Peru / Soziales

Peru ist das Land mit der weltweit höchsten Mortalität durch Covid-19

Medizinisches Personal streikt für bessere Schutzausrüstung. Gesundheitssystem überlastet. Wirtschaft stürzt ab

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Gesundheitskrise in Peru: Ärzte verlangen bessere Schutzausrüstungen
Gesundheitskrise in Peru: Ärzte verlangen bessere Schutzausrüstungen

Lima. Seit Mittwoch führt Peru die Statistik der meisten Todesfälle pro Einwohner an. Pro einer Million Einwohner verstarben dort seit März 858 Personen am Lungenvirus SARS-CoV, also fast einer von Tausend. Damit liegt das südamerikanische Land nun vor Belgien, wo 855 Menschen pro Million der Krankheit erlagen, gefolgt von Spanien (620), Großbritannien (610) und Italien (587). In Lateinamerika liegen Chile (578) und Brasilien (558) an zweiter und dritter Stelle.

Insgesamt starben bereits 28.000 der circa 33 Millionen Peruaner an Covid-19 – die Hälfte davon in der zehn Millionen Einwohner zählenden Metropolregion Lima. Die sogenannte Übersterblichkeit in der Periode seit März beträgt 65.000. Inwiefern diese Zahl direkt durch das Virus bedingt ist oder indirekt durch die allgemeine Überlastung des Gesundheitssystems, bleibt bislang unklar und wird vom Gesundheitsministerium untersucht.

Zugleich zeichnet sich eine tiefe Wirtschaftskrise ab: Im zweiten Quartal sackte Perus Wirtschaft um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ab – ebenfalls weltweite Spitze. 40 Prozent aller formellen Arbeitsplätze gingen verloren und führen zu einem Anstieg des informellen Sektors, der bereits vor der Krise 70 Prozent aller Beschäftigten beherbergte.

"Die [wirtschaftlichen] Aktivitäten erreichten im April ihren Tiefststand und erholten sich langsam im Mai und Juni, bleiben aber weit unter dem Niveau vor dem Ausbruch der Krankheit", erklärt Ökonom Felipe Hernandez. "Eine Erholung der globalen Nachfrage sowie hohe Kupfer- und Goldpreise sollten etwas Entspannung bringen, aber die Politik muss effektivere Stimulus-Maßnahmen ergreifen."

In der Tat setzt die Regierung von Präsident Martín Vizcarra auf eine Aktivierung des Bergbausektors zur Wiederbelebung der Wirtschaft. Dafür sollen Umwelt- und Menschenrechtsstandards gesenkt werden. Diese Strategie führte zuletzt zu einem erneuten Anstieg sozialer Konflikte in den Bergbauregionen, die wirtschaftlich kaum profitieren und unter der hohen Umweltbelastung leiden.

Inmitten der Krise begannen am Mittwoch Ärzte und Pflegepersonal des öffentlichen Gesundheitssektors einen 48-stündigen Streik, um bessere Schutzausrüstung und die Ausweitung der Bonuszahlungen an die Beschäftigten einzufordern. Der Streik betrifft alle nicht notfallbezogenen Bereiche.

"Bei unserem Anliegen geht es um keine Gehaltserhöhung, sondern darum, dass das Leben unser Mitarbeiter geschützt wird", erläutert Wilfredo Ponce Castro, Gewerkschaftssekretär der Sektion Lima. "Darüber hinaus fordern wir, dass der Bonus alle Gesundheitsarbeiter erreicht, die jeden Tag im Einsatz sind, denn bislang haben nur 7.000 der insgesamt 25.000 Mitarbeiter an der medizinischen Front einen Bonus erhalten."

Gesundheitsministerin Pilar Mazzetti hingegen fordert mehr Opferbereitschaft von Ärzten und Pflegepersonal: "Wir alle haben absolut verständliche Nöte, aber ich glaube, es ist nicht der Moment solche drastischen Maßnahmen [wie einen Streik] zu ergreifen. Unsere Bevölkerung braucht das Gesundheitssystem und das Virus streikt nicht."

Bisher verstarben allerding auch schon 146 Ärzte an Coronavirus-Infektionen, die sie im Einsatz erlitten.

Trotz Aufhebung des strikten Lockdowns am 1. Juli in den meisten Regionen des Landes bleiben weiterhin strenge Maßnahmen in Kraft. Nachts herrscht zwischen 22 und vier Uhr ein absolutes Ausgangsverbot. Seit August gilt dieses auch wieder für den gesamten Sonntag. Kinder unter 14 Jahren sowie Senioren ab 65 Jahren müssen weiterhin zuhause bleiben. Soziale Kontakte wurden nach dem Fallanstieg im Juli erneut verboten.

Bei Verstößen greifen Behörden rigoros durch: Erst jüngst kamen bei einem Polizeieinsatz in einer illegal betriebenen Diskothek 13 Menschen ums Leben. Die Ankunft der Sicherheitskräfte hatte eine Massenpanik ausgelöst, bei der mehrere Feiernde nahe des einzigen Notausgangs, der versperrt war, totgetrampelt wurden.

Die Polizei betonte, korrekt und den Vorschriften gemäß gehandelt zu haben. In den sozialen Medien entbrannte daraufhin eine Diskussion: Viele äußerten sich hämisch über die Tragödie und sahen in der Katastrophe eine gerechte Strafe für die Quarantänebrecher.

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