Bolivien: De-facto Regierung "vergisst" Indigene während Corona-Pandemie

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Den Indigenen in Bolivien stehen wegen der Corona-Pandemie schwierige Zeiten bevor
Den Indigenen in Bolivien stehen wegen der Corona-Pandemie schwierige Zeiten bevor

La Paz. Innerhalb der bolivianischen Gesellschaft sind die indigenen Bevölkerungsgruppen durch die Corona-Pandemie am stärksten gefährdet, auch weil die De-Facto-Regierung sie in ihren Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus nicht berücksichtigt. Mehrere Organisationen und Vertretungen indigener Volksgruppen machten nun auf den Missstand aufmerksam und fordern die Regierung zum Handeln auf. Die indigene Bevölkerung macht rund 48 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes aus.

"Wir indigenen Völker wurden vergessen. Wir sind dem Virus hilflos ausgeliefert", so Héctor Tamo, Vorsitzender der Vereinigung der Volksgruppe der Mojeños im Departamento Beni im Norden Boliviens. In einem an die selbsternannte Interimspräsidentin Jeanine Añez gerichteten Schreiben forderte er Maßnahmen zum Schutz der Menschen in seiner Region.

Auch der Verwaltungsrat des Nationalparks und Indigenenschutzgebietes Isiboro-Secure (Tipnis) am Rand des Amazonasgebiets, die Volksvertretung der Guaraní im Süd-Osten und Gemeindevertreter aus dem Chaco im Süden des Landes wandten sich mit ihren Forderungen an die Regierung. Die drängendsten Probleme sind die Ernährungssicherung, insbesondere von Schwangeren und Kleinkindern, und die Versorgung mit Medikamenten und medizinischer Ausrüstung. Der Rat der indigenen Völker in La Paz rief angesichts der aktuellen Lage in La Paz und dem Altiplano den Notstand aus.

Nichtregierungsorganisationen im Land prangern in einer Mitteilung die Tatenlosigkeit der Regierung an. Keine der bisher ergriffenen Maßnahmen habe die Situation der indigenen Bevölkerung berücksichtigt. Die Mitteilungen des Gesundheitsministeriums seien lediglich auf Spanisch veröffentlicht worden, eine Übersetzung in die verschiedenen indigenen Sprachen liege noch immer nicht vor.

Die Pandemie birgt jedoch nicht nur unmittelbare Gefahren für die indigenen Bevölkerungsgruppen, es drohen auch längerfristiger Konsequenzen. So könnte die wirtschaftliche Rezession aufgrund der Pandemie dazu führen, dass wieder mehr Rohstoffe in Schutzgebieten abgebaut und so der Lebensraum von indigenen Gemeinden stärker angegriffen wird.

Ex-Präsident Evo Morales übte scharfe Kritik am Vorgehen der Regierung. "Bolivien wird von zwei Pandemien heimgesucht: vom Coronavirus und von der Diktatur", kommentierte Morales per Twitter. "Beide bringen das bolivianische Volk um: Das Virus infiziert den Körper, und die Diktatur tötet meine Brüder und Schwestern durch den Hunger."

Er sprach sich gegen die aktuellen strikten Kontrollen und die zunehmende Militarisierung aus: "Man kann weder das Virus noch den Hunger ins Gefängnis werfen. Die De-Facto-Regierung hat mit den Repressionen durch Polizei und Militär einen völlig falschen Weg eingeschlagen. Es ist wichtig, die Quarantäne einzuhalten, doch die Gesundheits- und Lebensmittelversorgung aller Bolivianerinnen und Bolivianer muss gewährleistet sein."

Zuletzt hatte die De-Facto-Regierung verstärkt das Militär zur Durchsetzung der Ausgangssperre eingesetzt.

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