Abya-Yala-Forums (Fiay) und der Regionalen Beobachtungsstelle für indigene Rechte (ORDPI)

Die Präsidentin des Filac, Dr. Mirna Cunningham, machte deutlich, dass die Prioritäten für die indigenen Völker die Vermeidung von Ansteckung und die Gewährleistung der Lebensmittelversorgung seien. Beides liege in der Verantwortung der Regierungen. Der General-Koordinator des Fiay, Jesús Amadeo Martínez Guzmán, verdeutlichte, dass die Ursache für die aktuell kritische Situation der indigenen Völker die fehlende Unterstützung der Regierungen sei.

Aus einem von den drei Organisationen gemeinsam veröffentlichten Bericht geht hervor, dass die grundlegende Problematik in den Rahmenbedingungen liegt, mit denen die mehr als 45 Millionen Menschen umfassende indigene Bevölkerung Lateinamerikas konfrontiert sind. Unterernährung, fehlender Zugang zu Gesundheitsdiensten, unzureichende Infrastruktur und die allgemeine Unmöglichkeit der Ausübung individueller und kollektiver Grundrechte seien äußerst missliche Lebensbedingungen, die von der Politik häufig nur wenig Berücksichtigung fänden. Nun seien es diese ohnehin schon widrigen Lebensverhältnisse, die zu einer extremen Verwundbarkeit der indigenen Bevölkerung durch Covid-19 führen.

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Der angesehene indigene Bürgermeister Silvio Valles Lomas setzte sich für den Schutz der Bevölkerung vor dem Corona-Virus ein
Der angesehene indigene Bürgermeister Silvio Valles Lomas setzte sich für den Schutz der Bevölkerung vor dem Corona-Virus ein

Die strukturellen Bedingungen hielten die indigene Bevölkerung in der Armut fest. Die Wahrscheinlichkeit, in extremer Armut zu leben, ist für sie 2,7-mal höher als für die nicht-indigene Bevölkerung. Zugleich wirkt sich Covid-19 Studien zufolge verstärkt auf arme Haushalte aus. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass die Auswirkungen der Pandemie für die indigenen Gemeischaften massiver sein werden, als für die übrige Bevölkerung.

Die besorgniserregende Situation wird auch durch den mangelnden Zugang zur Wasserversorgung und der überproportional häufig fehlenden Anbindung an die Kanalisation verstärkt. Dabei erfordern präventive Maßnahmen gegen die Ansteckung mit Covid-19 Hygienebedingungen, die beispielsweise regelmäßiges Händewaschen zulassen. Schon das Eindringen des Virus kann zum Tod ganzer Gemeinschaften führen, da die Immunsysteme der Menschen aufgrund häufiger räumlicher Isolation gegenüber fremden Krankheitserregern viel anfälliger sind.

Die für die indigenen Völker verschärfte Bedrohungssituation bestätigte auch der Expertenmechanismus für die Rechte indigener Völker der Vereinten Nationen. Das dem UN-Menschenrechtsrat zugehörige Organ erklärte bereits im April, dass die Ausbreitung von Covid-19 eine für viele indigene Völker ohnehin kritische Situation weiter zuspitzt. Zunehmende Rezession und die Möglichkeit einer globalen Wirtschaftskrise ließen befürchten, "dass viele indigene Völker sterben werden, nicht nur am Virus selbst, sondern auch an den Konflikten und der Gewalt, die mit der Knappheit an Ressourcen, insbesondere von Trinkwasser und Nahrungsmitteln, verbunden sind", heißt es in der Stellungnahme.

Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (OPS) warnte vor den Gefahren für Indigene im Amazonasgebiet sowohl in den großen Städten als auch in den isoliert lebenden Gemeinden. Der Zugang zu medizinischer Versorgung sei äußerst schwierig. "Wir haben bereits 20.000 bestätigte Covid-19-Fälle in den Provinzen, die das Amazonasbecken bilden". Dort sei die Ansteckung im Vergleich zu anderen Teilstaaten derselben Länder tendenziell doppelt so hoch. "Ohne sofortige Maßnahmen werden diese Gemeinschaften unverhältnismäßig stark betroffen sein", so die Leiterin der OPS, Carissa Etienne, Die indigene Bevölkerung sei einer großen Ernährungsunsicherheit ausgesetzt, Typ-2-Diabetes und endemischen Krankheiten wie Tuberkulose und Malaria seien verbreitet, betonte sie. Dies mache die Menschen anfälliger, an Covid-19 zu erkranken.

Die Folgen der Covid-19-Krise für die indigenen Völker zeigen sich konkret zum Beispiel in Kolumbien, wo mehr als 315.000 Familien einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Dies berichtet die Nationale Indigenenorganisation Onic. Gemeindeführer haben nun das Gesundheitsministerium gebeten, diese Vernachlässigung zu beenden. Sie fordern von der Regierung unter anderem einen Gesundheitsplan für ihre Völker, Schulungen für den Umgang mit Covid-19, Feldkrankenhäuser in der Nähe ihrer Territorien und hygienische Maßnahmen.

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Die autonome Organisation der Mapuche am Lago Maihue in Chile hat die Bewahrung der Gemeinden vor der Ausbreitung des Virus in die Hand genommen
Die autonome Organisation der Mapuche am Lago Maihue in Chile hat die Bewahrung der Gemeinden vor der Ausbreitung des Virus in die Hand genommen

In Peru erlag der Anführer der indigenen Gemeinde Shipibo-Conibo und Bürgermeister des Distrikts Masisea, Silvio Valles Lomas, den Folgen einer Covid-19-Infektion. Der angesehene Verteidiger indigener Rechte starb, während er auf eine Verlegung auf die Intensivstation des Krankenhauses wartete. Nach Angaben seiner Familie gab es wegen bürokratischer Probleme bereits bei der Aufnahme ins Krankenhaus Verzögerungen. Zudem habe er keine angemessene Behandlung erhalten. Zwei Tage zuvor hatte die Regierung eine Strategie zur Prävention und Bekämpfung von Covid-19 unter den indigenen Völkern verabschiedet, die die indigenen Organisationen bereits seit Wochen gefordert hatten.

Auch das Volk der Mapuche, das in Chile und Argentinien lebt, sieht sich großen Gefahren ausgesetzt. So hatte die Verwaltung der chilenischen Gemeinde Futrono im April Straßenbauarbeiten angekündigt, was die Einreise vieler Arbeiter aus Städten mit hohen Ansteckungsraten in das Gebiet der Indigenen bedeutet. Wie die Internetplatform Mapuexpress berichtet, blieb den in der Bergregion ansässigen Mapuche aus Angst vor Ansteckung nur der Rückzug aus der Gegend sowie die Erkenntnis, dass die Gemeindeverwaltung dem Straßenbau Vorrang gegenüber dem Schutz ihrer Gesundheit einräumt.

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